Andrea erzählt 32: Joannes Überraschung (25. September 2015)

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, herzlich willkommen zur Sendung «Andrea erzählt» vom 25. September 2015. Letztes Mal habe ich Ihnen davon erzählt, wie sehr Joanne die Streetparade gefallen hat. Und wie froh ich war, dass ich in ihrer Wohnung bleiben durfte, weil es mir draussen viel zu heiss war und zu viele Leute hatte. Doch nun ist der Sommer vorbei und wir sind mitten in den Proben für unser Theaterstück. Denn am Samstag den 14. November ist die erste Aufführung. Gern erzähle ich Ihnen, welche Probleme wir mit unserer Theatergruppe hatten – und wie wir sie lösen konnten.
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Ich wünsche Ihnen viel Spass!

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Im Moment sind Joanne und ich drei Mal in der Woche bei den Proben. Vor allem Joanne muss immer dort sein und das Bühnenbild anpassen. Zudem macht sie neu auch das Licht [1] zusammen mit Evelyne. Da hat sie natürlich sehr viel zu tun. Auch Céline, Mirjam, Erich und Jonas arbeiten sehr hart. Das Stück hat nicht nur sehr viel Text, es ist auch enorm wichtig, dass die Schauspieler ihre Figuren verstehen und ihre Gefühle spüren können. Sonst funktioniert das nicht.
Leider sind die Proben im Moment noch schwieriger als nötig. Das Problem: Erich kann seinen Text immer noch nicht auswendig [2]. Ich verstehe das ja, es ist wirklich sehr viel. Aber für die anderen drei und für Franco ist das sehr mühsam [3]. Sie können nicht richtig arbeiten. Und es gehört halt nun mal zum Theaterspielen dazu, dass man seinen Text lernt.

Weil es einfach nicht besser wurde mit Erich, trafen wir uns letzte Woche alle bei Franco. Er wollte, dass wir alles besprechen [4] und fragte direkt: «Erich, was ist genau dein Problem? Hast du Schwierigkeiten [5] dir den Text zu merken? Oder hast du einfach zu wenig Zeit oder zu wenig Lust?» Erich schwieg [6] und schaute auf seine Schuhe. Es war, als könnte er nicht hören, was Franco ihn fragte. Ich ärgerte mich, aber Franco blieb ruhig. Dann endlich sagte Erich ganz leise: «Ich kann das nicht. zehn, elf Stunden arbeiten pro Tag und dann noch Text lernen. Es ist einfach zu viel. Zudem ist meine Frau langsam wütend auf mich, weil ich fast keine Zeit mehr habe für die Kinder.» Franco nickte und sagte: «Ja, das kann ich gut verstehen. Aber es wäre besser gewesen, wenn du das früher gesagt hättest. Und auch fairer [7] für die anderen. Jetzt wird es sehr schwierig, noch jemanden zu finden. Aber mach dir keine Sorgen, wir sind nicht wütend. Es kann jedem passieren, dass er zu viel in seinen Rucksack packt [8].»
Da rief Joanne: «Oh, ich weiss schon, wen wir fragen könnten. Michael! Er hat früher auch Theater gespielt. Und er war wirklich gut. Er ist einfach ein bisschen schüchtern [9].»

Erich sah sehr erleichtert [10] aus. Die anderen waren noch unsicher. Aber dann sagte Mirjam: «Ja, es ist blöd. Aber es ist jetzt eben passiert. Ich finde, Joanne sollte Michael fragen.» Jetzt waren auch alle anderen einverstanden. Ich musste lachen. Amer Michael! Da sass er in Ruhe zu Hause und wusste nicht, dass am anderen Ende der Stadt eine Gruppe von Menschen Pläne für ihn machte.

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Am nächsten Morgen rief mich Joanne schon um sieben Uhr an und sagte: «Entschuldige, dass ich so früh telefoniere. Aber ich weiss ja, dass du schon wach bist. Hör mal, ich muss es dir einfach erzählen. Weisst du, was Michael gesagt hat? Zuerst hat er natürlich „nein“ gesagt. Er spricht nicht so gern vor anderen Leuten. Aber dann hat er plötzlich gelächelt und gesagt, dass er seit vielen Jahren wieder Theater spielen möchte. Wenn er nämlich auf der Bühne ist, ist er gar nicht mehr schüchtern. Er ist dann ja nicht mehr Michael, sondern eben jemand anderes. Und er geht ja selbst so gern ins Theater.»
Das waren ja wunderbare Neuigkeiten! Doch dann sprach Joanne weiter: «Aber jetzt haben wir ein neues Problem. Jonathan wurde richtig wütend, als wir ihm alles erzählten. Er findet es schon schlimm genug, dass ich drei Mal in der Woche weg bin und wenn nun auch noch Michael weg ist, fühlt er sich von uns allein gelassen. Was sollen wir nur tun?»
Ich sagte zu ihr: «Da finden wir sicher eine Lösung. Am besten kommt ihr heute Abend zu uns zum Essen. Dann schauen wir, was wir tun werden.»

Ich kochte uns eine Kürbissuppe und dann setzten wir uns alle zusammen. Ich hatte den ganzen Tag lang über eine Idee nachgedacht und erklärte sie nun: «Ich muss selbst ja nicht mehr so oft zu den Proben. Die Kostüme sind fertig und schminken muss ich erst bei den letzten Proben wieder und dann während der Aufführungen. Bis dahin bin ich oft zuhause — und sonst ist ja Adrian da.» Das ist mein Mann. «Jonathan kann doch an den Probeabenden zu uns kommen und mit Samuel Hausaufgaben machen und hier schlafen.» Jonathan und Samuel besuchen nämlich immer noch dieselbe Schule. Seit den Sommerferien sind sie in der Sekundarschule [11] am Hirschengraben. Für Jonathan ist das recht weit weg von seinem neuen Zuhause. Aber er wollte unbedingt mit seinen Freunden zusammenbleiben, die er schon kannte. Er hatte sie ja erst gerade kennengelernt, als er in die Schweiz gekommen war. Deshalb hat die Schule das erlaubt. Wir aber wohnen nur drei Minuten vom Schulhaus entfernt. Darum rief Jonathan sofort: «Oh das wäre toll, dann muss ich am Morgen nicht so früh aufstehen. Also ich bin einverstanden!» Auch Samuel war ganz glücklich. Dann gingen die zwei sofort sie in Samuels Zimmer und schlossen die Türe hinter sich zu. Dort hörten wir sie flüstern [12] und lachen. Wir Grossen tranken inzwischen noch etwas Wein und Joanne und Michael dankten uns für die schöne Idee, die ja allen Freude macht.

Dann plötzlich flog Samuels Türe wieder auf und die beiden Jungs stellten sich wichtig vor uns hin. Sie grinsten [13] und dann sagte Samuel: «Gut, wir finden es ok, wenn ihr das machen könnt, was euch gefällt. Aber dann wollen wir das auch. Wir wollen nämlich aufhören mit Eishockey. Dafür 20150925 d boxing gloves 390432 640wollen wir zusammen Boxen lernen.»
Ich wollte sofort «nein» sagen. Beim Boxen denke ich immer an schlimme Verletzungen im Gesicht und am Gehirn.

Aber die beiden Jungs hatten heimlich [14] schon vieles herausgefunden und Jonathan sagte: «Es gibt einen Box Club, bei dem man eigentlich erst mit 15 anfangen darf. Wir haben angerufen. Sie haben uns gesagt, wenn wir zu zweit hingehen, und ihr einverstanden seid, dürfen wir schon jetzt mit 13 kommen. Weil wir dann ja einen gleich alten Partner haben. Zudem gehen wir nur in das Fitnessboxen. Dort schlagen wir uns nicht ins Gesicht. Bitte, bitte, sagt ja!»
Adrian, mein Mann, ist grosser Boxfan. Aber er ist auch ein Vater. Ich konnte in seinem Gesicht sehen, wie er über beide Seiten der Geschichte nachdachte. Dann sagte er: «Ich finde es eigentlich nicht gut, wenn ihr einfach mit dem Eishockey aufhört. Man kann doch nicht plötzlich sein Hobby wechseln, nur weil es einem grad nicht mehr gefällt. Aber dass ihr boxen wollt, finde ich toll.»
Zum Schluss war es Michael, der das Wichtigste sagte: «Also ehrlich gesagt, wir sind doch alle froh, wenn wir nicht mehr jedes Wochenende an Hockeyspiele fahren müssen. Und du, Joanne, hast ja auch nicht mehr so viel Zeit für die Trainings, seit du Theater machst. Also, ich sage ja!» Nun waren auch wir anderen einverstanden.

Die Jungs tanzten vor Freude um den Tisch und Jonathan gab Michael sogar einen Kuss auf die Wange. Wie einem richtigen Vater.
Das war alles gar nicht so schwierig gewesen, wie wir gemeint hatten und nun waren wir glücklich. Wenn sie mich fragen: Ich glaube, die Jungs wollen vor allem boxen, weil die Mädchen in ihrer Klasse das cool finden. Samuel hat nämlich eine Freundin. Er hat mir das zwar nicht selbst gesagt. Aber natürlich erzählen wir Mütter uns hier solche Sachen. Ich glaube, dass auch Jonathan in ein Mädchen verliebt ist, aber da bin ich nicht ganz sicher.

***

So kam es also, dass Michael nach fast 20 Jahren wieder auf die Bühne zurückkehrt, dass unsere Jungs ein neues Hobby haben und Jonathan ganz oft bei uns zuhause ist.

Aber der harte Teil kam erst noch. Michael musste nämlich in nur einer Woche den ganzen Text lernen. Und weil in dem Stück alle vier Schauspieler eine Hauptrolle spielen, ist das sehr viel! Joanne half ihm dabei. Bei der nächsten Probe sah sie richtig müde aus. Sie sagte: «Uff, jetzt verstehe ich Erich. Es ist wirklich nicht einfach, so viele Wörter auswendig zu lernen. Da merkt man mal, dass wir langsam alt werden.» Diesmal sagte ich nicht, dass sie übertreibt. Ich glaube nämlich, dass sie Recht hat. Leider.

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Und jetzt wünsche ich auch Ihnen spannende Lösungen für die Probleme des Alltags. Oder noch besser: Ich wünsche Ihnen, dass Sie gar keine haben. Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie auch am 9. Oktober wieder auf www.podclub.ch oder über unsere App mit dem neuen Vorkabeltrainer dabei sind, wenn es heisst «Andrea erzählt». Dann erzähle ich Ihnen von einer weiteren sehr unerwarteten Geschichte.
Schönen Tag und auf Wiederhören!


[1] das Licht machen: Ausdruck aus dem Theater für die Beleuchtung machen, das Licht in einem Stück
[2] etwas auswendig können: etwas im Kopf haben, zum Beispiel einen Theatertext oder ein Lied oder ein Gedicht
[3] mühsam: anstrengend, bemühend
[4] etwas besprechen: über etwas bestimmtes reden (über ein Thema, ein Problem)
[5] die Schwierigkeiten: Probleme, Mühe
[6] schweigen: nichts sagen
[7] fair: gerecht, anständig
[8] zu viel in seinen Rucksack packen: (Redewendung) sich zu viel vornehmen, zu grosse Pläne machen
[9] schüchtern: scheu, nicht mutig
[10] erleichtert: froh darüber, dass ein Problem gelöst ist, weg ist
[11] die Sekundarschule: Oberstufe (nach der Primarschule)
[12] flüstern: ganz leise sprechen
[13] grinsen: frech lächeln
[14] heimlich: im Geheimen, ohne dass jemand anderes etwas davon weiss