Andrea erzählt 33: Ein fast perfekter Geburtstag (23. Oktober 2015)

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, herzlich willkommen zur Sendung «Andrea erzählt» vom 23. Oktober 2015. Letztes Mal hatte ich Ihnen erzählt, dass wir unser Stück nicht in Francos Wohnung zeigen dürfen. Die Verwaltung [1] hatte es verboten [2]. Aber glücklicherweise können wir es nun im Schulhaus von Samuel und Jonathan spielen. Das Blöde ist nur, dass Joanne jetzt ein neues Bühnenbild machen muss, weil das alte nicht dort hinein passt. Da ist es gut, sind in den letzten beiden Wochen auch noch andere Dinge passiert. Ich hatte zum Beispiel Geburtstag. Und Joanne hatte einen ganz besonderen Plan dafür. Gern erzähle ich Ihnen heute davon. Denken Sie dabei auch an unseren neuen Vokabeltrainer in der PodClub-App. Damit können Sie die schwierigen Wörter in einem Podcast dorthin importieren und ganz einfach üben – wann und wo Sie wollen.
Ich wünsche Ihnen viel Spass!

***

Seit Joanne in der Schweiz lebt, ist sie zu meiner besten Freundin geworden. Und ihr geht es mit mir genauso. Das weiss ich, weil sie mir letzthin eine SMS geschrieben hat, in der stand: «Liebe Andrea, danke, dass du immer für mich da bist. Ohne dich wäre es hier nur halb so schön. Liebe Grüsse, deine Freundin Joanne.»

Das hat mich extrem gefreut. Aber ich hätte auch wissen müssen, dass Joanne kein Mensch ist, der einfach nur [3] eine SMS schreibt. Sie hatte nämlich einen Plan, von dem ich damals noch nichts wusste. Er hatte etwas mit meinem Geburtstag vom 4. Oktober zu tun.

Am Abend des 3. Oktobers kam mein Sohn Samuel zu mir und sagte: «Mama, es geht mir gar nicht gut. Ich glaube, ich werde krank.» Ich dachte sofort: «Oje, aber morgen ist doch mein Geburtstag.» Dann hatte ich sofort ein schlechtes Gewissen [4] und sagte zu Samuel: «Oh, du Armer. Das tut mir leid. Was ist denn los mit dir?»
Er schaute wie ein trauriger Hund und sagte: «Ich weiss es auch nicht. Ich habe Kopfweh und Bauchweh und mir ist es übel.»

Ich streichelte [5] ihm über den Kopf und sagte: «Komm Kleiner, leg dich in der Stube auf das Sofa. Ich mach dir einen Tee. » Als ich mich zu ihm setzte, sagte er: «Ach Mama, das ist so blöd, du hast doch morgen Geburtstag. Ich will ihn dir wirklich nicht kaputtmachen.» Dabei sah er so süss und krank aus. Jetzt schämte ich mich gleich noch mehr dafür, dass ich mich vorhin geärgert hatte. Also erklärte ich ihm ganz liebevoll, dass mein Geburtstag doch nicht so wichtig sei. Das ist natürlich nicht wahr, aber ich wollte ihm das nicht sagen.

Am nächsten Morgen weckte mich mein Mann mit einem Kaffee und einem Strauss roter Rosen und gratulierte mir. Dann sagte er: «Leider können wir nicht mit dir zu einem Brunch nach draussen gehen, Samuel ist immer noch krank. Das tut uns sehr leid. Vielleicht magst du ja mit einer Freundin gehen?» Das wollte ich natürlich nicht. Das Wichtigste war doch, dass wir alle zusammen waren. Aber wenn ich ehrlich bin: Ja, ein bisschen traurig war ich schon.

Also sassen wir eben alle drei auf dem Sofa und tranken Kaffee und Tee und schauten uns dabei «Hotel Transsylvanien» an. Das ist ein superlustiger Film über einen Dracula-Vater, der ein Hotel für Monster hat. Er hat es gebaut, weil die Menschen Monster hassen. Aus diesem Grund lässt er auch seine Tochter nie aus dem Schloss hinaus, was ihr natürlich nicht gefällt. Ich freue mich sehr darüber, dass der zweite Teil des Films jetzt in den Schweizer Kinos ist.
An einer besonders lustigen Stelle musste Samuel so lachen, dass ich ihn genau ansah und sagte: «Hm, aber so richtig krank kannst du nicht sein, wenn du so laut lachen magst.» Sofort war er ganz still und lachte für den Rest des Films nicht mehr. Das fand ich ein bisschen komisch, aber ich sagte nichts.

Kurz vor dem Mittag klingelte es plötzlich an der Türe. Als ich öffnete, kam Joanne mit einem grossen Blumenstrauss die Treppe hinauf – und hinter ihr etwa fünfzehn Leute! Viele aus meiner Theatergruppe waren dabei, meine Eltern und drei gute Freudinnen. Alle trugen Teller und Schüsseln [6] mit feinen Dingen.
Ich konnte es fast nicht glauben. Was für eine Überraschung! Und dann stand plötzlich auch noch Samuel neben mir und grinste [7]. Er sagte: «Hihi, sorry Mama, dass ich dir Sorgen gemacht habe. Aber wir mussten doch sicher sein, dass du nicht rausgehst. Ich bin natürlich nicht krank. Das war eine Idee von Joanne.»

Da musste ich lachen, auch wenn ein kleiner Teil von mir ein wenig genervt [8] war. Ich hatte mir Sorgen gemacht um mein Kind und Joanne war schuld daran. Sie als Mutter sollte doch wissen, dass so was nicht lustig ist. Aber weil alle anderen jetzt lachten, fand es dann doch witzig [9]. Ich war ja froh, dass Samuel nicht wirklich krank gewesen war.

***

Geburtstagstorte (c) wikimediaPlötzlich war also alles laut und lebendig bei uns. Und auf dem Tisch standen Kuchen, Früchte, frischer Zopf [10], Käse, Wurst, Eier, Saft, Milch, Tee und Kaffee – einfach alles! Das fand ich wunderschön. Auch wenn es für mich schwierig ist, wenn plötzlich so viele Menschen in meiner Wohnung sind, ohne dass ich es vorher weiss. Und dann nahm mich Joanne auch noch am Arm und sagte: «Andrea, es tut mir leid, dass es nur so wenige sind. Weisst du, ich hatte über 50 Leute eingeladen, aber leider sind viele in den Ferien. Ich hoffe du bist nicht traurig!»
Oh nein, das war ich wirklich nicht! Ich war so froh, dass es nicht geklappt [11] hatte. Ich glaube bei 50 Überraschungs-Besuchern wäre ich durchgedreht. [12]

Wir sassen den ganzen Nachmittag in meiner Stube und assen und redeten bis wir alle müde und satt [13] waren. Langsam ging einer nach dem anderen wieder nach Hause. Als die Wohnung leer war, sah ich, was für ein grosses Chaos bei uns war. Ich wollte gerade anfangen, aufzuräumen, aber Joanne sagte nur: «Nein, nein, das tust du nicht. Du hast Geburtstag und wer Geburtstag hat, arbeitet nicht. Ihr geht jetzt ins Kino und in dieser Zeit räumen ich und Michael alles auf. Das gehört zu meinem Geschenk dazu.»

Das war toll! Ich freute mich sehr, auch wenn ich es eigentlich nicht mag, wenn andere Leute für mich aufräumen und putzen. Aber Joanne kannte ich gut genug. Darum machte es mir nichts aus [14].

Also gingen wir ins Kino und schauten uns gleich noch einen zweiten Film an: Diesmal war es ein Dokumentarfilm über fünf Frauen, die mit Raubtieren arbeiten. Er heisst «Wild Women, Gentle Beasts» (Wilde Frauen und sanfte [15] Bestien) und ist sehr spannend. Vor allem über die eine Frau aus Deutschland haben wir nachher noch lange gesprochen. Sie arbeitet allein mit Tigern und sagt von sich, dass sie eine Perfektionistin [16] sei. Darum lebt sie auch ohne Partner. Es ist für sie zu schwierig, einen Mann zu finden, der zu ihr passt und den es nicht stört, dass sie mit allen so streng [17] ist.

Als wir später heimkamen, waren Joanne und Michael schon weg. Sie hatten wirklich alles aufgeräumt. Aber für mich war es nicht sauber genug und ich fing an, überall nochmals zu putzen und besser aufzuräumen. Da kam Samuel und zog an meinem Arm: «Mama! Du bist wie die Frau mit den Tigern. Hör einfach auf zu putzen und freue dich über die vielen Menschen und das schöne Fest heute. Der Rest ist doch egal.»
Ich sagte: «Oh, du Lieber, du hast ja so recht. Auch wenn du eine kleiner Lügner [18] bist.» Dann nahm ich ihn fest in den Arm und fühlte mich einfach nur noch glücklich. Glücklich über meine Freunde, glücklich über meine Familie und ganz besonders glücklich über meinen wunderbaren Sohn. Ich sagte zu ihm: «Du bist das allerschönste Geburtstagsgeschenk, das ich heute bekommen habe.»

***

Ja, an diesen Geburtstag werde ich noch lange denken. Und an die Frauen, die mit ihren Tigern und Bären arbeiten. Ich werde auch daran denken, wenn ich das nächste Mal finde, dass es schwierig ist, mit Franco zu arbeiten. Sobald ich mir vorstelle, dass er ein Tiger sein könnte, finde ich ihn sicher wieder einfach.

Falls Sie mal Zeit haben, einen der Filme zu sehen, von denen ich Ihnen erzählt habe, fände ich das natürlich schön. Ich hoffe, sie gefallen Ihnen genauso wie mir.
Jetzt wünsche ich Ihnen eine schöne Zeit. Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie auch am 6. November wieder auf www.podclub.ch oder über unsere App mit dem neuen Vokabeltrainer dabei sind, wenn es heisst «Andrea erzählt». Dann erzähle ich Ihnen von unserem Endspurt [19] bei den Proben. Eines kann ich Ihnen schon jetzt versprechen: Langweilig wir das bestimmt nicht!
Auf Wiederhören!


[1] die Verwaltung: das Büro, das sich um eine bestimmte Sache kümmert, z.B. die Hausverwaltung, die alles erledigt, was mit einem Haus zu tun hat
[2] etwas verbieten: es ausdrücklich nicht erlauben
[3] einfach nur: bloss
[4] das schlechte Gewissen: wenn man sich für etwas schämt, was man getan oder gesagt hat, weil man es selbst nicht in Ordnung findet
[5] streicheln: sanft und zärtlich mit der Hand über etwas fahren
[6] die Schüssel: Gefäss, das relativ gross und tief ist, für Suppen, Salat oder Creme
[7] grinsen: frech lächeln
[8] genervt: ärgerlich, wütend
[9] witzig: lustig
[10] der Zopf: typisch schweizerisches Hefegebäck, das vor dem Backen geflochten wird, (wird meist am Sonntag gegessen)
[11] klappen: funktionieren
[12] durchdrehen: ausflippen, den Verstand verlieren
[13] satt: wenn man genug gegessen hat
[14] es macht einem nichts aus: es stört einem nicht
[15] sanft: friedlich
[16] die Perfektionistin / der Perfektionist: jemand, der alles, was er tut, ganz ohne Fehler und so gut wie überhaupt machen will und nie zufrieden ist
[17] streng: fordernd, ungnädig
[18] der Lügner: jemand, der nicht die Wahrheit sagt, falsche Dinge erzählt, eigentlich ein sehr negatives Wort, aber wenn man ein «klein» davor stellt, kann es auch liebevoll gemeint sein (wie hier)
[19] der Endspurt: grosse Anstrengung auf den letzte Metern eines Rennes, aber auch eines Projektes

KOMMENTARE ANZEIGEN  

Yo 27-10-2015 06:22
Echt cool!