Andrea erzählt 34: Premiere (20. November 2015)

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, herzlich willkommen zur Sendung «Andrea erzählt» vom 20. November 2015. Letztes Mal hatte ich Ihnen ja erzählt, dass wir am 14. November Premiere haben werden mit unserem Stück — und wie eine unglückliche Liebesgeschichte zwischen Céline und Jonas fast alles durcheinandergebracht [1] hätte. Inzwischen [2] haben wir beides hinter uns [3] und ich erzähle Ihnen heute sehr gern, wie alles gelaufen ist.
Ich wünsche Ihnen viel Spass!

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Damit Sie es gleich wissen: Ja, am Schluss ist alles gut gekommen mit unserem Stück. Doch bis es soweit war, ist viel passiert. Aber am besten erzähle ich Ihnen alles von Anfang an.

Drei Tage vor der Premiere hatten wir die erste Hauptprobe [4]. Sie lief wunderbar. Also waren wir alle sehr glücklich und hatten ein gutes Gefühl. Wir hatten ein paar Freunde als erste Test-Zuschauer eingeladen. Auch Célines Töchter waren dabei und wir alle spürten, dass sie Jonas immer besser mögen. Das ist sehr schön und Céline und Jonas spielen jetzt wieder richtig toll. Sie sind ja auf der Bühne ein Ehepaar und da ist es sehr blöd, wenn die Schauspieler Probleme haben miteinander.

Am Freitag, dem Tag nach der Hauptprobe, hatten wir frei. Franco sagte: «Ich will, dass ihr euch gut erholt und euch auf die Generalprobe [5] vom Freitag vorbereitet. Am besten schlaft ihr viel und geht nach draussen zum Spazieren. Die frische Luft wird euch gut tun.»

Also gingen Joanne, Michael und ich am Donnerstag-Nachmittag an den See, um uns zu entspannen [6] und eine heisse Schokolade zu trinken. Michael sagte gleich zur Begrüssung: «Ah, ihr habt es gut — eure Arbeit mit den Kostümen, der Bühne und den Requisiten ist ja fast fertig. Aber ich bin so nervös!» Der Arme sah wirklich nicht gut aus. Er war bleich [7] und sagte die ganze Zeit: «Warum mache ich das überhaupt? Ich bin so blöd! Ich habe doch vor zwanzig Jahren mit dem Theaterspielen aufgehört, weil ich immer so starkes Lampenfieber [8] hatte. Und jetzt spiele ich Dummkopf wieder und ich möchte am liebsten sterben vor Angst.»

Da hatte Joanne eine gute Idee, die dann leider doch nicht so gut war. Sie sagte: «Am besten gehen wir in das schöne Kaffeehaus aus buntem Glas. Dort trinken wir eine heisse Schokolade – mit Schnaps. Das wärmt und hilft gegen die Nervosität.» Es war wirklich lecker. Und lustig war es auch.
Leider bestellte Joanne noch eine zweite Schokolade mit Schnaps und rief dann fröhlich: «Kommt, wir gehen noch ganz nach vorne ans Zürichhorn. Dort können wir über die Steine im Wasser gehen. Ich liebe das!»
Beim Zürichhorn, dem vordersten Teil des Parks am Zürichsee, gibt es einen Teich [9]. Darin schwimmen Enten und ich habe ihn schon als Kind geliebt. Er wurde 1959 für eine grosse Garten-Ausstellung gebaut und heisst Nymphenteich. Darin gibt es einen Weg aus künstlichen Steinen, über die man sozusagen über das Wasser gehen kann.

Wir gingen also zum Teich und balancierten lachend über die Steine – und ja, Sie haben es sicher schon herausgefunden: Joanne rutschte natürlich aus und wollte sich an Michael festhalten. So kam es, dass beide mit einem lauten «Platsch» ins Wasser fielen. Das war wirklich sehr dumm von ihr, mitten im November und zwei Tage vor einer Theaterpremiere. Aber auch wir waren dumm. Wir hätten einfach «nein» sagen müssen.

Auf jeden Fall waren wir alle sofort wieder nüchtern [10]. Ich half Joanne und Michael aus dem Wasser und wir gingen schnell nach Hause. Ins Tram oder in ein Taxi konnten die beiden mit ihren nassen Kleidern ja nicht. Der Heimweg dauerte fast eine halbe Stunde. Und natürlich erkältete sich Michael fürchterlich.

Am nächsten Tag hatte er Fieber und Husten. An diesem Tag war die Generalprobe. Wir hatten schon tagelang Witze gemacht und gesagt: «Oh, eine Generalprobe am Freitag den 13. — Das ist ja super, dann läuft sie bestimmt schlecht. Wir haben Glück.»
Das klingt vielleicht etwas komisch, aber in der Theaterwelt gibt es sehr viel Aberglauben [11]. Und einer davon sagt: Wenn die Generalprobe schlecht ist, wird die Premiere gut.

Als wir uns am frühen Abend alle trafen, war Franco schockiert darüber, dass Michael so krank war. Joanne wollte schon etwas dazu sagen. Aber Michael und ich sahen sie ganz böse an. Sie merkte schnell, dass es besser war, Franco jetzt nichts von unserem Schnaps und dem Nymphenteich zu erzählen. Später vielleicht, aber sicher nicht heute.

Die Probe ging trotzdem sehr gut und Céline sagte danach: «Das macht mich alles ein bisschen nervös. Hoffentlich stimmt der Aberglaube nicht. Denn dann würde ja die Premiere schlecht.» Franco wurde wütend und sagte: «Hör auf, solchen Blödsinn [12] zu reden! Ihr geht lieber ins Bett und bleibt gesund. Und du Michael, nimm Medikamente. Das ist ja schrecklich, wenn du die ganze Zeit so husten musst. Gute Nacht.» Dann ging er nach Hause, ohne noch etwas zu sagen. Aber das war nicht so schlimm, wir kennen ihn ja und wissen, dass er eigentlich ein netter Mensch ist.

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Ich glaube, keiner von uns hat gut geschlafen in jener Nacht. Aber alle waren am nächsten Tag pünktlich im Schulhaus und ich konnte anfangen mit Schminken. Eineinhalb Stunden vor der Premiere sah alles gut aus. Die Bühne war bereit, alle Tickets waren verkauft, Céline und Jonas hielten Händchen und strahlten. Nur Michael hustete und sah auch sonst schrecklich aus. Er war so nervös, wie vor einer Prüfung. Joanne sagte: «Mach dir keine Sorgen, mein Schatz! Das wird schon gut werden. Ich bringe dir einen Tee. Ohne Schnaps, natürlich.» Sie lachte, aber Michael hatte an diesem Abend keinen Sinn für Humor.

Franco rief alle zusammen und sagte: «Schaut, ich habe es mir überlegt. Der Mann in dem Stück könnte ja wirklich erkältet sein. Zieh dir also diesen Schal an, Michael, und packe ganz viele Taschentücher in deine Hosentaschen. Wenn du zu viel schnäuzen [13] oder niessen musst, dann sagen eben die anderen etwas dazu. Baut die Erkältung ins Stück ein, dann stört sie das Publikum nicht. Jonas, du kannst ja in der grossen Streit-Szene am Schluss sagen, dass dich Michaels blöde Bakterien nerven. Schafft ihr das?»
Alle nickten. Sie kannten das Stück und einander so gut, das würde sicher klappen.

Endlich war es soweit. Der Saal war voll und alles bereit. Da nahm Joanne das runde Glas mit dem Goldfisch, das auf dem Tisch stehen muss. Weil wir nicht wollen, dass der Fisch zu viel Stress hat, wird er immer erst kurz vor der Aufführung aus der dunklen Ecke auf die helle Bühne getragen.

20151120 D GoldfischDoch leider stolperte [14] Joanne über ein Kabel und das Glas fiel ihr aus der Hand und auf den Boden. Armer Fisch! Das Glas zerbrach wenigstens nicht, aber es hatte einen grossen Sprung [15]. Es war sofort klar, dass man es so nicht auf die Bühne stellen konnte. Oje. Franco kam und half Joanne auf die Beine. Sein Kopf war ganz rot. Er war sehr wütend. Denn das Goldfischglas ist wichtig in dem Stück: Die Ehefrau des einen Paares wirft nämlich das Handy ihres Mannes dort hinein, weil sie genervt ist, dass er die ganze Zeit telefoniert. Darum sagte ich schnell: «Franco, du musst dich nicht aufregen. Ich rufe Samuel an, er soll unsere blaue Salatschüssel aus Glas bringen.» Zehn Minuten später war Samuel da und der arme Goldfisch schwamm in meiner Salatschüssel.

Endlich konnte das Stück beginnen. Der Aberglaube mit der Generalprobe stimmt also nicht: Es war nämlich ein grosser Erfolg! Trotz der Salatschüssel. Und lustigerweise war Michaels Husten und Schnäuzen ein richtiger running Gag. Also ein Witz, der so oft wiederkommt, bis die Zuschauer schon lachen müssen, bevor überhaupt etwas passiert. Wir waren so glücklich, vor allem Michael. Sein Lampenfieber war endlich vorbei und jetzt konnten wir Franco erzählen, warum er sich erkältet hatte. Er nahm es locker [16].

Aber Michael sollte sogar noch viel glücklicher werden an diesem Abend! Genau um Mitternacht stand Joanne auf und schlug mit dem Fingernagel an ihr Glas, bis alle still waren. Dann sagte sie: «Michael. Du bist der wunderbarste Mann, den ich je kennenlernen durfte. Möchtest du mich immer noch heiraten? Ich will!»

Nun weinten und lachten wir alle zur gleichen Zeit und Michael und Joanne umarmten sich lange. Was für ein berührender Theaterabend.

***

Ich weiss nicht, ob Sie Theater mögen. Ich selbst kann es nicht so genau sagen, wie ich es finde. Manchmal mag ich es, manchmal nicht. Aber wenn Theater richtig gut ist und einem berührt, dann ist das ein absolut magisches Gefühl, das einem kein Film geben kann. Alles ist echt und passiert live in diesem Moment. An diesem 14. November mochte ich Theater nicht nur, ich war sogar richtig verliebt in diese besondere Kunst!
Falls Sie das Gefühl noch nicht kennen, probieren Sie es aus! Es lohnt sich. Vielleicht klappt es nicht beim ersten Mal. Aber wenn Sie Geduld haben, werden Sie verstehen, was ich meine.
Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie auch am 4. Dezember wieder auf www.podclub.ch oder über unsere App mit dem neuen Vokabeltrainer dabei sind, wenn es heisst «Andrea erzählt». Dann erzähle ich Ihnen, wie die anderen fünf Aufführungen gelaufen sind — und natürlich von Joannes Hochzeitsvorbereitungen. Auf Wiederhören!


[1] durcheinanderbringen: Chaos anrichten, eine Ordnung stören
[2] inzwischen: seither, mittlerweile
[3] etwas hinter sich haben: etwas ist vorbei, man hat etwas durchgestanden
[4] die Hauptprobe: eine der letzten Proben eines Stücks (die letzte Probe vor der Generalprobe)
[5] die Generalprobe: die letzte Probe vor der Premiere (manche Theater machen sogar eine erste und eine zweite Generalprobe)
[6] entspannen: vom Stress erholen, sich beruhigen
[7] bleich: blass, mit sehr heller Haut, wird oft als Zeichen für Krankheit oder Sorgen gesehen
[8] das Lampenfieber: Aufregung, Nervosität, Angst vor einem Bühnenauftritt
[9] der Teich: sehr kleiner See
[10] nüchtern: nicht betrunken, klar
[11] der Aberglaube: wenn man an Zeichen glaubt, und meint, dass sie etwas bedeuten, zum Beispiel Glück oder Unglück bringen (z.B. ein schwarze Katze)
[12] der Blödsinn: Unsinn, Dummheit
[13] schnäuzen: die Nase putzen
[14] stolpern: über etwas drüber fallen
[15] der Sprung: ein feiner Riss in einem harten Material
[16] etwas locker nehmen: gelassen, ruhig bleiben