Andrea erzählt 35: Jonathans grosse Idee (18. Dezember 2015)

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, herzlich willkommen zur Sendung «Andrea erzählt» vom 18. Dezember 2015. Schön, sind Sie wieder dabei. Dies ist ja die letzte Sendung über Joanne. Ab dem Januar werde ich hier für Sie mit einer neuen Serie starten. Sie heisst: «Eine kleine Schweizer Reise». Darin erzähle ich Ihnen jeweils von einem Ort in der Schweiz, den ich besonders finde — und über eine Speise [1] von dort. Doch zuerst möchte ich Ihnen heute noch ein paar letzte Dinge aus Joannes Leben erzählen.
Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen!

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Am 9. Januar werden Joanne und Michael ihre Hochzeit feiern. Dabei sind sie bis dahin noch gar nicht verheiratet. Wenn eine Ausländerin oder ein Ausländer jemanden aus der Schweiz heiratet, ist das immer etwas kompliziert. Aber wenigstes wissen sie jetzt, dass ihre richtige Hochzeit am Freitag den 11. März sein wird.

Das Kleid für das Fest haben wir schon. Nun brauchen wir noch eines für die richtige Hochzeit. Joanne will ja ein weisses Prinzessinnenkleid. Ich weiss jetzt, wie ich es machen werde: In einem Brockenhaus [2] habe ich ein altes Brautkleid [3] gefunden. Zuerst fand ich es ein wenig komisch, dass jemand hier so etwas verkauft. Und ich war auch nicht sicher, ob ich es nehmen soll. Man weiss ja nie, ob die Braut in dem Kleid glücklich war - und warum sie es verkauft hat. Vielleicht war ihre Ehe ja schlecht. Aber ich habe es dann trotzdem genommen. Es war sehr schön und billig. Und ich bin sicher, dass Joanne darin glücklich wird, egal welche Geschichte es hat.

Auf dem Flohmarkt habe ich noch alten Schmuck aus künstlichen [4] Perlen und Stoffblumen gekauft. Das alles bekommt man schon für wenige Franken. Zum Schluss holte ich im Stoffladen durchsichtigen Vorhangstoff [5]. Auch er kostet nicht viel.

Ein paar Tage später kam Céline zu mir. Sie hat eine ganz ähnliche Figur [6] wie Joanne. Sie zog das Brautkleid an und ich steckte den Vorhangstoff so darauf fest [7], dass es wie ein Märchenkleid aussah. Dann schauten wir noch, wo ich welche Perlen und Stoffblumen aufnähen konnte. Céline sagte: «Ach, machst du mir dann auch ein Kleid, wenn ich nochmals heirate?» Ich sagte ja. Aber ich hoffe, dass sie damit noch wartet, bis Joannes Kleid fertig ist.

Nun werde ich in den Weihnachtsferien den Vorhangstoff und die Perlen auf das Kleid nähen. Das wird viel Arbeit geben, doch ich freue mich sehr darauf. Ich werde in jede Perle einen guten Wunsch einnähen. Joanne soll richtig glücklich werden. Und das wird sie! Denn ich weiss etwas, was sie nicht weiss: Letzthin [8] hat Jonathan bei uns geklingelt. Ich habe zu ihm gesagt: «Oh, Samuel ist nicht da. Soll ich ihm etwas ausrichten [9]?»
Aber er sagte: «Ich möchte nicht zu Samuel. Ich möchte mit dir sprechen.»
Ich dachte sofort: «Hoffentlich ist nichts mit Joanne passiert.» Denn Jonathan sah sehr ernst aus. Doch dann sagte er: «Ich habe gestern Abend gehört, wie Mama mit Michael geredet hat. Sie ist sehr traurig, dass ihre Freunde aus New York kein Geld haben, um an das Fest zu kommen. Michael hat gesagt, dass er sie ja einladen [10] könnte. Aber das will Mama nicht. Sie hat schon so viel Geld von Michael gebraucht, weil sie nicht arbeiten kann. Das ist sehr schwer für sie. Jetzt wollte ich fragen, ob du eine Idee hast.»
Ich hatte auch schon gedacht, dass Joanne sicher traurig ist wegen ihren Freunden. Aber sie hat nie etwas gesagt. Ich glaube, sie wollte nicht, dass wir uns Sorgen machen.

Da ich und mein Mann auch nicht sehr viel verdienen [11], fragte ich: «Wie viele Freunde sind es denn?»
Jonathan antwortete: «Es gibt drei, die ihr besonders wichtig sind: Jordan, Jim und Selma. Ich habe schon ihre Emailadressen auf Mamas Handy gefunden.»
Ich sagte: «Hm. Ein Ticket können wir Joanne gut zur Hochzeit schenken. Und für die andern zwei fragen wir doch einfach alle von der Theatergruppe. Wenn jeder ein bisschen Geld gibt, reicht [12] es sicher.» Jonathan sah froh aus und hatte einen roten Kopf [13]. Er schaute auf den Boden und sagte leise: «Danke.» Ich musste lächeln und dachte: «Er ist genau wie Samuel. In diesem Alter ist es so schwer, entspannt [14] mit Erwachsenen zu reden.» Darum fand ich es auch besonders toll, was Jonathan für seine Mutter getan hat.

Ich konnte bis jetzt noch nicht mit jedem von unserer Theatergruppe reden. Aber ich habe schon allen drei Freunden in New York geschrieben und sie kommen gern! Wir werden Joanne also am 9. Januar eine grosse Überraschung machen können. Auch mit Michael habe ich gesprochen. Er freut sich sehr und gibt auch etwas Geld. Er sagte: «Sag bitte Joanne nicht, dass ich das gemacht habe. Sie würde das nicht wollen.»

Franco hatte auch eine gute Idee. Er sagte: «Meine Wohnung ist so gross, die drei können sehr gern bei mir schlafen.» Also müssen wir kein Hotel bezahlen. Ich bin so aufgeregt! Es ist schwer, Joanne nichts zu erzählen. Aber das wäre wirklich nicht nett. Wir wollen ja, dass Jonathans grosse Idee funktioniert und Joanne nichts weiss. Sie wird sich so freuen!

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Gut, dass Joanne nun noch ein anderes Projekt hat. So denkt sie nicht immer nur an die Hochzeit. In der Schule von Jonathan und Samuel gibt es eine ganze Schulklasse von Kindern, die alleine ohne Eltern in die Schweiz geflüchtet [15] sind. Sie lernen dort deutsch. Jonathan war ja selbst auch in einer solchen Klasse, als er neu war. Ein paar dieser Kinder sind schon siebzehn Jahre alt. Sie werden danach nicht wie die kleineren in die normale Schule gehen. Man wird versuchen, eine Arbeit für sie zu finden.

Kids helfen einander (c) flickr by mosaic36Die Lehrer der Schule machen es super. Sie schicken die Kinder aus der neuen Klasse zu den Kindern der regulären [16] Klasse. Dort bekommen sie Nachhilfeunterricht [17]. So lernen die einen Kinder deutsch und die anderen Kinder von hier lernen, dass die Menschen, die in die Schweiz kommen, alle eine besondere Geschichte haben.

Einer dieser Jungen kommt nun immer zu uns und zu Joanne nach Hause. Er heisst Zmarak und kommt aus Afghanistan. Er ist ohne seine Eltern bis in die Schweiz geflüchtet. Zuerst waren wir ein bisschen nervös. Wir wussten nicht, worüber wir reden könnten. Doch Samuel und Jonathan sind da viel einfacher als wir: Sie spielen alle zusammen mit der X-Box und essen Chips und trinken Eistee. So einfach ist das.

Joanne ist sehr glücklich, dass Jonathan jetzt anderen Kindern helfen kann. Sie sagte: «Weisst du, zuerst war er das fremde Kind. Nun kann er selbst etwas tun, damit andere fremde Kinder hier nicht so alleine sind.»
Sie hatte auch eine wirklich schöne Idee: Am 25. Dezember laden wir alle 13 geflüchteten Kinder ein und kochen für sie. Joanne sagte: «Weisst du, es gibt so viele tausend Menschen, die Hilfe brauchen. Es macht mich traurig, dass wir nur für 13 von ihnen etwas tun können. Aber dann denke ich, wenn ganz viele das Gleiche tun, dann schaffen wir es, zusammen für alle da zu sein.»

So ist meine Joanne! Eine Frau mit einem wirklich grossen Herzen.

Ich hoffe, auch Sie haben sie ein bisschen gern bekommen in den Monaten, in denen ich Ihnen von ihr erzählen durfte.

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Nun wünsche ich Ihnen eine glückliche Weihnachtszeit, egal ob Sie selbst Weihnachten feiern oder nicht. Die kürzesten Tage am Ende des Jahres sind einfach zauberhaft [18]. Vor allem mit vielen Kerzen, gutem Essen, Freunden und Büchern.
Ich danke Ihnen, dass Sie Joanne so treu zugehört haben. Es würde mich sehr freuen, wenn Sie auch am 15. Januar wieder auf www.podclub.ch oder über unsere App mit dem neuen Vokabeltrainer dabei sind, wenn es heisst «Andrea erzählt». Dann erzähle ich Ihnen von Greyerz, einem wunderschönen, kleinen Ort in der Westschweiz.
Auf Wiederhören!


[1] die Speise: ein Lebensmittel
[2] das Brockenhaus: Laden, in dem billig gebrauchte Dine verkauft werden
[3] das Brautkleid: Kleid, das eine Frau bei der Hochzeit trägt
[4] künstlich: nicht echt
[5] der Vorhangstoff: Stoff, den man vor die Fenster hängt. Es gibt ihn sehr dünn oder auch dick, damit kein Licht hereinkommt
[6] die Figur: der Körperbau
[7] etwas feststecken: etwas mit Nadeln anmachen
[8] letzthin: vor Kurzem
[9] jemandem etwas ausrichten: jemandem eine Nachricht weitergeben
[10] einladen: jemanden bitten, zu kommen, oder (hier): jemandem etwas bezahlen (z.B. ein Essen im Restaurant)
[11] verdienen: Geld für eine Arbeit bekommen
[12] reichen: genügen
[13] einen roten Kopf haben: als Zeichen dafür, dass jemand nervös ist oder verlegen (etwas peinlich findet)
[14] entspannt: locker, nicht aufgeregt
[15] flüchten: vor etwas Schlechtem weggehen, wegrennen
[16] regulär: normal
[17] der Nachhilfeunterricht: zusätzlicher Unterricht
[18] zauberhaft: wunderbar, magisch