Andrea erzählt 36: Uetliberg (29. Januar 2016)

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, herzlich willkommen zur Sendung «Andrea erzählt» vom 29. Januar 2016. Es freut mich sehr, sind Sie wieder mit dabei. Denn heute möchte ich Sie mitnehmen auf den so genannten Hausberg [1] von Zürich. Er heisst Uetliberg, auch wenn er kein richtiger Berg ist. Eigentlich ist er mit 896.2 Metern über Meer nur ein Hügel [2]. Trotzdem bietet [3] er für alle etwas: Für die Sportlichen, für die Naturfans und für die gemütlichen Sonntagsspaziergänger.

***

Als ich klein war, konnte ich den Uetliberg jeden Abend von meinem Schlafzimmerfenster aus sehen. Er war immer dunkelgrün und machte mir ein bisschen Angst. Es war, als wäre sein Schatten immer da. Dieses Gefühl habe ich auch heute noch, wenn ich ihn sehe.

Es gab aber auch noch einen anderen Grund, warum ich den kleinen Berg unheimlich [4] fand: Meine Grossmutter väterlicherseits [5] hatte mir nämlich einen kleinen Zwerg aus Wolle gestrickt [6]. Er war etwa 20 Zentimeter gross und hatte eine Zipfelmütze [7] mit einer kleinen Glocke dran. Er hiess Pips. Meine Eltern sagten mir: «Der richtige Pips wohnt drüben auf dem Uetliberg. Und manchmal kommt er in der Nacht zu dir.» Sie wollten mir mit dieser Geschichte eine Freude machen. Aber eigentlich machte sie mir nur Angst. Trotzdem nahm ich den gestrickten Pips immer überallhin mit. Warum, weiss ich nicht so genau. Wenn ich ehrlich bin, mochte ich meinen Elefanten besser.

Mein Vater war ein sehr sportlicher Mensch, der am liebsten immer draussen war. Das ist noch heute so. Darum sagte er jeden Sonntag zu uns: «Kinder, zieht euch an. Wir gehen in den Wald.» Meist gingen wir dann auf den Uetliberg. Der war nahe und nicht zu hoch für uns Kinder.

20160129 D Uetliberg Uto KulmIm Wald wollte mein Vater nie, dass wir den normalen Weg gingen. Er klatschte [8] in die Hände und rief: «Kommt. Wir steigen [9] hier direkt hinauf!» Und es war klar, dass wir das auch tun mussten. Sonst wäre er traurig gewesen. Denn er wollte uns immer Abenteuer schenken. Also kletterte ich hinter ihm her. Meine Mutter spazierte gemütlich den normalen Weg hinauf. Auch mein kleiner Bruder machte nicht immer mit. Manchmal setzte er sich auf den Boden und schrie: «Nein, ich will das nicht. Ich bleibe bei Mama.»

Oft wartete mein Vater bei einem besonders alten Baum auf mich. Und wenn ich zu ihm kam, ging er in die Knie [10] und flüsterte [11]: «Schau: Da unten ist eine Höhle.
Sicher wohnt hier eine Fuchsfamilie oder vielleicht sogar der echte Pips.» Das gefiel mir. Aber es machte mir eben auch Angst.

Wenn ich am Abend in meinem Bett lag, dachte ich daran, dass da drüben vor meinem Fenster ein echter Pips lebte. Meine Mutter sagte oft: «Weisst du, der richtige Pips besucht dich, wenn du schläfst und passt auf dich auf.» Dann erzählte sie mir schöne Zwergengeschichten. Aber ich fürchtete [12] mich trotzdem davor, dass ein echter Zwerg in der Nacht in mein Zimmer kommen könnte.

Einmal war eine Spinne in meinem Zimmer. Ich mag keine Spinnen. Also schrie ich: «Papa, nimm sie weg!» Dann begann ich zu weinen. Vielleicht war es ja Pips, der sich in eine Spinne verzaubert hatte.
Mein Vater blieb ruhig. Er ging mit dem Ohr ganz nah an die Spinne heran und schaute ernst. Er tat so, als hörte er ihr gut zu. Dann sagte er: «Du musst dir keine Sorgen machen. Es ist alles gut. Das hier ist nur eine Spinne und nicht Pips.» Dann fing er sie und brachte sie aus dem Zimmer.

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Als ich neun Jahre alt war, glaubte ich natürlich nicht mehr an die Pips-Geschichten. Dafür war ich zum ersten Mal verliebt. Der Junge hiess Christian und hatte einen Hund. Seine Mutter sagte: «Ihr zwei Süssen [13], ich bringe euch und den Hund unten an den Uetliberg. Dann könnt ihr mit ihm hinaufspazieren.» Ich war so glücklich. Das war mein erster richtiger Ausflug mit einem Jungen.

An diesem Tag merkte ich zum ersten Mal, wie viele verschiedene Wege es auf dem Uetliberg gibt. Man kann sich gut darauf verirren [14]. Ich glaube, ich habe es bis heute noch nie geschafft, zwei Mal auf dem genau gleichen Weg nach oben zu kommen. Aber wenigstens sind alle gut angeschrieben.

So kamen auch Christian und ich irgendwann gut oben an. Der Ort, wo der Turm und das Restaurant stehen, heisst Uto Kulm. Wir gingen zuerst auf den Turm hinauf. Von dort oben sieht man auf die ganze Stadt Zürich und auf den Zürichsee hinab. Es ist sehr beeindruckend [15]. Damals war es noch gratis, heute kostet es zwei Franken.

Dann sagte Christian: «Jetzt habe ich eine Überraschung für dich. Meine Mutter hat mir Geld gegeben, damit wir etwas trinken gehen können.» So durften wir ins Restaurant neben dem Turm gehen. Ich erinnere mich sehr gut daran, was wir tranken: kalten Süssmost. Das ist Apfelsaft mit Kohlensäure. Er ist süss und trotzdem leicht sauer. Der erste Schluck nach einem Spaziergang oder einer Wanderung ist wunderbar!

Christian und ich wurden zwar nie ein Liebespaar, aber den Ausflug auf den Uetliberg habe ich nie vergessen. Und den Süssmost auch nicht.
Noch heute trinke ich auf einer Wanderung oder bei einem grossen Spaziergang immer einen Süssmost.

Lustigerweise tue ich das sonst nie. Darum gehört Süssmost für mich noch immer fest zum Uetliberg.

Als ich später Mutter wurde, sagte ich meiner Tochter an ihrem 6. Geburtstag: «Morgen gehen wir zusammen auf den Uetliberg. Dort schlafen wir dann im Hotel und essen im Restaurant. Am nächsten Morgen frühstücken wir und fahren mit der Bahn wieder hinunter. Dann bringe ich dich in den Kindergarten.»

Meine Tochter war völlig aufgeregt. Sie packte ihr Lieblingstierchen, ein Schaf, in ihren rosa Rucksack. Zudem Wäsche, eine Zahnbürste, ein schönes Kleid für sich und das Schaf und viele kleine Kissen und Tüchlein [16] und drei Büchlein. Ich fragte sie: «Bist du wirklich sicher, dass du das alles alleine bis nach oben tragen kannst?» Sie sagte: «Klar, Mama!» Wir verabschiedeten [17] uns von meinem Mann und meinem Sohn. Dann fuhren wir mit der Tram bis zur Haltestelle Triemli. Von dort wanderten wir den Berg hinauf.

Das kleine Mädchen gab sich wirklich grosse Mühe, aber schon bald sagte ich: «Bist du sicher, dass du das schaffst?» Es hatte Tränen in den Augen und schüttelte den Kopf. Also trug ich eben auch noch seinen Rucksack mit dem Schaf und all den Mädchensachen nach oben. Als wir fast beim Uto Kulm waren, kam eine SMS von meinem Mann. «Bitte, schreibt uns, wenn ihr oben seid und unser Haus sehen könnt.»

Wir legten die Rucksäcke auf eine Bank und stellten uns an den Rand des Weges. Bald hatten wir unser Haus gefunden. Ich schickte meinem Mann eine SMS: «Ja. Wir sind da und haben es gefunden.» Und mein Mann schrieb nochmals: «Gut schauen!!!» Und dann flog plötzlich weit unten eine Feuerwerkrakete [18] in die Luft! Was für eine schöne Überraschung! Meine Tochter fand das so lustig, dass sie nicht mehr aufhören konnte zu lachen.

Dann gingen wir auf unser Zimmer. Es war sehr klein, aber schön. Und wir hatten Glück: Wir sahen nicht auf Zürich hinab, sondern auf die grüne andere Seite des Uetlibergs. Es war wie Ferien.
Es dauerte fast eine Stunde, bis meine Tochter bereit war. Sie musste für ihr Schaf ein Bettchen bauen, ihm eine Geschichte erzählen, sich und ihm ein schönes Kleid anziehen und ihre Haare kämmen. Erst dann gingen wir essen.

Das Restaurant hatte grosse Fenster. Draussen war es schon Nacht. So sahen wir alle die vielen Lichter der Stadt weit unten. Zum Apéritiv bestellten wir beide einen kalten Süssmost. Er war wunderbar!

Ich werde auch diesen Ausflug auf den Uetliberg nicht mehr vergessen. Und dieses besondere Glas Süssmost mit meiner Tochter sowieso nicht.

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Es wäre wunderbar, wenn auch Sie den Uetliberg mal kennenlernen möchten – falls Sie ihn nicht schon kennen. Aber auch dann gibt es sicher noch ganz viele Wege, die Sie entdecken [19] können.
Vielleicht möchten Sie dazu einfach am Hauptbahnhof in die Uetlibergbahn steigen. Oder Sie fahren mit der Tram Nummer 14 bis zum «Triemli» und gehen zu Fuss [20]. Wer noch mehr erleben will, kann auch vom Uto Kulm aus bis zur so genannten Felsenegg spazieren. Von dort gibt es eine Seilbahn nach Adliswil hinab. Egal welchen Weg Sie wählen: Vergessen Sie den kalten Süssmost nicht!

Nun würde es mich sehr freuen, wenn Sie auch am 12. Februar wieder auf www.podclub.ch oder über unsere App mit dem neuen Vokabeltrainer mit dabei sind, wenn es heisst «Andrea erzählt». Dann werde ich Ihnen von «Baden» erzählen. Auf Wiederhören!


[1] der Hausberg: Berg neben einer Stadt, der dazu gehört
[2] der Hügel: kleiner Berg, meist mit runder Spitze
[3] etwa bieten: vielseitig sein, Möglichkeiten haben
[4] unheimlich: beängstigend
[5] väterlicherseits: aus der Familie meines Vaters (im Gegensatz zu mütterlicherseits)
[6] stricken: Handarbeit mit zwei Nadeln und Garn oder Wolle
[7] die Zipfelmütze: eine Kappe mit einer Spitze, wie sie Zwerge oder kleine Kinder tragen
[8] klatschen: die flachen Handflächen so zusammenschlagen, dass ein Geräusch entsteht (zum Beispiel beim Applaus)
[9] steigen: sehr steil hinaufgehen
[10] in die Knie gehen: sich niederknien, sich hinkauern
[11] flüstern: sehr leise und ohne Stimme sprechen
[12] sich fürchten: vor etwas Angst haben
[13] «Ihr zwei Süssen»: eine liebevolle Anrede, meist für zwei Verliebte oder für zwei Kinder
[14] verirren: den Weg verlieren, nicht mehr wissen, wo man ist
[15] beeindruckend: es macht Eindruck
[16] das Tüchlein: kleines Tuch, Stück Stoff
[17] sich verabschieden: «auf Wiedersehen» sagen, gehen
[18] die Feuerwerk-Rakete: Gegenstand aus Schiesspulver und Karton, der bei besonderen Festen angezündet wird (zum Beispiel Silvester oder 1. August)
[19] entdecken: neu kennenlernen, finden
[20] zu Fuss gehen: spazieren, wandern, nicht fahren

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Verena 17-02-2016 13:37
wunderbares Geschichte