Andrea erzählt 37: Verscio (26. Februar 2016)

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, herzlich willkommen zur Sendung «Andrea erzählt» vom 26. Februar 2016. Schön, sind Sie wieder dabei.
Nun werden die Tage wieder länger. Und auch wenn es noch Winter ist, merkt man schon, dass die Menschen den Frühling spüren [1]. Sie sind wieder besser gelaunt und haben wieder mehr Energie.
Falls es Ihnen noch nicht so geht, haben Sie Glück. In der Schweiz kann man nämlich einfach in den Zug steigen und durch den Gotthard fahren — und schon ist man im Tessin. Dort im südlichen Teil des Landes kommt der Frühling immer schon ein paar Wochen früher. Wenn man aus dem Tunnel kommt, merkt man davon noch nichts. Aber je weiter der Zug durch die Leventina [2] ins Tessin hinab fährt, desto mehr Palmen sieht man. Darum fahren viele Deutschschweizer oft und gern ins Tessin. Auch ich habe das drei Jahre lang getan. Aber nicht wegen der Wärme oder wegen den Palmen. Warum sonst, erzähle ich Ihnen heute.

Viel Vergnügen.

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Bevor ich Ihnen von meinen Tessin-Reisen erzähle, möchte ich Ihnen die Vorgeschichte [3] dazu erzählen. Vielleicht erinnern Sie sich. Meine Grosseltern hatten in der Westschweiz ein grosses schönes Haus, von dem ich hier schon gesprochen habe. Diese Geschichte hier ist zwar eine ganz andere. Aber lustigerweise fängt sie trotzdem im Haus meiner Grosseltern an.

Als ich einmal zu ihnen in die Ferien kam, hingen da plötzlich neue Fotos. Darauf sah man Kinder. Sie waren alle wie Clowns geschminkt und lachten. Meine Grossmutter erzählte mir stolz [4]: «Das sind die Kinder des weltberühmten Clowns Dimitri [5]. Sehen sie nicht herzig [6] aus?» Ich war ein bisschen eifersüchtig weil sie Bilder von anderen Kindern gekauft hatte. Und weil sie diese Kinder so süss fand.

Zudem war ich auch neidisch [7] auf die Kinder selber. Ich dachte: «Wie schön muss es sein, einen Clown zum Vater zu haben? Und dann erst noch einen, der so berühmt ist, dass die Leute sogar Geld für Fotos seiner Kinder bezahlen!»

Ich gewöhnte mich schnell an die Bilder. Und für lange Zeit vergass ich diese Geschichte wieder.

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Doch dann, genau an meinem 27. Geburtstag, lernte ich meinen Mann Adrian kennen. Er ist sieben Jahre jünger als ich. Darum war er damals gerade erst mit der Schule fertig. Ich selbst hatte schon mein Studium abgeschlossen [8].

Wir redeten viel darüber, was er jetzt tun wollte. Er sagte: «Mein grösster Traum ist es für drei Jahre ins Tessin zu gehen. Dort in Verscio ist die Schule des berühmten Clowns Dimitri. Da will ich hin.» Das war ja genau der Clown mit den Kinderbildern!

Das fand ich lustig und die Idee gefiel mir. Ich sagte: «Das finde ich gut. Aber ich habe auch Angst, dass du mich vergisst [9], wenn du drei Jahre lang weg gehst. Ich weiss nicht, ob wir das schaffen.» Weil ich ja nicht mitgehen konnte. Verscio ist ein sehr kleines Dorf und ich hätte dort keine Arbeit gefunden. Zudem konnte ich fast kein Italienisch. Adrian sagte: «Mach dir keine Sorgen, ich vergesse dich nie.» Aber ich glaubte das nicht so richtig.

Im Frühjahr fuhr Adrian nach Verscio, um die schwierige Aufnahmeprüfung [10] zu machen. Ich wünschte ihm viel Glück. Aber ein Teil von mir dachte auch: «Ich hoffte, dass er es nicht schafft. Dann bleibt er bei mir.» Das war natürlich egoistisch von mir. Doch er schaffte es und ich freute mich mit ihm. Ich sagte: «Dann werde ich dich eben einfach ganz viel besuchen.»

Im Herbst war es dann soweit. Adrian packte seine Taschen und zog nach Verscio. Ich erinnere mich gut an die vielen Reisen die ich seither dorthin gemacht habe. Man fährt mit dem Zug durch den Gotthard. Von da an geht es durch die enge Leventina nach Bellinzona. Dort steigt man um bis nach Locarno. Das ist eine sehr hübsche Stadt am Lago Maggiore. Dieser grosse See geht bis nach Italien. Und das spürt man. Hier ist alles hell und man merkt den Süden. Sogar Palmen hat es überall.
Locarno ist richtig berühmt. Im Sommer gibt es hier das Filmfestival Locarno und es kommen Stars von überall.

In Locarno muss man nochmals in einen kleinen Zug einsteigen. Die Menschen hier nennen ihn liebevoll «Centovallina», das heisst so viel wie «die Kleine vom Centovalli». Das Centovalli selbst ist ein langes Tal. Sein Name bedeutet «hundert Täler». Denn die Strecke der Centovallina ist lang und von ihr gehen wirklich unzählige [11] Täler ab. Ich glaube, es sind sogar mehr als hundert.

20160226 D Verscio 050714Um nach Verscio zu kommen muss man also noch ein paar Stationen mit der Centovallina fahren. Dann steigt man in einem typischen schönen Tessiner Dorf aus: Es hat einen winzigen Bahnhof, viele neue Einfamilienhäuser und viele alte Häuser aus Granit. Das ist der graue Stein, den man im Tessin überall sieht.
Er wird nicht nur für Häuser gebraucht, sondern auch für Gartentische und Bänke. Und für so genannte Pergolas. Das sind Schattenplätze im Garten. Ihre Säulen [12] sind aus Granit. Darüber hat es Holz, das mit Reben [13] zugewachsen ist. Unter diesem Dach sitzt man im Sommer, wenn es heiss ist.

Und natürlich gibt es auch in Verscio viele Deutschschweizer, wie überall im Tessin. Sie kommen wegen dem warmen Wetter und die meisten Tessiner mögen uns nicht besonders. Sie nennen uns «i Zücchin». Das ist ein Tessiner Wort und heisst «die Dickköpfe [14]» oder «die sturen Köpfe». Das Wort kommt von la Zuccha, der Kürbis. Der ist rund, gross und hat eine dicke Schale...

Aber Verscio ist doch anders als andere Tessiner Dörfer: Hier leben nämlich nicht nur Tessiner und «Zücchin», sondern auch Menschen aus Spanien, Italien, Deutschland, Belgien, Kanada, Südafrika, Russland oder Argentinien. Denn hier in diesem kleinen Dorf ist eine der berühmtesten Schauspielschulen. Sie wurde von dem fantastischen Clown Dimitri gegründet und wird darum von vielen auch «Clownschule» genannt. Die Lehrer und Schüler mögen das nicht. Denn hier lernt man nicht nur die Kunst der Clownerie, sondern auch Tanzen, Akrobatik, Singen, Pantomime und Improvisation. Es ist eine wirklich gute Schule. Darum kommen Schüler und Lehrer aus der ganzen Welt hierher.

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Als ich das erste Mal nach Verscio kam, war ich etwas verloren. Hier gibt es so viele schöne junge Menschen mit grossen Talenten. Ich fühlte mich ein bisschen blöd. Man sieht nämlich sehr schnell, wer die Schule besucht. Die Schüler bewegen sich meist mit einer grossen Sicherheit im eigenen Körper. Ich sagte zu Adrian: «Das ist etwas, das ich nie hatte und so bewundere.» Aber er lachte nur und sagte: «Das macht nichts. Es gibt andere Dinge, die du kannst.»

Oft erkennt man die Dimitri-Schüler in Verscio auch daran, dass sie bequeme Joggingkleider tragen. Eigentlich sagt die Schule: «Wir wollen, dass ihr nur in normalen Kleidern herumlauft. Das stört im Dorf weniger.» Aber manchmal ist das schwierig. Häufig haben die Schüler nur kurze Pausen und müssen rasch was zu Essen kaufen. Zum Beispiel in der kleinen Bäckerei «Peri».

Ich habe wirklich schon viele Bäckereien in vielen Städten ausprobiert. Aber «Peri» gehört zu den besten, die ich kenne! Er ist ein richtiger Geheimtipp [15]. Vor allem eine Spezialität muss man probieren: Den «Ferro del Cavallo». Das heisst Hufeisen [16] und ist ein gebogenes Gebäck mit einer süssen Mandelmasse drin. Es ist das beste Gebäck der Welt!
Das Besondere an «Peri» ist, dass man nie weiss, welche Spezialität es gerade gibt. Man muss sich immer überraschen lassen.

Jedes Mal, wenn ich in den kommenden drei Jahren im Zug nach Verscio gefahren bin, war ich in Zürich gut gelaunt. Aber sobald ich in der Centovallina sass, war ich plötzlich nervös. Zürich und Verscio sind zwei verschiedene Welten! Mit der Zeit wusste Adrian, dass ich immer zuerst ein paar Minuten brauchte, um wieder fröhlich zu werden. Er nahm mich mit zu «Peri» oder in die Pizzeria nebenan und wir waren sehr glücklich.

Zudem waren alle sehr herzlich zu mir. Auch Lisa, die Frau, bei der Adrian ein Zimmer hatte: Sie hatte ein Haus mit vielen Fenstern, das mich sehr an das Haus meiner Grosseltern erinnerte. Es war direkt neben einem Bach und die Frau sammelte Bambuspflanzen aus der ganzen Welt. Sie hatte einen richtigen Wundergarten. Immer wieder traf man bei ihr Menschen aus anderen Ländern an, welche ihren Bambusgarten sehen wollten.

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Nach einem Jahr hin und her zwischen Verscio und Zürich sagte Adrian: «Komm, wir heiraten». Das fand ich wunderbar und ich war sofort einverstanden. Nur fünf Wochen später waren wir schon verheiratet! Ab da fand es nicht mehr schlimm, auf meinen Mann zu warten. Und es hat sich gelohnt: Wir sind immer noch zusammen.

In der Zwischenzeit habe ich übrigens auch Dimitri kennengelernt und einige seiner Kinder. Eine tolle Familie, die jetzt gerade wieder auf Tournee ist. Mit drei Generationen! Im April kann man sie in Verscio sehen, dann im Rest der Schweiz und immer wieder in Verscio. Es lohnt sich!

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Das alles ist fast zwanzig Jahre her und Adrian und ich haben inzwischen auch zwei Kinder. Sie waren schon mit uns in Verscio in den Ferien. Übrigens: Adrian und ich haben seit ein paar Jahren zusammen die Gruppe «Minitheater Hannibal» [17]. Aber ich glaube, unsere Kinder finden es gar nicht so toll, eine Art Clowns als Eltern zu haben... Auf jeden Fall würden wir nie Fotos von ihnen an fremde Menschen verkaufen — Die Zeiten haben sich wirklich geändert.

Nun würde ich mich sehr freuen, wenn Sie auch am 11. März wieder auf www.podclub.ch oder über unsere App mit dem neuen Vokabeltrainer dabei sind, wenn es heisst «Andrea erzählt». Dann erzähle ich Ihnen von Schaffhausen, einer alten, besonderen Stadt in der Ostschweiz.
Auf Wiederhören!


[1] den Frühling spüren: so sagt man, wenn Menschen und Tiere gut gelaunt sind und oft auch flirten oder sich verlieben; bei Pflanzen: wenn sie schnell wachsen und Blätter machen
[2] die Leventina: ein Tal südlich vom Gotthard, durch das Zug, Autobahn und eine normale Strasse weiter in den Süden fahren. (Vor der Zeit der Autos war die Leventina reich, weil die Menschen und Pferde hier essen und schlafen mussten. Heute fahren alle nur durch und das Leben in der Leventina ist schwer. Man sieht aber immer noch viele sehr schöne Häuser von früher.)
[3] die Vorgeschichte: was vor einer eigentlichen Geschichte passiert ist, sie ist meist wichtig, um alles besser zu verstehen
[4] stolz: mit Freude (oft über eine Leistung oder im Gefühl, besser zu sein), man kann z.B. auch auf sein Land stolz sein
[5] Dimitri: http://famigliadimitri.ch/de/zum-stueck/
[6] herzig: süss, niedlich
[7] neidisch: missgünstig, wenn man etwas haben möchte, was ein anderer hat
[8] etwas abschliessen: damit meint man entweder eine Türe mit dem Schlüssel zumachen oder mit einer Ausbildung oder einer Zeit im Leben fertig sein
[9] etwas oder jemanden vergessen: sich nicht mehr daran erinnern oder es nicht mehr wichtig finden
[10] die Aufnahmeprüfung: ein Test, den man machen muss, um an eine bestimmte Schule zu kommen
[11] unzählige: sehr viele
[12] die Säule: eine hoher Pfosten, der etwas trägt
[13] die Rebe: Weinpflanze (Es gibt viele verschiedene Arten davon, sie wachsen sehr schnell und man kann deshalb gut Schattendächer damit machen.)
[14] der Dickkopf: jemand der stur ist, seine Meinung nicht ändert, alles so macht, wie er will, und oft auch keinen Humor hat
[15] der Geheimtipp: etwas Besonderes, das nicht alle kennen
[16] das Hufeisen: halbmondförmiges Stück Metall, das man den Pferden auf die Hufe (Nägel) macht, es soll auch Glück bringen
[17] Minitheater Hannibal: http://www.minitheater-hannibal.ch/