Andrea erzählt 38: Uster (24. März 2016)

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, herzlich willkommen zur Sendung «Andrea erzählt» vom 24. März 2016. Schön, sind Sie wieder dabei.
Ich weiss nicht, wo Sie aufgewachsen [1] sind. Vielleicht an einem einzigen Ort, vielleicht auch an vielen. Ich selbst bin zuerst an mehreren Adressen in Zürich aufgewachsen. Als ich dann zehn Jahre alt war, zogen wir nach Uster. Das ist eine Stadt etwa 20 Kilometer von Zürich entfernt [2]. Mit 18 ging ich alleine wieder nach Zürich zurück. Gerne erzähle ich Ihnen heute von Uster, dem Ort, an dem ich meine Pubertät verbracht habe.
Viel Vergnügen!

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Das Erste, was ich in Uster je gesehen habe, sind diese drei Dinge: Eine schwarze Maske [3], grüne Plastik-Ohrringe und Eiscreme. Aber damals lebte ich noch in Zürich. Ich war vier Jahre alt und musste meine Mandeln [4] herausnehmen lassen. Sie waren bei mir immer entzündet und ich musste sehr oft Antibiotika nehmen. Damals hat man sie einfach herausgeschnitten. Man dachte, dass der Mensch die Mandeln nicht brauche. Heute tut man das möglichst selten. Man weiss jetzt, dass sie wichtig sind für das Immunsystem. Sicher fragen Sie jetzt: «Aber was hat das alles mit Uster zu tun?» Ich werde es Ihnen gleich erzählen.

Im Spital Uster gab es in den Siebzigerjahren einen Kinderarzt, der bekannt war für seine Mandel-Operationen [5] bei Kindern. Da ich erst vier Jahre alt war, wollten meine Eltern, dass ich von ihm operiert wurde. Sie können sich sicher denken, dass ich Uster damals nicht besonders toll fand. Und weil es 1973 noch keinen Tunnel gab für den Zug zwischen Zürich und Uster, war es für meine Eltern nicht so einfach, mich dort zu besuchen. Sie mussten arbeiten und hatten noch ein Baby zuhause. Ich fühlte mich also recht allein im Spital.

Eigentlich erinnere ich mich nur noch daran, wie man mir im Operationssaal [6] eine schwarze Maske auf das Gesicht gedrückt [7] hat. Das war damals die Art, wie man eine Narkose [8] machte. Heute ist das glückerweise viel angenehmer [9]. Man bekommt einfach eine Infusion. Ich weiss noch, dass ich nicht verstand, was diese Leute da machten. Ich hatte grosse Angst.

Als ich aufwachte, sass meine Mutter neben dem Bett. Sie hatte mir grüne Plastik-Ohrringe mitgebracht. Ich fand sie wunderschön und weiss heute noch, wie sie sich anfühlten: glatt [10] und kühl. Sie machten mich richtig glücklich. Das Beste war aber, dass ich nach der Operation immer Eiscreme essen musste. Das kühlt den Hals und gefiel mir natürlich sehr.

Nach dieser Geschichte kam ich für lange Zeit nicht mehr nach Uster. Es blieb für mich einfach der Ort mit dem Spital.

Und so blieb es auch. Als ich nämlich zehn Jahre alt war, sagte mein Vater zu uns: «Ich habe eine Stelle im Spital Uster bekommen. Deshalb werden wir bald nach Uster ziehen.» Heute wären wir sicher in Zürich geblieben. Seit es den Eisenbahntunnel gibt, ist man in weniger als einer Viertelstunde dort. Aber damals war das noch nicht so. Zudem fuhren viel weniger Züge. Also war es logisch, dass wir alle nach Uster gingen.

Für mich war das schlimm. Ich liebte mein Schulhaus und hatte eine sehr lustige, beste Freundin. Darum sagte ich: «Bitte, bitte, das könnt ihr nicht machen!» Aber meine Eltern sagten: «Wir verstehen, dass es für euch hart ist, von euren Freunden wegzugehen. Aber es ist eine wirklich gute Stelle. Darum müssen wir das tun.»

Schloss_Uster_2011.JPG (c) WikipediaSchon bald zogen wir nach Uster in eine zweistöckige [11] Wohnung. Sie war in einem alten Haus, aber ganz neu gemacht.
Nahe von unserem Haus war die kleine Burg von Uster – und eine Kirche. Ich mochte sie nicht. Denn ich war sehr traurig in jener Zeit. Ich hatte Heimweh nach Zürich und konnte in der Nacht oft nicht schlafen. Die Kirchenglocke läutete jede Viertelstunde. Jedesmal dachte ich: «Schon wieder eine Viertelstunde, die ich nicht geschlafen habe.»

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Auch am Tag war ich nicht glücklich. In meiner neuen Schule war ich einfach das komische neue Mädchen aus der Stadt. Die anderen Kinder sagten: «Wir finden deine Kleider blöd. Und du bist seltsam.» Es gab auch Tage, da sprach gar keiner mit mir. Sie können sich also vorstellen, dass ich Uster damals nicht mochte. Ich dachte: «Ich will einfach nur weg von hier. Es ist mir egal wohin.»

Ich hatte Glück. Meine Lehrerin kam zu mir und sagte: «Weil du so gut bist in der Schule, solltest du auf das Gymnasium gehen.» Das war in Dübendorf, einer anderen kleinen Stadt. Ich war sofort einverstanden und machte die Prüfung.

Schon bald fuhr ich jeden Tag mit dem Zug nach Dübendorf. Das war gut. Denn hier waren alle Kinder neu in der Klasse und ich konnte nochmals von vorne anfangen. Wenig später fanden meine Eltern auch ein neues Haus in Uster, das weit von der Kirche weg war.

Trotzdem mochte ich Uster zu dieser Zeit immer noch nicht. Ich kannte ja auch nicht viele Leute dort. Mit 16 ging ich dann für ein Jahr in die USA, um Englisch zu lernen. Danach zog ich schon bald von zu Hause weg und ging zurück in die Stadt.

Doch als ich 23 war, passierte etwas Unerwartetes [12]: Ich zog für ein Weilchen [13] zurück nach Uster. Freiwillig! Ich wohnte dort mit meiner neuen besten Freundin zusammen. Und ich spielte in einer Theatergruppe mit. Plötzlich lernte ich viele nette Menschen aus Uster kennen und merkte: Das ist ja ein spannender Ort mit vielen interessanten Leuten und guten Restaurants.

Tatsächlich gibt es in Uster viel zu tun und zu sehen und es wird immer mehr.
Heute gibt es zum Beispiel ein Kino, das nur von Freiwilligen geführt wird. Es heisst Qtopia [14] und war im Februar sogar im Schweizer Fernsehen. Als ich jünger war, war es noch ein normales Kino gewesen. Doch dann fehlte das Geld und es sollte geschlossen werden. Da sagten ein paar Leute aus Uster: «Das darf nicht passieren. Dann machen wir das Kino eben selbst.» Sogar meine siebzigjährige Mutter arbeitet jetzt dort.

Es gibt aber auch noch viele andere Gründe, Uster gern zu haben: Hier leben sehr viele junge und ältere Familien mit Kindern, es gibt einen bekannten Jazzclub, ein Jazzmuseum [15] und einen grossen Stadtpark mit zwei Weihern [16]. Zudem gibt es das Museum Graphos [17]. Es zeigt der Geschichte des Buchdrucks und man kann hier sogar eigene Karten drucken. Und dann gibt es natürlich auch mehrere Theater.

Vor einem halben Jahr war ich sogar in einem davon eingeladen, um ein Stück zu zeigen. Es hat sich gelohnt [18]. Der Abend war sehr lustig und das Publikum wirklich herzlich. An jenem Tag habe ich endgültig Frieden gemacht mit Uster. Die Stadt kann ja auch wirklich nichts dafür, dass mein Vater hier vor 37 Jahren einen Job bekommen hat - und das in einem Spital, das ich schon mit vier Jahren nicht mochte.

Dass man sich mit Menschen versöhnen [19] soll, um glücklich zu sein, habe ich schon lange verstanden. Nun habe ich auch gelernt, dass es mit Orten genau so ist.

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Das war eine sehr persönliche Geschichte. Wie Sie jetzt wissen, hat es bei mir ein paar Jahre gedauert, bis ich Uster gern bekommen habe. Wahrscheinlich wird es bei Ihnen viel schneller passieren. Falls Sie das erste Mal nach Uster gehen, empfehle [20] ich Ihnen die Burg. Man kann dort zwar nur noch ab und zu den Rittersaal ansehen. Aber das Schlossrestaurant mit Terrasse hat einen schönen Ausblick. Zudem kann man von dort oben an den Rebbergen [21] hindurchspazieren. Von hier kommt übrigens ein richtig feiner Wein.

Nun würde ich mich sehr freuen, wenn Sie auch am 8. April wieder auf www.podclub.ch oder über unsere App mit dem neuen Vokabeltrainer dabei sind, wenn es heisst «Andrea erzählt». Dann erzähle ich Ihnen vom Niederdorf, das ist der alte Teil von Zürich und mein Zuhause.
Auf Wiederhören!


[1] aufwachsen: Kind sein und erwachsen werden
[2] entfernt: weg
[3] die Maske: etwas, was man vor das Gesicht hält, anzieht (zum Beispiel am Karneval, oder gegen eine Ansteckung durch Krankheiten)
[4] die Mandel: ein Fruchtkern, den man isst oder (hier) eine rundes Gebilde im Hals, welches es dort doppelt gibt. Wenn sich die Mandeln entzünden, hat man eine «Angina»
[5] die Operation: ein chirurgischer Eingriff, eine medizinische Behandlung, bei der geschnitten wird (kann im nicht medizinischen Sinn auch bedeuten: Verfahren, Vorgang)
[6] der Operationssaal: Raum, in dem Operationen gemacht werden
[7] drücken: pressen
[8] die Narkose: Anästhesie, Betäubung während einer Operation
[9] angenehm: bequem, schön
[10] glatt: eben, flach, nicht rauh
[11] zweistöckig: auf zwei Stockwerken, Etagen
[12] etwas Unerwartetes: etwas, was man nicht erwartet hat, womit man nicht gerechnet hat
[13] ein Weilchen: eine kleine Weile, eine (nicht so lange) Zeit
[14] Qtopia: http://www.qtopia.ch
[15] Jazzmuseum: http://www.jazzorama.ch/home-aktuell.html
[16] der Weiher: kleiner Teich, See
[17] Museum Graphos: http://www.graphosuster.ch
[18] etwas lohnt sich: etwas ist es wert, dass man es tut
[19] aussöhnen: Frieden machen, verzeihen
[20] etwas empfehlen: zu etwas raten
[21] der Rebberg: ein Weinberg, Hügel oder Berg, auf dem Trauben wachsen