Andrea erzählt 39: Creux du Van (22. April 2016)

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, herzlich willkommen zur Sendung «Andrea erzählt» vom 22. April 2016. Schön, sind Sie dabei!
Heute möchte ich Sie wieder aus dem Haus locken [1]. Sie werden es nicht bereuen [2]. Das verspreche ich Ihnen. Ich möchte Ihnen heute nämlich von einem der verrücktesten Orte der Schweiz erzählen. Er ist wild und seltsam — ein richtiges Natur-Wunder [3]. Man meint fast, man sei in Afrika oder in den USA. Er heisst Creux du Van. Mehr erzähle ich Ihnen gleich.
Viel Vergnügen!

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Ich gebe es zu [4]. Ich wandere nicht so gern. Irgendwie finde ich es ein bisschen langweilig in den Bergen. Vor allem, wenn man weit nach oben geht, wo es nur noch Steine und etwas Gras hat.

Doch ich besuche dafür gern andere Orte. Vor ein paar Jahren habe ich im Internet nach besonderen Plätzen in der Schweiz gesucht. Als ich ein Bild des Creux du Van fand, sagte ich zu meinem Mann: «Da möchte ich hinfahren.» Ich zeigte ihm das Foto. Man sieht darauf eine flache Wiese. Sie hört ganz plötzlich auf und davor ist ein riesiges Loch. Das Ganze sieht ein bisschen aus wie ein halber Vulkankrater. Der Rand ist etwa vier Kilometer lang und an der tiefsten Stelle geht es 160 Meter senkrecht [5] hinunter.

Als wir ein paar Tage Zeit hatten, fuhren mein Mann und ich in den Jura, wo auch der Creux du Van ist. Das sind ganz alte Berge im Nord-Westen der Schweiz. Sie sind älter als die Alpen und viel weniger hoch. Darum gefallen sie mir auch besser.

Bevor wir uns den Kessel [6] ansahen, fuhren wir nach St. Ursanne. Das ist ein sehr hübsches Städtchen. Es ist ebenfalls im Jura. So heisst übrigens auch ein Kanton der Schweiz. Es ist der jüngste: Es gibt ihn erst seit 1978. Bis dahin hatte dieser Teil der Schweiz zum Kanton Bern gehört. Doch der französischsprechende, katholische Teil des Jura wollte selbständig werden. Es gab sogar einige terroristische Aktionen, bevor es dann endlich klappte. Ich kann mich noch daran erinnern.

St. Ursanne ist zwar etwa eineinhalb Stunden vom Creux du Van entfernt. Aber weil wir Zeit hatten, wollten wir es uns auch noch ansehen. Wenn man in das Städtchen kommt, ist es, als wäre man in die Schweiz von vor etwa fünfzig Jahren zurückgereist. Die Häuser sind natürlich noch viel älter, aber ich meine die Stimmung.

Wir gingen in ein altes Hotel mitten drin. Dort war sogar der Geruch im Flur und im Restaurant wie früher! Es roch nach Milch, Käse, Bier und Zigaretten. Das Licht war gelblich [7]. Mein Mann sagte: «Das erinnert mich an das alte Restaurant, das früher neben dem Haus meiner Eltern war.»

Am nächsten Tag wollten wir eigentlich zum Creux du Van fahren, aber das Wetter war sehr schlecht. Deshalb sagte mein Mann: «Komm, wir gehen einfach ein bisschen in den Wald hier. Das soll auch sehr schön sein. Morgen ist das Wetter dann wieder gut und wir können zum Creux.»

Ich war einverstanden. Wir legten unserer Regenjacken bereit und assen unten im Restaurant Frühstück. Sogar das war wie früher. Auf dem Milchkaffe hatte es eine klebrige Haut. Als ich ein Kind war, sollte ich die Milch mit Haut trinken. Aber es ging einfach nicht, auch wenn mein Vater böse wurde. Und bis heute ekelt [8] mich das so, dass ich gleich nichts mehr trinken oder essen kann, wenn ich es sehe. Also sagte ich zu meinem Mann: «Das ist seit langer Zeit der erste Morgen, an dem ich sehr gut ohne Kaffee leben kann.» Ihn störte die Haut nicht und er trank auch noch meinen Kaffee.

Dann gingen wir los. Draussen hatte es so viel Nebel [9], dass wir fast nichts sahen. Ich fand das sehr lustig, aber mein Mann regte sich auf. Nicht über das Wetter, sondern über sich selbst.
Wir hatten uns nämlich schon bald im Wald verirrt [10].
Mein Mann blieb die ganze Zeit stehen und schaute auf die Karte die wir mitgebacht hatten und auf sein Handy. Aber es nützte nichts. Er schimpfte [11]: «Das kann einfach nicht sein! Ich war doch so viele Jahre in der Pfadi [12].» Ich fand es überhaupt nicht schlimm und musste nur lachen.

Aber schon bald lachte er auch selbst. Dafür war jetzt ich ganz ernst. Denn plötzlich waren mitten aus dem Nebel sechs Pferde gekommen. Ich finde Pferde wunderbar. Aber dummerweise bin ich mal von einem heruntergefallen. Seither habe ich leider Angst vor ihnen. Ich schrie und rannte davon, bis ich im Nebel einen Stall fand. Dort hatte es eine Leiter [13]. Sie ging in den ersten Stock hinauf, wo das Heu [14] war. Von dort oben rief ich: «Ich komme erst wieder herunter, wenn du die Pferde weggeschickt hast.»

Mein Mann lachte nur noch mehr und rief zurück: «Das mache ich sicher nicht! Diese Tiere leben hier und tun dir nichts. Komm jetzt.» Nach etwa zehn Minuten stieg ich dann wirklich wieder herunter — und natürlich taten mir die Pferde nichts.

Wir fanden sogar den Weg zurück nach St. Ursanne.

***

20151009 Sp creux du vanAm nächsten Morgen schien die Sonne. Diesmal bestellte ich mir einen Tee statt einem Kaffee. Dann stiegen wir ins Auto in Richtung Creux du Van.
Wir fuhren bis nach Noiraigue [15], von wo aus man eine Rundwanderung [16] machen kann. Als wir ausstiegen, sagte ich: «Bist du sicher, dass du nicht wieder die Karte falsch gelesen hast? Ich sehe hier nur Wald. Das kann doch nicht sein, dass es hier irgendwo eine so hohe Felswand hat.» Mein Mann grinste und wir wanderten los. Schon bald war es mir egal, ob wir die Felswand sehen würden oder nicht. Der Wald selbst war so wild und schön. Doch dann, ganz plötzlich, sah ich ihn zwischen den Bäumen: Den Creux du Van. Das war ein so unglaublicher Augenblick, dass wir beide einen Moment lang gar nichts mehr sagten.

Wir wanderten so schnell wie möglich weiter, bis wir ganz oben waren.
Dort ist es fast ein bisschen unheimlich. Denn alles ist ganz flach, wie auf einer normalen Wiese. Doch auf einer Seite geht es sehr tief hinab. Ich wollte die ganze Zeit von Nahem hinunterschauen, aber ich hatte auch sehr grossen Respekt davor.

Es waren viele Leute da. Auch Familien mit Kindern. Ich sagte zu meinem Mann: «Dazu hätte ich nicht den Mut. Ich hätte die ganze Zeit Angst, dass die Kleinen da hinunterfallen.»

Weil die Wand einen grossen Bogen macht, kann man von ihrem Ende gut auf die Wand auf der anderen Seite sehen, auch ohne dass man nahe an den Abgrund gehen muss. Wir schauten sehr genau hin, denn wir hatten gelesen, dass hier Murmeltiere und Steinböcke leben. Und tatsächlich: Mitten in der Wand sahen wir kleine braune Flecken, die sich bewegten. Mehr konnten wir leider nicht sehen. Das nächste Mal bringen wir einen Feldstecher [17] mit.

Gegen vier Uhr waren wir wieder unten in Noiraigue und ich sagte: «Ich kann nicht glauben, dass wir diesen Ort nicht gekannt haben. Er ist doch mindestens so aufregend wie das Matterhorn.»

***

Nun hoffe ich, dass auch Sie ihn eines Tages sehen werden – falls Sie ihn nicht schon lange kennen.
Es würde mich sehr freuen, wenn Sie auch am 9. Mai wieder auf www.podclub.ch oder über unsere App mit dem Vokabeltrainer dabei sind, wenn es heisst «Andrea erzählt». Dann erzähle ich Ihnen von Basel, einer Stadt an der Grenze zu Deutschland und Frankreich.
Auf Wiederhören!


[1] jemanden irgendwohin locken: jemandem Lust machen, irgendwohin zu kommen
[2] bereuen: es tut einem leid, dass man etwas getan oder gesagt hat
[3] das Natur-Wunder: Bezeichnung für etwas Besonderes und Seltenes in der Natur, zum Beispiel einen besonderen Berg, Felsen, See oder Wald etc.
[4] etwas zugeben: sagen, dass etwas Unangenehmes wahr ist, auch wenn man es lieber nicht tun würde
[5] senkrecht: gerade von oben nach unten (im Gegensatz zu waagerecht: von links nach rechts)
[6] der Kessel: eigentlich ein grosses Gefäss, in dem man entweder kochte (Metallkessel) oder z.B. Wasser trug. In der Natur meint man damit besonders tiefe Stellen, die von hohen Wänden umgeben sind
[7] gelblich: leicht gelb
[8] es ekelt einem vor etwas: man findet etwas so abstossend, dass es einem davon übel wird und man es nicht ansehen kann, oft ist es schon schlimm, daran zu denken. Ekel gehört zu den Grundemotionen des Menschen (wie Wut, Furcht etc.)
[9] der Nebel: wenn ganz viele feinste Wassertropfen in der Luft sind, wird alles grau-weiss wie in einer Wolke. Ist der Nebel sehr dicht, sieht man fast nichts mehr
[10] sich verirren: den Weg verlieren, nicht mehr wissen, wo man ist
[11] schimpfen: sich laut über etwas aufregen, oder jemanden für etwas schelten
[12] die Pfadi: Schweizer Abkürzung für die Pfadfinder, eine Jugendorganisation, bei der man unter anderem lernt, wie man Karten liest
[13] die Leiter: zwei lange Stangen, die mit mehreren kurzen Stangen oder Brettern verbunden sind, damit man drauf wie auf einer Treppe hinauf- und heruntersteigen kann
[14] das Heu: getrocknetes Gras und Wiesenblumen
[15] Noiraigue: Ort im Jura in der Nähe des Crex du Van, Anfang und Schluss der Rundwanderung
[16] eine Rundwanderung: Wanderung, bei der man am Schluss wieder am gleichen Ort ist, wie am Anfang, ohne dass man denselben Weg zurückgehen muss
[17] der Feldstecher: ein Fernglas mit zwei Rohren