Andrea erzählt 40: Der Grosse Mythen (20. Mai 2016)

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, herzlich willkommen zur Sendung «Andrea erzählt» vom 20. Mai 2016. Es freut mich sehr, sind Sie wieder mit dabei. Kennen Sie das Gefühl, dass alles zu viel ist? Dass Sie die Übersicht [1] verloren haben? Mir passiert das oft. Vor allem, wenn der Sommer kommt. Dann ist alles viel lauter, hektischer [2] und lebendiger. Und manchmal fehlt mir dann die Ruhe — und eben der Überblick.
Dagegen hilft mir meistens ein einfacher Trick: Frische Luft und etwas Abstand [3] zu allem. Gerne nehme ich Sie heute mit an einen Ort, an dem man beides bekommt – und einen wunderbaren Überblick über die Schweiz: Auf den Grossen Mythen.
Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen!

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Nur eine knappe [4] Stunde von Zürich entfernt gibt es zwei Berge. Sie stehen allein und sehen aus wie zwei graue, alte Brüder aus Stein. Fast so, als hätten sie sich verirrt [5]. Tatsächlich sollen sie an einem anderen Ort entstanden sein und sind gewandert.
Die beiden Berge heissen der Kleine und der Grosse Mythen. In der Schweiz sagt man manchmal auch die Kleine und die Grosse Mythen. Dann wären es natürlich Schwestern. Die beiden Berge stehen mitten in der Schweiz im Kanton Schwyz und sind sein so genannte Wahrzeichen [6]. Wenn man mit dem Zug ins Tessin fährt, sieht man sie nach Arth-Goldau sehr gut.

Der Grosse Mythen hat eine Höhe von 1'898 Metern über Meer, der kleine von 1'811. Beide sind also nicht besonders hoch für Schweizer Berge. Trotzdem sind sie nicht ganz einfach zu besteigen [7]. Vor allem der Kleine Mythen ist nur für erfahrene [8] Wanderer und Kletterer. Immer wieder sterben hier Menschen. Auch der Vater einer meiner Freunde ist hier abgestürzt [9] und gestorben. Dabei war er wirklich ein sehr guter Bergsteiger [10] .

Der Grosse Mythen ist auch kein ganz einfacher Berg. Man muss recht fit sein und vor allem gute Schuhe haben, wenn man hier hinaufwandern will. Aber wenigstens gibt es einen guten Wanderweg — und ein kleines Bergrestaurant.

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Als ich das erste Mal auf dem Grossen Mythen war, war ich 24 Jahre alt. Und betrunken. Das war natürlich sehr dumm von mir. Denn der Weg ist an manchen Stellen recht gefährlich.

Aber damals war ich zu jung, um vernünftig [11] zu sein. Ich studierte Biologie an der Universität Zürich und ich liebte das Studentenleben. Einer unserer Professoren war ein sehr sportlicher Mann und er nahm uns gerne mit in die Natur. Einmal sagte er: «So. Ich hoffe ihr seid fit. Nächste Woche gehen wir auf den Grossen Mythen. Dort gibt es besondere Vögel zu sehen. Sogar einen Mauerläufer.» Wir waren alle aufgeregt und freuten uns auf den Ausflug [12]. Ich wusste zwar nicht, was ein Mauerläufer ist. Aber ich wusste, dass Menschen aus ganz Europa kamen, um ihn zu sehen.

Am Tag vor dem Ausflug machten wir noch Witze: «Geht früh ins Bett, gell! Morgen müssen wir früh aufstehen und fit sein.» Das wollte ich auch wirklich tun. Doch dummerweise traf ich auf dem Weg einen alten Freund. Ich hatte ihn schon lange nicht mehr gesehen und wir fingen gleich an zu reden. Bald sagte er: «Komm, wir gehen doch zusammen etwas trinken, dann können wir uns alles erzählen, was wir erlebt haben.» Ich sagte: «Gut. Aber nur ganz kurz. Ich muss morgen um sechs aufstehen.»

Es half natürlich nichts. Wir hatten so viel zu reden und die Nacht wurde immer länger und länger. Zwar sagte ich die ganze Zeit: «Jetzt muss ich wirklich, wirklich nach Hause.» Aber mein Freund sagte jedes Mal nur: «Ja, ja. Klar. Aber vorher trinken wir noch ein Glas.» Tja, und irgendwann war es eben morgens um vier und ich war leider betrunken.

Als ich dann zwei Stunden später wieder aufstand, dachte ich: «Oje, oje! Ich trinke nie wieder Alkohol. Das ist ja schrecklich. Wie dumm von mir.» Mein Kopf schmerzte und es fühlte sich an, als würden sich die Wände in der Küche bewegen. Ich überlegte sogar, ob ich wieder ins Bett zurückgehen sollte. Aber ich tat es nicht. Erstens hatte damals noch keiner ein Handy und ich konnte mich nicht abmelden [13]. Und zweitens freute ich mich auf den Ausflug und auf die Vögel. Also zog ich mich eben an und ging pünktlich zur Universität. Im Bus schlief ich nochmals eine Dreiviertelstunde. In Einsiedeln unten an der Holzeggbahn [14] wurde es dann ernst. Jetzt musste ich mich zusammennehmen und wandern. Denn mein Professor sagte: «Wir nehmen natürlich nicht die Bahn. Ihr seid ja noch jung.» In diesem Moment hasste ich ihn ein wenig, aber ich war ja selber schuld.

MauerläuferBei der oberen Station der Holzegg kamen wir endlich zu der Felswand am Fuss [15] des Grossen Mythen. Hier kann man mit etwas Glück und Geduld Mauerläufer sehen. Als wir da in der kühlen Morgenluft standen, dachte ich: «Hm, ich hoffe, dieser Vogel ist wirklich etwas Besonderes. Schliesslich bin ich mit Kopfschmerzen so früh aufgestanden für ihn.» Dann sahen wir ihn: Den Mauerläufer! Und er war wirklich wunderschön! Wie ein grosser schwarz-grau-rot-weisser Schmetterling flog und kletterte er die Felswand hoch.
Jetzt konnte ich verstehen, warum Menschen für ihn so weit reisen. Wir hatten wirklich Glück. In der Schweiz gibt es nämlich nur etwa 500 bis 1000 Paare.
Und weil viele von ihnen versteckt in den Bergen leben, sind sie schwer zu finden. Es ist ein grosses Geschenk, wenn man einen sehen darf. Ich fühlte mich gleich schon viel, viel besser.

Das war gut. Denn jetzt kam der strenge Teil: Der Bergweg auf den Grossen Mythen, der mit 47 engen Kurven 500 Höhenmeter [16] überwindet.
Wenigstens war jede Kurve mit einer Nummer angeschrieben und wir wussten immer, wie weit es noch war. Und der Boden war trocken. Das ist sehr wichtig, denn hier können die Steine sehr rutschig werden, wenn es nass ist. Trotzdem war es natürlich dumm, noch halb betrunken hier hinauf zu wandern. Ich würde das heute nie mehr tun. Und wenn meine Mutter es damals gewusst hätte, hätte sie sicher gesagt: «Ich verbiete [17] es dir, so auf einen Berg zu steigen!» Aber sie weiss bis heute nichts davon...

Trotzdem hat sich das Schicksal viele Jahre später an mir gerächt [18]. Als mein Mann und ich mal besonders viel arbeiten mussten, gingen unsere Kinder zu meinen Eltern in den Ferien. An einem Abend riefen sie uns an und sagten: «Mama, Papa, morgen machen wir etwas wirklich Tolles! Wir gehen mit Grosspapa auf den Grossen Mythen!»
Ich bekam sofort grosse Angst und wollte sagen: «Ich verbiete es euch!» Aber mein Mann freute sich und sagte zur mir: «Du weisst doch, wie gut dein Vater die Berge kennt. Und du weisst auch, dass er sehr, sehr gut auf die Kinder aufpassen wird. Er liebt sie mehr, als alles auf der Welt.» Also sagte ich eben auch «ja».

Den ganzen nächsten Tag war ich sehr nervös. Ich musste immer daran denken, dass die Kleinen nun auf dem Berg waren. Endlich kam ein Anruf. Es war mein Vater. Er rief: «Das war etwas vom Schönsten, was ich je erlebt habe! Die Kleinen haben die ganze Wanderung gemacht ohne einmal zu jammern [19]. Es war fantastisch.»

Ich gebe zu, ich war sehr erleichtert und auch stolz.

Damals als Studentin war ich natürlich noch viel weniger ängstlich. Wir waren eine lustige Gruppe und fanden alles witzig und spannend. Denn auf dem Mythen gibt es nebst dem Mauerläufer auch noch viele andere interessante Vögel. Am besten haben mir die Alpendohlen gefallen. Das sind schwarze Vögel aus der Familie der Rabenvögel. Sie haben orange Beine und einen gelben Schnabel. Als wir die erste sahen, rief meine Freundin vor mir: «Ah schau nur, wie die fliegen können! Und wir Armen müssen hier unten mühsam einen Schritt nach dem anderen machen.» Ich lachte und war froh, dass ich nicht die Einzige war, die es schwierig fand, auf diesen schönen Berg zu steigen.


Aber als wir endlich, endlich oben ankamen, war alles vergessen: die kurze Nacht, die schweren Beine und die Kopfschmerzen.
Glauben Sie mir, eine so schöne Aussicht wie hier oben gibt es fast nirgends sonst in der Schweiz. Denn hier sieht man ein 360 Grad-Panorama! Weit unten sind die Seen der Zentralschweiz. Am einen Horizont sieht man die Alpen und in die andere Richtung liegt das weite Mittelland. In diesem Moment werden alle Probleme dort unten ganz klein und unwichtig. Man hat wirklich den Überblick und kann mal alles vergessen.

Zudem gibt es hier oben ein herziges, kleines Restaurant. Dort assen wir ein grosses Schinken-Sandwich und die berühmten Nussgipfel. Das ist ein Gebäck aus Blätterteig mit einer süssen Füllung aus Nüssen. Es ist so lecker, dass es sehr schwierig ist, nicht zwei davon zu essen. Auch damals habe ich zwei gekauft, obwohl ich eigentlich nicht genug Geld hatte dafür. Denn das Essen und Trinken ist hier nicht ganz billig: Alles muss mit dem Helikopter hinauf gebracht werden.

Trotzdem teilten wir das kostbare Essen mit den Alpendohlen. Sie sind so lustig und frech! Sie kommen ganz nahe und wollen immer etwas zu essen. Zuerst haben wir ihnen von unseren Nussgipfeln gegeben. Dann rief ich: «So, jetzt ist es aber genug. Geht weg!» Die Vögel interessierte das natürlich nicht. Sie kamen immer wieder ganz nahe. Wir probierten einen Trick: Wir taten so, als würden wir ein Stück Nussgipfel nehmen und warfen dann ein Steinchen. Doch die Dohlen schauten nur schnell hin und blieben ruhig neben uns sitzen. Sie sind wirklich schlau! Und sie haben gute Augen.

Als wir wieder hinabstiegen, hatte ich sehr müde Beine, aber sonst ging es mir wieder richtig gut. An diesem Abend schlief ich früh ein. Erschöpft, glücklich – und mit Überblick.

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Wenn Sie auch mal den Überblick verlieren und genügend fit sind: Fahren Sie nach Einsiedeln oder nach Schwyz und steigen Sie auf den Grossen Mythen [20]! Sie werden das Gefühl dort oben nie wieder vergessen.
Nun würde es mich sehr freuen, wenn Sie auch am 3. Juni wieder auf www.podclub.ch oder über unsere App mit dem Vokabeltrainer mit dabei sind, wenn es heisst «Andrea erzählt». Dann werde ich Ihnen von «Bern» erzählen. Auf Wiederhören!


[1] die Übersicht haben: alles auf einen Blick sehen (und verstehen)
[2] hektisch: hastig, aufgeregt, schnell
[3] der Abstand: die Distanz
[4] eine knappe Stunde: nicht ganz eine Stunde, fast eine Stunde
[5] sich verirren: den Weg verlieren (Hänsel und Gretel haben sich im Wald verirrt)
[6] das Wahrzeichen: etwas, woran man eine Stadt oder eine Landschaft eindeutig erkennt (ein Gebäude, ein Berg etc.)
[7] etwas besteigen: auf etwas hinaufgehen (eine Treppe, einen Berg, ein Pferd)
[8] erfahren: mit Erfahrung, wenn man etwas schon oft gemacht hat und weiss, wie es geht
[9] abstürzen: gewaltsam herunterfallen
[10] der Bergsteiger: jemand, der auf Berge hinaufgeht, oft über schwierige Wege
[11] vernünftig: mit Vernunft, wenn man die Dinge gut überlegt und mit dem Kopf statt nach dem Gefühl entscheidet
[12] der Ausflug: kleine, kurze Reise an einen Ort, der nicht weit weg ist
[13] abmelden: das Gegenteil von anmelden, einem Menschen oder für einen Kurs etc. sagen, dass man nicht (mehr) kommt
[14] die Holzeggbahn: Seilbahn bei Einsiedeln
[15] der Fuss eines Berges: dort, wo der eigentliche Berg anfängt
[16] der Höhenmeter: ein Meter senkrecht nach oben gemessen. Da man ja nicht senkrecht nach oben wandern kann, muss man für einen einzelnen Höhenmeter meist mehre Meter Weg gehen
[17] etwas verbieten: etwas ganz strikt nicht erlauben
[18] sich rächen: ein Unrecht zurückgeben
[19] jammern: sich über etwas beklagen (Schmerzen, Müdigkeit, Wetter etc.)
[20] http://www.wandersite.ch/Tageswanderung/567_Schwyz.html