Andrea erzählt 42: Zoo Zürich (26. August 2016)

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, herzlich willkommen zur Sendung «Andrea erzählt» vom 26. August 2016. Willkommen zurück bei uns! Schön, sind Sie wieder da. Ich hoffe, Sie hatten einen schönen Sommer.
Es freut mich sehr, Ihnen hier die Gewinnerinnen unseres Wettbewerbs zu verraten [1]. Cornelia, Denise und Sr. Raphaela haben je einen Kopfhörer von JBL gewonnen. Wir gratulieren und danken melectronics für die tollen Preise.
Wahrscheinlich haben die meisten von Ihnen jetzt keine Ferien mehr. Aber es ist immer noch warm genug, um möglichst viel nach draussen zu gehen. Sogar, wenn es regnet. Darum erzähle ich Ihnen heute von einem Ort, den ich ganz besonders liebe: Vom Zoo Zürich [2]. Viel Vergnügen!

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Der Zoo Zürich gehört für mich zu den wenigen Orten, die ich schon mein ganzes Leben lang kenne und gern habe. Schon als ich ein Baby war, ist meine Mutter mit mir sehr oft dorthin gegangen. Wir hatten damals eine Jahreskarte. Die gibt es heute noch. Man bezahlt einmal und kann dann so oft in den Zoo, wie man will. Das ist gut. Denn meine Eltern hatten damals nur sehr wenig Geld.

Der Zoo war früher völlig anders als heute. In den siebziger Jahren waren viele Tiere noch in kleine Käfige [3] eingesperrt. Oft war der Boden nur aus Beton, damit man ihn gut putzen konnte. Spielsachen gab es kaum.

An meine ersten Besuche im Zoo kann ich mich natürlich nicht erinnern. Aber schon bald kannte ich die verschiedenen Tiere und Häuser. Und als ich sprechen konnte, sagte ich immer: «Mami, wir müssen zuerst zu den Elefanten.» Die lebten damals unten in einem Haus und hatten nur sehr wenig Platz. Ich weiss noch, wie es dort roch [4] und dass man eine Steintreppe hinuntergehen musste. Oben waren die Tapire [5]. Sie gehören bis heute zu meinen Lieblingstieren. Ich werde Ihnen später noch mehr über sie erzählen.

Ich mochte auch die Löwen und die Menschenaffen [6]. Beide waren damals auch noch in Häusern mit Steinböden und Gittern gefangen [7]. Seit damals hat sich vieles verändert. Der Zürich Zoo ist heute einer der besten Zoos der Welt mit vielen wissenschaftlichen Projekten. Etliche bedrohte [8] Tiere werden hier gezüchtet [9]. Und gleichzeitig hilft der Zoo, den so genannt natürlichen Lebensraum [10] der Tiere zu schützen. Also die Orte, von denen die Tiere herkommen. Zudem gibt es sehr viele Projekte, um den Menschen zu helfen, die Tiere zu verstehen und zu lieben.

Oder, wie es mal ein Zoo-Mitarbeiter gesagt hat:«Nur, was man kennt und liebt, das schützt man.»

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Später habe ich Zoologie studiert und selbst Führungen [11] im Zoo gemacht. Das war einer meiner schönsten Jobs. Damals durfte ich oft die Elefantenpfleger [12] besuchen. Das war noch im alten Elefantenhaus. Der Chef der Pfleger sagte: «Komm doch mal nach der Arbeit zu uns. Dann darfst du die Elefanten streicheln.» Ich freute mich sehr und fragte: «Aber wie geht das? Wo ist der Eingang zu euch?» Da lachten alle laut und der Chef sagte: «Du musst durch das Männer-WC hindurch gehen. Also pass gut auf, dass keiner da ist.»

Das erste Mal war ich nervös. Aber dann ging ich oft zu Besuch. Gerade hinter der Wand des WCs war die Küche der Pfleger. Danach kam ein Raum mit einem grossen Spalt [13] in der Mauer. Dort konnten die Elefanten ihren Kopf hindurchstrecken. Eine Elefantendame schnupperte mit ihrem Rüssel [14] an mir herum. Dann probierte sie, etwas aus meiner Hosentasche zu holen.
Der Pfleger sah mich an und fragte: «Hast du Fishman‘s Friends [15] da drin?» Ich sagte: «Ja. Wieso weisst du das?» Er antwortete: «Weil sie die so gern hat. Du darfst ihr eines geben.»
Ich konnte das fast nicht glauben. Aber ich nahm ein Bonbon aus der Tasche und legte es auf meine flache Hand. Da nahm es der Elefant mit der Spitze seines Rüssels. Er war so sorgfältig wie mit zwei Fingern und ass es!
Danach durfte ich noch die Zunge des Elefanten anfassen. Sie war ganz weich und fein. Man kann fast nicht glauben, dass diese Tiere mit ihrer zarten Zunge ganze Äste und Bäume fressen können.

Einmal lud mich der Chef ein, einem neuen Elefantenbaby ein Fläschchen mit Milch zu geben. Aber dann drehte sich die Mutter zu mir um und ich bekam Angst. Als meine Freunde das später hörten, sagten sie: «Spinnst du? Es wäre der Traum von uns allen, einem Elefanten das Fläschchen zu geben — und du sagst nein!» Es tut mir ja selbst bis heute leid, dass ich nicht genug Mut hatte.

Vor ein paar Jahren sind die Elefanten in ein neues riesiges Gehege [16] umgezogen. Es ist sehr schön und die Elefanten haben dort sehr viel mehr Platz. In den modernen Zoos haben die Tiere möglichst wenig direkten Kontakt mit Menschen. Ich glaube darum nicht, dass ich heute nochmals so eine Chance bekäme.

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Ein anderes Haus habe ich auch immer gern besucht. Das Haus der kleinen Affen. Dort arbeitete ein sehr netter Pfleger. Er hiess Paul. Als junger Mann hatte er Milch transportiert. Er erzählte mir: «Ich musste so früh aufstehen, dass ich am Abend nicht einschlafen konnte. Ich hatte immer Angst, zu verschlafen. Irgendwann war ich so müde, dass ich den Job wechseln musste. So wurde ich Tierpfleger.»
Das ginge heute natürlich nicht mehr. Tierpfleger brauchen eine sehr gute Ausbildung [17] und es gibt viel zu wenige Lehrstellen. Der Chef der Elefanten hat mal gesagt: «Die Chance, dass man in der Schweiz Bundesrat wird, ist viel grösser, als dass man Elefantenpfleger wird.»
Paul war immer sehr freundlich zu mir. Julio, ein männlicher Gelbbrustkaupuziner [18] merkte das. Und als ich wieder mal ins Haus kam, rannte er zu mir und stellte sich ganz nah vor mich an die Scheibe. Dabei hielt er einen Arm nach oben und die andere Hand war unter der Achsel [19] versteckt. Paul lächlte und sagte: «Er ist jetzt mit dir befreundet.»
Von diesem Tag an ging ich Julio immer besuchen, wenn ich im Zoo war. Als ich das erste Mal mit meinem Mann kam, wurde er sehr eifersüchtig. Er machte laute hohe Töne und zeigte meinem Mann seine spitzen Zähne. Es dauerte lange, bis er auch ihn mochte.

Julio und die anderen Gelbbrustkaupuziner leben jetzt auf einer schönen Affeninsel im Zoo. Dort sind sie frei. Seither habe ich ihn nur noch ein paar Mal von Weitem gesehen.

Als wir später Kinder bekamen, kauften wir uns auch Jahreskarten für den Zoo. Das Tolle dran ist, dass eine Jahreskarte für eine Familie immer gleich viel kostet, egal, wie viele Kinder man hat. So können auch grosse Familien regelmässig kommen.

Ich weiss noch sehr gut, wie meine Tochter das erste Mal merkte, dass es Tiere gibt. Sie war vor meinem Bauch in einem Tuch und ich ging mit ihr zum Aquarium mit den vielen bunten Fischen. Sie schaute genau hin. Und plötzlich merkte sie, dass sich da etwas bewegte. Da fing sie an, mit den Armen und Beinen auf und ab zu rudern [20] und lachte laut. Das war sehr süss. Viele Leute blieben stehen, um diesem Baby dabei zuzusehen, wie es sich freute.

Später gingen wir dann manchmal den in den Zoo und zeichneten Tiere. Nach einem solchen Nachmittag sagte mein Sohn: «Das war schön. Wenn man die Tiere zeichnet, sieht man sie plötzlich viel genauer. Und man vergisst die vielen Leute überall.»

20160829 D Tapirus pinchaque portraitNun möchte ich Ihnen noch das Schönste erzählen, was mir im Zoo je passiert ist. Ein Bekannter von mir arbeitete bei den Tapiren. Als ich ihm sagte, dass Tapire meine Lieblingstiere sind, sagte er: «Kommt mich nächste Woche besuchen. Dann nehme ich euch mit hinein.» Und tatsächlich: Wir durften die Tapire streicheln! Einer mochte das so gern, dass er sich gleich auf den Rücken legte. Er streckte seine vier Beine in die Luft und liess sich von uns kraulen [21], bis wir gehen mussten.

Ich hatte also das Glück, dass ich viele Tiere von Nahem erleben durfte.
Aber der Zoo ist auch sonst wunderbar. Und weil er neben einem grossen Stück Land gebaut wurde, konnte er immer weiter verbessert und vergrössert werden. Er ist heute mehr als doppelt so gross, wie in meiner Kindheit! Im neuen Teil steht auch die Masoalahalle. Darin wächst ein echter Urwald. Das ist sehr besonders, denn die Pflanzen müssen immer die richtige Temperatur haben und die richtige Feuchtigkeit. Und man muss aufpassen, dass sie keine Krankheiten bekommen. Wie bei den Tieren auch.

Der Zoo arbeitet sehr eng mit Masoala zusammen. Das ist ein Naturschutzgebiet auf Madagaskar in Afrika. Von dort kommen auch die Kattas. Das sind so genannte Halbaffen. Dazu gibt es übrigens noch eine lustige Geschichte. Kattas sehen ein bisschen aus wie Katzen und sind sehr neugierig. Und darum haben sie schnell gelernt, dass die Türe automatisch aufgeht, wenn Leute davor stehen. Sie stellten sich also einfach daneben und kaum ging die Türe auf, rannten sie in den Zoo Shop hinaus. Eine Freundin hat mir erzählt: «Einmal hat sich ein Katta dort bei den Plüschtieren versteckt.
Stell dir vor, wie die Leute sich erschrocken haben!»
Ich weiss nicht, ob diese Geschichte wirklich stimmt. Aber ich finde sie sehr lustig!

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So, und jetzt wünsche ich Ihnen tierisch schöne letzte Sommerwochen. Wenn Sie Zeit haben, sollten Sie mal in den Zoo gehen. Vielleicht machen Sie sogar eine Nacht-Führung mit. Dann sind alle Menschen weg und sie lernen ganz viele neue Dinge.
Nun würde es mich sehr freuen, wenn Sie auch am 9. September wieder auf podclub.ch oder über unsere App mit dem verbesserten Vokabeltrainer mit dabei sind, wenn es heisst «Andrea erzählt». Dann werde ich Ihnen vom «Zuger Berg» erzählen.
Auf Wiederhören!


[1] verraten: ein Geheimnis erzählen
[2] http://www.zoo.ch/de
[3] der Käfig: kleine Kiste oder Raum mit einem Gitter, um Tiere einzusperren
[4] riechen: einen Geruch haben, bzw. etwas mit der Nase wahrnehmen
[5] der Tapir: ein südamerikanisches Tier mit einem weichen Fell und einer langen Nase, es ist etwa so gross wie ein Wildschwein
[6] die Menschenaffen: grosse Affen wie Schimpansen, Gorillas und Orang-Utans
[7] gefangen: nicht frei, eingesperrt
[8] bedroht: in Gefahr, gefährdet — bei Tieren sind Arten gemeint, die am Aussterben sind, wenn man sie nicht schützt
[9] züchten: fortpflanzen mit Plan, zum Beispiel bestimmte Tierarten oder Pflanzensorten
[10] natürlicher Lebensraum: der Ort, an dem eine bestimmte Tier- oder Pflanzenart herkommt
[11] die Führung: ein Spaziergang bei dem einem etwas erklärt wird
[12] der Elefantenpfleger: jemand der Elefanten pflegt, auf sie aufpasst
[13] der Spalt: ein Schlitz, ein längliches Loch
[14] der Rüssel: die lange Nase eines Elefanten (oder z.B. eins Tapirs)
[15] Fishman‘s Friends: eine sehr scharfe Sorte Minz-Bonbons
[16] das Gehege: Stück Land mit einem Zaun, auf dem Tiere leben
[17] die Ausbildung: eine Schule, Universität oder andere Art, um etwas richtig zu lernen
[18] der Gelbbrustkapuziner: ein kleiner südamerikanischer Affe mit gelblichem Fell auf der Brust
[19] die Achsel: untere Stelle, an der die Arme am Brustkorb angemacht sind (oben heisst sie Schulter)
[20] rudern: runde Bewegungen mit den Armen
[21] kraulen: mit kreisenden Bewegungen streicheln (meist Tiere)