Andrea erzählt 79: Basel (9. Mai 2016)

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, herzlich willkommen zur Sendung «Andrea erzählt» vom 9. Mai 2016. Wegen der Auffahrt [1] hören wir uns heute ausnahmsweise an einem Montag. Es freut mich sehr, sind Sie wieder mit dabei.
Im Moment gibt es auf der Welt leider wieder besonders viel Krieg und Streit zwischen den Menschen. Das macht mir sehr grosse Sorgen. Es kann doch nicht so schwierig sein, in Frieden zusammen zu leben. Wir sind ja alles Menschen.
Doch sogar in der eigentlich friedlichen Schweiz gibt es solche Dummheiten. Nicht nur gegen Menschen aus anderen Ländern. Nein, sogar Menschen aus einem Teil der Schweiz mögen Menschen aus anderen Teilen nicht und umgekehrt. Eine solche Geschichte ist die Geschichte zwischen Zürich und Basel. Alle sagen, dass die beiden Städte sich nicht ausstehen [2] können. Gern erzähle Ihnen heute, ob das stimmt, und weshalb ich das so sinnlos finde.

Viel Spass!

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20160509 D basel1Es gibt den Spruch: «Was ist das Beste an Zürich?» - «Der Zug nach Basel.» «Und was ist das Beste an Basel?» - «...Ja genau, der Zug nach Zürich». Diesen Spruch gibt es für viele Stadt-Paare in der Welt. Mit dieser Abneigung [3] wachsen viele Kinder auf. Mein Mann und ich können das nicht verstehen. Unsere Mütter sind nämlich Baslerinnen, die in Zürich geheiratet und hier Kinder bekommen haben. Es gibt allerdings auch viele, die sagen: «Nur die Basler haben ein Problem mit den Zürchern – und nicht umgekehrt.» Dann heisst es in Basel gern: «Die Zürcher sind so arrogant, dass sie es nicht mal nötig haben, sich über uns zu ärgern.»

Auf jeden Fall werden Sie von mir keine schlechten Worte über Basel hören. Im Gegenteil. Doch bevor ich Ihnen erzähle, was ich an dieser Stadt im Nordosten [4] der Schweiz so gern habe, möchte ich noch eine Frage anschauen: Warum mögen die beiden Städte sich eigentlich nicht? Ich habe mal versucht, es herauszufinden. Aber wie in fast allen Geschichten über alte Streitereien [5] weiss auch hier niemand mehr, wie es angefangen hat. Einige Wissenschaftler sagen, das komme noch aus dem Mittelalter. So genau weiss es aber niemand. Und wie bei allen solchen Problemen zwischen Städten, Ländern oder Familien bleibt der Streit wohl nur am Leben, weil jeder seinen Kinder davon erzählt. Die erzählen es dann ihren Kindern und so weiter [6].

Das Einzige, was ich weiss, ist dass sich die Fussballklubs der beiden Städte nicht ausstehen können. Das geht soweit, dass es sogar regelmässig zu Ausschreitungen [7] zwischen den Fans kommt. Aber lustigerweise mögen sich ja auch die beiden Zürcher Clubs nicht. Das gehört wohl einfach zu diesem Sport dazu.

Vergessen wir also diesen blöden Streit ohne Grund. Viel lieber möchte ich Ihnen von meinem Basel erzählen.

Seit ich denken kann, hat mir meine Mutter Geschichten aus ihrer Kindheit in der Nähe von Basel erzählt. Meine liebste war diese: Kurz nach dem zweiten Weltkrieg lebte meine Grosstante in Deutschland. Sie war mit einem Deutschen verheiratet. Leider starb er in russischer Gefangenschaft [8] – zwei Jahre nach Ende des Krieges. Meine Grosstante war also allein und sehr arm. Weil sie ganz nahe an der Schweizer Grenze lebte, gingen meine Grosseltern und ihre Kinder am Sonntag jeweils an einem Ort nahe der Grenze spazieren. Von dort warfen sie Pakete mit Kaffee und Brot zu meiner Grosstante hinüber.

Dieses Bild gehört für mich bis heute zu Basel. Ich finde immer, dass man hier spürt, dass die grosse Welt hier viel näher ist, als in Zürich. Basel liegt im so genannten Dreiländereck Schweiz-Deutschland-Frankreich. Mir selbst gefällt zudem, dass der Rhein bis zum Meer geht. Basel ist damit direkt mit dem Meer verbunden, auch wenn es natürlich ganz weit ist. Das ist schön. Denn was wir Schweizer in unserem Land wirklich vermissen, ist das Meer. Wie die Holländer die Berge lieben, lieben wir fast alle das Meer.

Ebenfalls aufregend finde ich die Basler Fasnacht. Eigentlich bin ich ja gar kein Fasnacht-Fan. In Zürich gibt es dafür keine Tradition. Doch meine Mutter sagte immer: «Du wirst noch sehen, in Basel ist das etwas ganz Anderes.» Und sie hatte recht. Vor vielen Jahren sagte mein Mann zu mir: «Es wird Zeit, dass wir mal zusammen hingehen. Es gibt jetzt Züge, die mitten in der Nacht fahren, damit man um vier dort ist.» Dann beginnt nämlich der berühmte Morgenstraich [9].

Dabei werden alle Lichter in der Stadt gelöscht und gleichzeitig beginnen überall winzige Flöten und Trommeln zu spielen. Sie werden begleitet von kleinen und grossen Laternen. Das ist sehr eindrücklich. Danach assen wir eine Basler Mehlsuppe und fuhren wieder nach Hause. In Basel ging das Fest natürlich jetzt erst los. Als wir am Zürcher Hauptbahnhof aus dem Zug stiegen, sagte ich: «Ich kann nicht glauben, dass dies hier nur eine Stunde von Basel weg ist. Hier ist es einfach ein ganz normaler Montag. Wie langweilig.»

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Nebst der Mehlsuppe gibt es noch zwei Dinge, die für mich zu Basel gehören. Basler Läckerli und Mässmögge [10]. Basler Läckerli sind ein lebkuchenähnliches, rechteckiges Gebäck. Beides brachte meine Mutter manchmal mit. Die Läckerli fand ich als Kind immer etwas langweilig. Aber die Erwachsenen riefen: «Oh vielen Dank! Basler Läckerli! Was für ein schönes Geschenk.»

Dafür verstanden die Erwachsenen nicht, warum ich und mein Bruder uns immer Mässmöggen wünschten. Das sind harte Zuckerstangen, die mit einer weichen Mischung aus viel Zucker und Haselnüssen gefüllt sind.
Sie schimmern wie Perlen und haben alle Farben von pink über grasgrün [11] bis zu gelb. Heute kann man diese Süssigkeiten das ganze Jahr über kaufen. Aber früher gab es sie vor allem an der berühmten Basler Herbstmesse.
Ich gebe zu, dass ich heute höchstens noch einen essen mag. Und das auch nur, weil es mich so sehr an die Freude meiner Kindheit erinnert.

Zwei Dinge, die natürlich ebenfalls zu Basel gehören, sind Kunst und die grossen Pharmafirmen [12] wie Roche oder Novartis. Am bekanntesten sind sicher die grosse Kunstmesse Art [13] in Basel und die Fondation Beyeler [14] in Riehen. Das ist eine grosse Kunstsammlung ausserhalb von Basel. Weniger beliebt sind die Pharmafirmen. Sie haben einen eher schlechten Ruf. Die meisten Leute finden, dass sie vor allem sehr viel Geld verdienen wollen und nicht dem Menschen helfen. Ich selbst habe ein sehr gemischtes Verhältnis [15] zu ihnen. Mein Grossvater war selbst Chemiker. Er hat sein Leben lang für eine Basler Pharmafirma gearbeitet. Das fand ich als Kind sehr interessant.

Später habe ich als Journalistin wieder mit Pharmakonzernen zu tun gehabt. Da war ich mit Vielem nicht einverstanden. Vor allem störte es mich, wie viel Geld sie in Werbung stecken. Dabei gibt es noch immer viele arme Länder, welche die Medikamente nicht bezahlen können. Ich finde, man sollte mit diesem Geld lieber dort noch mehr helfen. Aber ich bin auch dankbar, dass die Pharmafirmen Medikamente gegen die kleinen Krankheiten meiner Kinder machen. Oder gegen den Krebs meiner Schwiegermutter.

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Ob Fasnacht im Winter, Messe im Herbst, Kunst oder Pharma: Basel ist vor allem einfach eine sehr schöne Stadt. Letzten Sommer habe ich sie noch von einer ganz neuen, tollen Seite kennengelernt: Ich war mit meinem Mann für ein Wochenende dort. Als wir in einem Restaurant direkt am Rhein sassen, sahen wir viele Menschen mit orangen, grünen und blauen Kissen den Fluss hinabschwimmen. Ich sagte zu meinem Mann: «Schau mal. Hier darf man ja schwimmen!» Das ist für uns Zürcher sehr speziell. Denn auf der Limmat ist das Schwimmen nur an einem Tag im Jahr erlaubt: Am Limmatschwimmen im August. Und das ist immer ausverkauft.

In Basel darf man schwimmen. Und seit ein paar Jahren kann man hier die Basler Fische [16] kaufen: Das sind grosse bunte Taschen in der Form eines Fisches. Damit geht man zu Fuss am Ufer den Rhein hinauf, soweit man eben mag. Dann zieht man seine Kleider aus und packt alles in den Fisch. Wenn man bereit ist für das Wasser, kann man den Fisch zusammenrollen [17]. So bleibt etwas Luft drin und er ist ein wasserfestes [18] Kissen.
Daran kann man sich nun festhalten und den Rhein hinunterschwimmen. Wenn man aus dem Wasser kommt, hat man seine trockenen Kleider dabei. Alle tun es. Es gibt Familien mit Kindern, Schüler und Studenten aber auch Geschäftsleute, die über Mittag rasch den Rhein hinab schwimmen. Das ist wunderbar!

Ebenfalls wunderbar sind die vielen schönen Häuser am Rhein. Man sieht sie am besten auf einer Rheinfahrt. Dabei gibt es ganz verschiedene Möglichkeiten. Wer wenig Zeit hat, kann mit einer der vier Rheinfähren [19] einfach über den Fluss fahren. Das kostet fast nichts und ist lustig, weil die Schiffe an Seilen angebundenen sind. Es gibt aber auch längere Fahrten und solche, bei denen man essen oder sogar Krimis hören kann.

Mir gefällt auch der Basler Humor. Er erscheint vielen vielleicht als arrogant, aber mich erinnert er sehr an den britischen Humor.

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Sie sehen also, es gibt ganz viele Gründe, Basel zu mögen. Und ich habe hier längst nicht von allen erzählt. Ich könnte problemlos noch eine zweite Sendung über diese schöne Stadt am Rhein machen.
Nun würde es mich sehr freuen, wenn Sie auch am 20. Mai wieder auf www.podclub.ch oder über unsere App mit dem Vokabeltrainer mit dabei sind, wenn es heisst «Andrea erzählt». Dann werde ich Ihnen vom «grossen und kleinen Mythen» erzählen. Auf Wiederhören!


[1] die Auffahrt: christlicher Feiertag, (oder ein Weg, der zu einem Haus oder einer Strasse hinaufführt)
[2] sich nicht ausstehen können: sich gar nicht mögen
[3] die Abneigung: Gefühl der Ablehnung gegen etwas oder einen Menschen. Wenn man etwas nicht mag, hat man eine Abneigung dagegen
[4] NB: Auch Schweizerinnen können sich manchmal irren: Basel liegt natürlich nicht im Nordosten, sondern ganz einfach im Norden der Schweiz.
[5] die Streiterei: der Streit, Unstimmigkeit
[6] und so weiter: etc.
[7] die Ausschreitung: wenn Menschengruppen aufeinander losgehen, gewalttätiges Zusammentreffen von Menschen
[8] die Gefangenschaft: das Gefangensein, in einem Gefängnis sein
[9] der Morgenstraich: der erste Tag der Basler Fasnacht, immer am Montag nach Aschermittwoch
[10] der Mässmogge: Baseldeutsch für Messe-Mocken (-Klumpen), das ist eine Basler Süssigkeit
[11] grasgrün: helles Grün im Ton einer Frühlingswiese
[12] die Pharmafirma: auch Pharmakonzern, grosse Firma, die Medikamente entwickelt und herstellt
[13] https://www.artbasel.com
[14] http://www.fondationbeyeler.ch
[15] ein gemischtes Verhältnis: eine ambivalente, nicht einfache Beziehung
[16] http://www.tiloahmels.ch/wickelfisch.php
[17] zusammenrollen: etwas so lang um sich selbst drehen, bis eine Rolle, eine Wurst entsteht
[18] wasserfest: so gemacht, dass Wasser nicht hindurchkommt (z.B. bei Schuhen, Jacken etc.)
[19] http://www.faehri.ch