Andrea erzählt 81: Bern (3. Juni 2016)

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, herzlich willkommen zur Sendung «Andrea erzählt» vom 3. Juni 2016. Es freut mich sehr, sind Sie wieder mit dabei. Am 5. Juni sind die nächsten Abstimmungen [1] in der Schweiz. Dabei geht es dieses Mal auch um ein wichtiges Thema, über das ich viel nachdenke: Um Flüchtlinge. Soll man das Asylverfahren [2] in der Schweiz schneller machen, damit die Menschen nicht mehr so lange warten müssen? Ich finde ja. Obwohl auch dieses Gesetz natürlich nicht perfekt ist. Denn nicht alle Geschichten können in kurzer Zeit geprüft werden. Leider gibt es wahrscheinlich gar keine perfekten Gesetzte, weil jeder Mensch etwas anderes braucht. Weil also gerade eine sehr politische Zeit ist, möchte ich Ihnen von Bern erzählen, der Hauptstadt der Schweiz. Hier wird auch die Landespolitik gemacht.

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20160603 D BernBern ist nicht die grösste Stadt der Schweiz, aber die politisch wichtigste. Denn hier steht das Bundeshaus. Dort regieren der Bundesrat, der Nationalrat und der Ständerat gemeinsam unser Land. Diese drei Räte [3] bilden zusammen die Regierung. Das heisst natürlich, dass viele Politiker nach Bern fahren müssen. Da wir ein kleines und sicheres Land sind, sieht man unsere Politiker ganz normal auf der Strasse oder im Zug. Tatsächlich sind die Züge zwischen Zürich und Bern fast immer voll – sogar in der ersten Klasse. Denn all die vielen Menschen, die irgendwie für die Regierung arbeiten, müssen ja nach Bern kommen. In der Schweiz geht das am besten mit dem Zug.

Für die meisten von uns ist natürlich nicht die Politik der Grund, nach Bern zu fahren. Bern ist auch einfach eine aussergewöhnlich [4] schöne Stadt. Und eine Stadt, über die es viele Klischees gibt.

Das bekannteste davon ist, dass Menschen aus Bern als sehr langsam gelten [5]. Das kommt daher, dass sie tatsächlich meist sehr langsam sprechen. Ich habe drei Jahre dort gearbeitet. Und da ich aus Zürich komme, spreche ich schnell. Wenn wir eine Sitzung hatten und Dinge besprechen mussten, war ich oft sehr ungeduldig. Es ist schwer für mich, wenn Leute langsam sprechen. Dann muss ich mir Mühe geben [6], dass ich nicht sage: «Ja, genau. Das habe ich verstanden. Können wir jetzt bitte das nächste Thema besprechen?» Ich probiere wirklich, nicht dreinzureden [7] oder ungeduldig zu werden. Aber ich schaffe es nicht immer.

Es war sehr gut, dass die anderen in meinem Team viel Humor hatten. Weil sie wussten, wie ungeduldig ich bin, sprachen sie manchmal absichtlich langsam und sagten zu mir: «Arme Andrea, du bist einfach viel, viel zu schnell. Nimm dir doch Zeit und entspanne dich!»

Irgendwann in jener Zeit habe ich mal jemandem zugehört, wie er über die Deutschen in der Schweiz geschimpft hat. Er hat gesagt: «Die sind so ungeduldig, schnell und direkt [8]. Das ist sehr unhöflich.» Ich habe viele deutsche Freunde.
Von ihnen habe ich gelernt, dass sie das meist gar nicht merken und es auch nicht so meinen. Sie haben einfach eine etwas andere Art. Darum habe ich meinen Freunden in Bern gesagt: «Ich glaube, jetzt verstehe ich euch. Wir Züricher sind für euch die Deutschen der Schweiz.»

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Dabei ist Langsamkeit vielleicht das falsche Wort für Bern. Gelassenheit [9] würde besser passen. Bern ist einfach eine sehr gemütliche Stadt. Im Sommer kann man unter den Laubengängen [10] hindurch spazieren. Dort gibt es Schatten und viel zu sehen. Weil hier so viele Leute arbeiten und auch Touristen kommen, gibt es tolle Läden.
Dazwischen hat es überall Strassencafés, wo die Leute draussen sitzen. Das Schönste an Bern ist aber die Aare. Das ist der Fluss, der mitten durch die Stadt fliesst. Das Spannende: Sie liegt tief unten und die Stadt ist oben an ihren beiden Ufern.
Man muss also durch die Altstadt hinabsteigen, wenn man zur Aare will. Oder man nimmt einen Lift. Damit kann man in «das Mattequartier [11]» fahren. Matte bedeutet Wiese auf Berndeutsch. Es ist eines der bekanntesten und interessantesten Quartiere in Bern.

Die Matte ist eigentlich eine Halbinsel in der Aare. Früher haben hier die Armen gewohnt. Es gab hier sogar einen eigenen Dialekt. Man nennt ihn «Mattenenglisch». Er hat Worte, die heute fast niemand mehr versteht. «E Ligu Lehm» heisst zum Beispiel «ein Laib [12] Brot». Es ist auch das Quartier, das am schnellsten Probleme bekommt, wenn die Aare zu viel Wasser hat. 2005 wurde es völlig überschwemmt.

Als ich damals in Bern arbeitete, lernte ich eine neue Freundin kennen. Sie lebte im Mattenquartier. Bald lud sie mich zum Essen ein. Und wie es so ist, wenn man einen Menschen kennenlernt, erzählten wir uns aus dem Leben. Ich fragte sie: «Hast du Bilder von früher? Ich liebe es, die Fotoalben anderer Leute anzusehen.» Da hatte sie plötzlich Tränen in den Augen und sagte: «Nein. Ich habe gar nichts mehr. Keine Fotos, keine Briefe und nicht mal mehr die Dinge, die ich als junge Frau geschrieben habe. Als die Matte überschwemmt war, ist alles kaputtgegangen.» Das ist schrecklich! Trotzdem wohnt meine Freundin immer noch dort und sagt: «Ich würde hier nie weggehen. Das ist mein Zuhause. Hier kenne ich alle und hier ist auch mein «Marzili [13]». Das ist eine sehr berühmte Badeanstalt neben der Aare. Sie ist alt und wirklich schön.

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In einem anderen Quartier an der Aare wohnte meine Grossmutter, die Mutter meines Vaters. Wir nannten sie nur «Muetti». Sie hatte acht Kinder und 17 Enkel und lebte die letzten zwanzig Jahre ihres Lebens bei meiner Tante und meinem Onkel. Er war der Direktor einer Schule mitten in Bern. Darum wohnte er in einem Haus direkt an der Aare, das der Schule gehörte. Um dort hinzukommen, muss man eine steile [14] Treppe hinabsteigen.

Als meine Grossmutter schon über achtzig war, fragte ich sie einmal: «Wie machst du das? Diese Treppe ist ja unglaublich lang und steil.» Sie lachte und sagte: «Das ist ganz einfach. Ich schaue nicht hinauf. Ich schaue nur auf die nächste Stufe. Und dann auf die nächste. Und irgendwann kommt die letzte und dann bin ich oben. Man darf dabei einfach nie an die ganze Treppe denken.»

Das habe ich nie vergessen. Wenn ich manchmal zu viel Arbeit habe, sage ich: «Das schaffe ich nicht.» Aber dann denke ich an Muetti und sage mir: «Es ist wie mit ihrer Treppe. Ich nehme einfach nur eine Stufe nach der anderen und schaue nie auf die ganze Treppe. Dann geht es.»

Auch wenn sie schon lange tot ist, hilft mir meine Grossmutter also noch immer.

Oppenheimbrunnen  Quelle/Rechte Wikipedia SupermutzÜbrigens: Wenn man die Treppe beim alten Haus meiner Grossmutter hinaufsteigt, kommt man auf einen Platz. Dort steht ein berühmter Brunnen. Er ist eine einfache Säule. Darum herum hat es eine Art Rinne [15]. Darin fliesst immer etwas Wasser. Mit der Zeit war der ganze Brunnen mit Kalk und Moos zugedeckt und ist zu einem Stück Natur geworden. Das Lustige daran: Den Brunnen [16] hat die Grosstante meines Mannes 1983 gebaut. Sie hiess Meret Oppenheim [17] und war eine bekannte Schweizer Künstlerin. So führte also die Treppe meiner Grossmutter zum Brunnen der Grosstante meines Mannes. Das fanden wir aber erste viele Jahre später heraus.

Seit damals hat sich hier nicht sehr viel verändert. Bern ist auch darin eine langsame Stadt. Am Rand ändert sie sich natürlich genauso so schnell, wie andere Städte. Aber im Zentrum ist fast alles immer noch so, wie in meiner Kindheit.

Aber etwas ganz Wichtiges hat sich doch verändert: Der Bärengraben [18]. Der Bär ist das Symbol der Stadt. Das hört man auch schon am Namen. Der Bärengraben war ein grosses rundes Loch im Boden, oben am einen Ufer der Aare. Es hatte Wände und einen Boden aus Steinen. In dem Loch lebten ein paar Bären. Man konnte Futter kaufen und es ihnen hinunterwerfen. Die armen Tiere stellten sich dann auf die Hinterbeine und versuchten, das Futter zu fangen. Natürlich fand ich das als Kind lustig und süss. Aber irgendwann einmal sagten Tierschützer und die Menschen von Bern: «Es ist gar nicht süss. Es ist brutal, wenn Tiere in einem kleinen Loch aus Stein leben müssen.»

Darum wurde 2009 ein neuer Bärengraben gebaut. Es ist eigentlich gar kein Graben mehr. Heute haben die Tiere eine grosse Wiese, die bis an die Aare hinunterreicht. Darauf stehen Bäume und Spielgeräte und es hat auch Orte, an denen die Bären sich verstecken können. Die Menschen können von verschiedenen Seiten hineinschauen. Es ist viel schöner als früher. Nicht nur für die Bären, sondern auch für die Menschen.

Wenn Sie mal nach Bern fahren, sollten Sie diesen Ort unbedingt besuchen. Doch nicht nur für Tierfreunde gibt es in Bern etwas zu sehen – Bern ist auch eine Musikstadt.

Sehr viele Musiker kommen von hier. Und Berndeutsch ist der beliebteste Dialekt für Schweizerdeutsche Musik. Warum das so ist, weiss eigentlich niemand. Es hat in den sechziger Jahren angefangen. Damals hat der Berner Sänger Mani Matter seine Lieder geschrieben. Und die Kinder singen sie immer noch. Auch heute gibt es hier viel gute Musik. Wenn Sie Lust haben auf ein gutes Konzert an einem gemütlichen Ort, sollten Sie unbedingt das Café Kairo [19] besuchen. Es ist in der ganzen Schweiz bekannt und hier spielen viele sehr gute Bands.

Noch einen letzten Ort in Bern möchte ich Ihnen empfehlen: Den Bundesplatz. Das ist der Platz vor dem Bundeshaus, wo die Regierung arbeitet. Er ist ganz nah vom Bahnhof.
Auf dem Platz hat es viele kleine Löcher im Boden. Daraus heraus spritzt Wasser. Aber man weiss nie, aus welchem Loch es als nächstes kommt. Ich erinnere mich gern daran, wie ich einmal mit meinem Sohn dort war. Er war noch klein und es war ein heisser Sommertag. Er rannte auf dem Platz herum. Jedes Mal, wenn Wasser aus dem Boden spritzte und ihn nass machte, lachte er glücklich. Und er war nicht allein. Überall auf dem Platz hatte es andere kleine Kinder und auch Erwachsene, die lachten und hüpften [20].
Heute ist mein Sohn dreizehn. Aber er sagt noch immer ab und zu: «Mama, weisst du noch, wie lustig das war auf dem Bundesplatz?»

Ich werde nicht mehr mit ihm dahin fahren. Manche Orte sind am Schönsten, wenn sie nur in der Erinnerung leben.

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Wie immer gibt es noch so Vieles, was ich Ihnen ebenfalls erzählen möchte. Aber leider ist dies ein Podcast und kein Buch. Aber ich fände es sehr schön, wenn Sie selbst hinfahren und sich alles ansehen. Sicher finden Sie noch ganz viele andere, neue Dinge. Denn Bern ist nicht nur gemütlich, sondern vor allem bunt, fröhlich und lebendig.
Nun würde es mich sehr freuen, wenn Sie auch am 17. Juni wieder auf podclub.ch oder über unsere App mit dem Vokabeltrainer mit dabei sind, wenn es heisst «Andrea erzählt». Dann werde ich Ihnen vom «Sihltal» erzählen. Auf Wiederhören!


[1] die Abstimmung: wenn man demokratisch herausfindet, ob etwas getan werden soll oder nicht
[2] das Asylverfahren: der Vorgang, mit dem herausgefunden wird, ob ein Mensch Asyl bekommt oder nicht
[3] ein Rat: eine Gruppe von Menschen mit dem Auftrag, Dinge zu besprechen und zu entscheiden
[4] aussergewöhnlich: besonders, nicht gewöhnlich
[5] gelten: einen Ruf haben, angesehen sein
[6] sich Mühe geben: wirklich versuchen, etwas gut zu machen, auch wenn es nicht einfach ist
[7] dreinreden: schon reden, während jemand anderes noch spricht, ihn unterbrechen
[8] direkt: ohne Umweg; beim Reden meint man manchmal auch, dass jemand zu ehrlich ist
[9] die Gelassenheit: Ruhe, Gegenteil von Aufgeregtheit
[10] der Laubengang: überdeckter Weg vor einem Haus, sehr typisch für die Berner Altstadt
[11] https://de.wikipedia.org/wiki/Mattequartier
[12] der Laib: kommt von Leib für Körper, ein ganzes Brot ist ein Laib
[13] http://www.badi-info.ch/be/marzili.html
[14] steil: mit starker Steigung
[15] die Rinne: ein halbes Rohr, zum Beispiel auf dem Dach zum Auffangen des Regens
[16] https://de.wikipedia.org/wiki/Meret_Oppenheim-Brunnen
[17] https://de.wikipedia.org/wiki/Meret_Oppenheim
[18] der Bärengraben: ein Graben ist ein Loch im Boden, dieser hier wurde für Bären gebaut http://www.bern.com/de/stadt-bern/sehenswuerdigkeiten/baerenpark
[19] http://www.cafe-kairo.ch
[20] hüpfen: in die Luft springen