Andrea erzählt 82: Sihltal (17. Juni 2016)

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, herzlich willkommen zur Sendung «Andrea erzählt» vom 17. Juni 2016. Es freut mich sehr, sind Sie wieder mit dabei. Bis jetzt habe ich Ihnen meistens von Orten erzählt, die besonders schön sind. Heute möchte ich das Gegenteil tun. Ich erzähle Ihnen von einem Ort, den viele Leute hässlich finden: Vom Sihltal bei Zürich. Aber glauben Sie mir: Das Sihltal ist nicht nur eine Strasse mit ein paar Fastfoodläden und einer Tankstelle an ihrem Ende. Es ist auch eine schöne Wildnis [1]. Eigentlich ist das Sihltal ein kleines Tal, das vom Kanton Schwyz bis nach Zürich geht. Aber wenn die Zürcher vom Sihltal sprechen, meinen sie meist das Tal zwischen Zürich und Sihlbrugg. Von diesem Teil werde ich Ihnen heute erzählen.
Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen!

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20160617 D SihltalAls Kind hatte ich Angst vor dem Sihltal. Immer wenn wir in den Süden fuhren, mussten wir zuerst durch dieses schattige [2] Tal fahren: Es beginnt gleich am Stadtrand von Zürich. Zuerst muss man unter den hohen Säulen einer Autobahn hindurchfahren bis man auf die Sihltalstrasse kommt. Sie liegt auf der Rückseite der Hügel am linken Zürichseeufer. Neben ihr fliesst ein Fluss: Die Sihl.

Die Strasse im Sihltal ist berühmt für die vielen Unfälle, die hier passieren. Jedesmal wenn wir früher hier durchfuhren, redeten meine Eltern über alles, was hier schon passiert war: «Wie schrecklich! Da vorne ist doch der Sohn von Frau Soundso [3] gestorben. Unglaublich, wie schnell die Leute hier fahren! Das ist doch lebensgefährlich.» Sie können sich vorstellen, dass ich als Kind bei jeder Fahrt durch das Sihltal dachte: «Bitte lieber Gott, mach, dass wir hier nicht sterben!» Denn ich war sicher, dass fast alle Menschen sterben, die hier durchfahren.

Natürlich ist die Strasse durch das Sihltal nicht ganz so gefährlich, wie ich damals glaubte. Aber es passieren wirklich immer noch viele Unfälle hier, weil die Strasse recht eng ist und viele zu schnell fahren.

Da ich so Angst hatte, wollte ich als junge Frau möglichst lange nicht mehr durch das Sihltal fahren. Später, als ich Journalistin wurde, las ich einmal eine Reportage über dieses besondere, ungeliebte Tal. Darin wurden Menschen vorstellt, die hier leben. Es waren interessante Geschichten und alles war sehr liebevoll fotografiert. Damals habe ich begriffen [4], dass es kaum Orte gibt, die einfach hässlich sind. Meist gibt es auch schöne Seiten daran.

Und das stimmt auch für das Sihltal. Es hat zwar eine gefährliche Strasse, ist oft schattig und viele Häuser hier sind nicht besonders hübsch. Doch das ist nur ein kleiner Teil des Sihltals. Es ist gleichzeitig auch einer der zauberhaftesten Orte in der Nähe von Zürich.

Es gibt hier zum Beispiel viel wilde Natur, Fahrradwege und die unterschiedlichsten [5] Tiere. Über eines davon möchte ich Ihnen hier gern mehr erzählen: Über die Wasseramsel.

Wenn man am Ufer der Sihl sitzt und sich etwas Zeit nimmt, gibt es nämlich viel zu sehen. Das Wasser ist hier fast nirgends wirklich tief. Überall hat es Steine, die aus dem Wasser herausragen [6]. Wenn man genau hinschaut, sieht man oft eine kleine Kugel mit weisser Brust, die darauf herumhüpft [7]. Das ist die Wasseramsel.

Dieser kleine Vogel springt gern von Stein zu Stein. Er ist der einzige Singvogel, der nicht nur schwimmen kann — er kann sogar tauchen! Das muss er auch, denn er frisst nur Wasserinsekten. Wie der Name «Amsel» schon sagt, ist die Wasseramsel auch ein guter Sänger. Es ist wunderbar, ihr zuzuhören. Aber hier an der rauschenden [8] Sihl ist das gar nicht so einfach.

Als ich das erste Mal mit einem Freund dort war, sagte ich: «Alle sagen, dass sie schön singt. Aber der Fluss ist so laut, da hört man doch gar nichts» Mein Freund sagte: «Du musst geduldig [9] sein. Legt dich einfach mal ans Ufer und schliess deine Augen. Dann versuchst du alles zu vergessen und hör einfach hin.» Tatsächlich. Man hört zwar ab und zu die Strasse auf der anderen Seite der Sihl. Oder die Sihltalbahn, die vorbeifährt. Aber irgendwann liegt man einfach ganz entspannt unter den Bäumen und hört die Amsel, aber auch die Blätter der Bäume, den Wind im Gras, Spaziergänger und manchmal Kinder, die lachen.

Das Schönste am Sihltal finde ich, dass es hier nicht so viele Menschen hat: Wenn es im Sommer am Zürichsee überall voller Leute ist, findet man hier immer irgendwo ein Stück ruhiges Ufer. Hier kann man liegen, essen, lesen, träumen oder eben einfach mit geschlossenen Augen zuhören.

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Das Sihltal ist auch ein Paradies für Fahrradfahrer. Und zwar auch mit Kindern. Letzthin waren wir mit einer befreundeten Familie unterwegs. Weil wir nicht in der Stadt fahren wollten, stiegen wir mit unseren Rädern in die Sihltalbahn. Dafür muss man allerdings ein spezielles Ticket kaufen.

Besonders einfach geht das Einsteigen bei der Station «Selnau» nahe vom Stauffacher. Hier gibt es einen Lift direkt auf den Bahnsteig hinab. Man kann zum Beispiel in Adliswil oder beim Wildpark aussteigen und den markierten Wegen entlangfahren. Wer Lust hat auf eine richtige kleine Velotour mit seinen Kindern, kann auf der Seite Velokidz [10] eine genaue Anleitung finden. (Die Route ist mit 19 Kilometern recht lang. Man kann natürlich auch einfach nur einen Teil davon machen).

Als wir damals mit der befreundeten Familie unterwegs waren, sind wir in Adliswil ausgestiegen.
Schon bald hatten wir einen Platz gefunden, an dem wir unsere Ruhe hatten. Und das war gut. Denn der Sohn unserer Freunde rief plötzlich: «Oh nein, ich habe meine Badehose zuhause vergessen!» Wir sagten: «Das ist doch nicht schlimm, du kannst ja in deiner Unterhose baden.» Doch das wollte er nicht. Er sagte: «Ich kann doch nicht mit einer nassen Unterhose mit dem Fahrrad nach Hause fahren. Und ohne Unterhose schon gar nicht!»

Also gab ich ihm meine Bikinihose. Ich schwimme ohnehin [11] nicht so gern. Zuerst sagte er: «Also wirklich! Ich kann doch hier nicht in einer Frauenbadehose rumlaufen.» Aber nach einer Weile merkte er, dass es nicht viele Leute hatte und dass auch sonst keiner schaute. Darum musste er keine Angst haben, dass jemand ihn auslachen [12] könnte. Also hat er sich eben meine Bikinihose angezogen und wir haben sie einfach gut zugebunden. Zuerst mussten er und meine Kinder natürlich kichern [13]. Doch schon bald war es allen egal und sie fingen an, Steine zu sammeln. Damit bauten sie kleine Dämme [14] in der Sihl. Wir alle vergassen die Zeit und unseren Alltag, wie schon lange nicht mehr. Dabei waren wir eigentlich ganz nah von zuhause.

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Für Familien, die nicht den ganzen Tag an der Sihl sitzen mögen oder Fahrrad fahren, gibt es hier noch viel mehr zu tun. Das Sihltal ist auch ein kleines Paradies für alle, die etwas Wildnis kennenlernen möchten. Es gibt hier nämlich den Wildpark Langenberg [15] und den Sihlwald. Das ist ein wildes Stück Wald, das auch zum Wildpark gehört. Dieser Wald wurde früher benutzt, um Holz für Zürich zu liefern [16]. Heute ist es ein Naturwald, in dem Familien und Kinder viel lernen und erleben können.

Der Wildpark Langenberg ist ein sehr schöner Ort für Kinder und Tierfans. Die Tiere sieht man oft nicht auf den ersten Blick [17]. Man muss sie entdecken [18]. Als ich mal mit meiner Tochter da war, rief sie plötzlich: «Schau Mama, da hat es eine Treppe zu einem Balkon.» Wir gingen hinauf, aber ich sah auf allen Seiten nur Wald. Ich sagte: «Hm, ich glaube, da ist nichts. Komm, lass uns weitergehen.» Da rief meine Tochter: «Ein Wolf, Mama, ein Wolf!» Ich meinte zuerst, sie habe einen Hund gesehen. Aber dann sah ich ihn auch. Unter einem Baum lag ganz ruhig ein Wolf und beobachtete uns auf der Holzbrücke.

Und plötzlich war da noch einer. Und noch einer. Erst jetzt merkten wir, dass da ja ein ganzes Rudel [19] unter den Bäumen sass. Meine Tochter sagte: «Mama, ich glaube, vielleicht sind wir im Zoo ausgestellt [20] und die Tiere schauen uns an.» Wir fanden die Idee lustig und blieben noch eine Weile bei den Wölfen. Dann gingen wir ganz den Hügel hinauf. Dort hat es ein Restaurant und Bären. Die ganze Zeit über taten wir so, als wären wir die Zootiere.

Besonders lustig wurde es, als wir auf der anderen Seite aus dem Tierpark kamen. Dort war ein Zaun [21] und ganz nah dran lagen Steinböcke! Das sind riesige Tiere, mit langen gebogenen Hörnern, die man eigentlich nur in den Bergen antrifft. Und auch dort sieht man sie nur von Weitem. Weil hier alle Tiere so nah am Zaun standen, sagte meine Tochter: «Schau nur, sie streiten sich, wer zuvorderst stehen darf und uns Menschen anschauen.»

Zum Abschluss jenes Nachmittages gingen wir durch den Park zur Bahn. Dann fuhren wir mit dem Zug bis nach Adliswil. Von dort wanderten wir fast drei Stunden lang bis zum Hauptbahnhof Zürich zurück. An diesem Abend sagte meine Tochter: «So müde wie heute war ich noch nie! Ich glaube meine Beine fallen gleich ab.» Und schon im nächsten Augenblick war sie eingeschlafen. Seit diesem Tag ist das Sihltal für mich längst nicht mehr nur ein Ort der Angst. Auch wenn ich trotzdem immer noch nicht gern mit dem Auto hindurchfahre.

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Wer weiss, vielleicht begegnen [22] wir uns ja diesen Sommer mal irgendwo am Ufer der Sihl? Das würde mich freuen!
Nun fände ich es sehr schön, wenn Sie auch am 1. Juli wieder auf podclub.ch oder über unsere App mit dem Vokabeltrainer dabei sind, wenn es heisst «Andrea erzählt». Den Vokabeltrainer haben wir übrigens für Sie optimiert, damit das Lernen und die Lernkontrolle noch einfacher werden.
Das nächste Mal werde ich Ihnen von «Domodossola» erzählen. Das ist zwar eigentlich schon in Italien, aber es liegt gleich neben der Schweizer Grenze. Dies wird dann übrigens bereits die letzte Sendung vor unserer Sommerpause sein.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag!


[1] die Wildnis: Natur, wilde Natur
[2] schattig: im Schatten gelegen, Ort, an den kein oder nur selten Sonnenlicht hinkommt
[3] Soundso: Name für jemanden, den man nicht aussprechen will, der austauschbar sein soll
[4] bergreifen: erkennen, verstehen
[5] unterschiedlich: verschieden
[6] herausragen: höher als etwas anderes sein und daher gut sichtbar, (bei Menschen bedeutet es in der Regel, dass sie etwas besonderes sind oder können)
[7] herumhüpfen: herumspringen
[8] rauschen: Geräusch, das entsteht, wenn Wasser fliesst, der Wind durch Blätter bläst oder ein Radiosender nicht gut empfangen werden kann
[9] geduldig: gelassen, mit Zeit und Ruhe, zu warten, bis etwas Bestimmtes passiert
[10] http://www.velokids.ch/touren/sihlrunde/details/1317
[11] ohnehin: sowieso
[12] jemanden auslachen: über jemanden lachen, sich über jemanden lustig machen, (nie nett gemeint)
[13] kichern: etwas beschämt über etwas lachen, meist leise und manchmal versteckt
[14] der Damm: eine Wand aus Steinen, Beton, Erde oder Sand, die Wasser zurückhalten (stauen) soll
[15] http://wildnispark.ch
[16] liefern: bringen, hergeben
[17] etwas auf den ersten Blick sehen: etwas sofort sehen, erkennen
[18] entdecken: finden
[19] das Rudel: eine Gruppe von Tieren, die zusammenlebt
[20] ausstellen: präsentieren (Bilder in einem Museum, Kleider in einem Schaufenster)
[21] der Zaun: eine Abgrenzung aus Holz oder Draht
[22] sich begegnen: sich treffen