Andrea erzählt 83: Domodossola (1. Juli 2016)

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, herzlich willkommen zur Sendung "Andrea erzählt" vom 1. Juli 2016. Es freut mich sehr, sind Sie wieder mit dabei. Dies ist die letzte Sendung vor der Sommerpause.
Wahrscheinlich wissen Sie schon lange, was Sie im Sommer tun werden. Vielleicht fahren Sie in die Ferien, vielleicht bleiben Sie auch hier. Wenn Sie noch eine Idee für eine kurze Reise suchen: Ich habe heute einen schönen Tip für Sie. Nur zwei Stunden und 45 Minuten von Zürich entfernt liegt ein Ort, an dem man sich sofort wie in den Ferien fühlt: Domodossola. Diese mittelalterliche Stadt liegt in Italien. Aber sie ist sehr nahe bei der Schweizer Grenze. Doch bevor ich Ihnen davon erzähle, möchte ich Sie noch auf unseren Sommer-Wettbewerb [1] hinweisen [2]: Wenn Sie uns bis zum 15. August schreiben, an welchem Tag nach der Sommerpause unsere nächste Sendung kommt, können Sie tolle Preise gewinnen. Unter den richtigen Einsendungen verlosen wir folgende Geschenke, gestiftet [3] von melectronics: Als 3. Preis einen JBL Everest 100 kabellosen In-Ear-Kopfhörer, als 2. Preis ein JBL Everest 300 kabellosen On-Ear-Kopfhörer und als 1. Preis einen JBL Everest 700 kabellosen Around-Ear-Kopfhörer. Sie sehen: Mitmachen lohnt sich also! Schicken Sie uns einfach eine Email mit der Antwort, Ihrem Namen und Ihrer Adresse an kontakt@podclub.ch. Viel Glück!
Und nun wünsche ich Ihnen viel Vergnügen in Domodossola!

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Vergangenes [4] Wochenende war ich endlich in Domodossola. Ich war zu spät. Und zwar sehr viel zu spät. Genauer: eineinhalb Jahre zu spät. Das klingt komisch, ist aber wahr. Diese Reise nach Domodossola war nämlich mein Weihnachtsgeschenk für meine Tochter. Und zwar für Weihnachten 2014! Ich hatte ihr einen Gutschein [5] gemacht. Darin stand: "Ich schenke dir eine Reise nach Domodossola. Du darfst eine Freundin mitnehmen und wir werden dort den Markt besuchen, gut essen und eine Nacht schlafen."

Für meine Tochter war sofort klar: Sie würde Leila mitnehmen. Das ist ihre beste Freundin. Die zwei kennen sich seit sie beide ein Jahr alt sind! Seither sind wir Nachbarn und die beiden Mädchen sind wie Schwestern geworden. Irgendwann kamen sie zu mir und fragten: "Darf Leilas Mama auch mitkommen? Es wäre doch schön für dich, wenn du auch jemanden hättest, mit dem du reden kannst." Ich verstand die Mädchen sehr gut. Sie wollten vor allem ihre Ruhe haben. Darum sagte ich ja und lud Claudia auch ein.

Aber das Ganze war gar nicht so einfach. Denn Claudia und ich arbeiten sehr viel. Vor allem in den Sommermonaten arbeite ich auch am Wochenende. Da ich mit meinem Mann Märchen erzähle, haben die Leute in dieser Zeit die meisten Jobs für uns.

Darum hat meine Tochter mir vor den letzten Weihnachten gesagt: "Gell, Mama, jetzt machen wir endlich Pläne für Domodossola. Sonst klappt [6] es nie." Wir suchten also ein freies Wochenende und ich fand für uns einen schönen Ort zum Schlafen. Ich wollte nicht in ein Hotel. Das ist teuer und ich mag es auch sonst nicht sehr. Aber seit einigen Jahren gibt es ja das "Airbnb [7]". Vielleicht kennen Sie diese Website für sogenannte "Bed and Breakfasts". Hier findet man private Orte zum Wohnen - auf der ganzen Welt. Es gibt teure Wohnungen und auch ganz günstige [8] Zimmer. Einmal waren wir sogar in einem Zelt [9] in einem schmutzigen Garten in San Francisco. Dafür war es sehr billig.

Diesmal hatte ich besonders Glück: Ich fand ein kleines Haus im Herzen [10] von Domodossola. Es hatte drei Stockwerke und lag direkt hinter dem Hauptplatz an einer kleinen, ruhigen Strasse. Das einzige Problem: Es gab nur ein Doppelbett und zwei kleine Betten. - Und ich kann nicht mit jemand anderem im gleichen Bett schlafen. Ausser natürlich mit meiner Familie. Es ist mir einfach sehr unwohl [11] dabei. Ich sagte zu Claudia: "Egal, wir probieren es einfach. Für eine Nacht ist es ja nicht so schlimm, wenn ich nicht schlafen kann."

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Als es endlich soweit war, waren wir ganz aufgeregt. Ich machte uns Sandwiches und packte Getränke ein. Dann stiegen wir um sieben Uhr morgens in den Zug. Wir nahmen den schnellen Weg: Der geht über Bern und das Wallis. Wenn Sie etwas mehr Zeit haben, können Sie auch durch das Tessin fahren und eine wunderbare Fahrt durch das Centovalli machen, von dem ich Ihnen ja schon erzählt habe.

In den Wochen vor der Reise war meine Tochter sehr tapfer [12]: Sie sparte [13] fast ihr ganzes Taschengeld [14]. Sie sagte: "Weisst du noch Mama, als wir das letzte Mal in Domodossola waren? Da war der Markt so gross, dass wir ihn nicht mal ganz anschauen konnten. Darum möchte ich unbedingt genügend Geld haben, um mir schöne Dinge für den Sommer zu kaufen."Domodossola centro storico

Als wir kurz nach zehn in Domodossola ankamen, wurden wir sogar vom Bahnhof abgeholt. Und wir hatten wirklich ein Riesenglück. Gian, unser Gastgeber, war sehr freundlich. Und noch mehr: Er und seine Frau sind Architekten. Er erzählte uns gleich die Geschichte des Hauses: "Ich bin in Domodossola geboren. Nach dem Studium in Italien habe ich in Australien meine Frau kennengelernt. Dort haben wir ein paar Jahre lang als Architekten gearbeitet.
Als meine Frau dann schwanger wurde, wollten wir für ein Jahr in meine Heimat zurück. Nun sind wir schon seit mehr als zwei Jahren da und arbeiten oft hier und in London."


Als wir nach ein paar Minuten vor einem süssen, alten Haus standen, sagte Gian: "Wir sind da. Dies ist das alte Haus meiner Eltern. Ich habe es selbst umgebaut [15]." Dann zeigte er uns alles. Man konnte richtig spüren, dass zwei Architekten hier geplant, gebaut und eingerichtet hatten. Alles war mit sehr viel Geschmack gemacht.

Als Erstes zeigte Gian uns noch etwas ganz Besonderes. Im ersten Stock neben der Küche und der Stube hatte er ein kleines WC eingebaut. Zuerst verstand ich nicht, was daran so speziell sein sollte. Doch dann sagte Gian: "In diesem Haus ist die letzte echte mittelalterliche Toilette von ganz Domodossola. Darum habe ich zwar ein neues WC eingebaut. Aber das alte habe ich drin gelassen." Tatsächlich war da noch ein Brett mit einem Loch und einem alten Holzdeckel drauf. Gian erklärte: "Von hier geht es sechs Meter in den Keller hinab." Was dort unten war, wollten wir dann aber nicht so genau wissen.

Im zweiten Stock hatte es ein grosses Bett und ein geheimes Badezimmer. Man findet es nämlich nicht, wenn man nicht weiss, wo es ist. Es ist hinter dem Büchergestell: Dieses kann man verschieben, denn es ist die Türe zum Bad!

Die beiden Mädchen bekamen ein sehr lustiges, niedriges [16] Zimmer gleich unter dem Dach. Sie riefen: "Oh, hier ist es wie in einem Zwergen-Haus! Das gefällt uns!"

Als wir alles angesehen hatten, gingen wir auf den berühmten Samstagsmarkt. Der ist hier immer so gross, dass man gar nicht weiss, wo man anfangen soll.

Zwischen den alten Häusern gab es Stände mit Kleidern, Lederjacken, Messern, Käse, Wurst, Pfannen, Stoffen, Badetüchern, Schmuck, Handtaschen und vielem mehr. Wir Mütter kauften uns Ohrringe und Handtaschen und Kleider für den Sommer.

Am Nachmittag wurden die Stände weggeräumt und plötzlich konnten Claudia und ich den Weg zurück zu unserem Haus nicht mehr finden. Wir hatten uns so viele Male im Kreis durch das Städtchen gedreht, dass wir keine Ahnung mehr hatten, wo wir waren. Das war sehr lustig, denn Domodossola ist wirklich klein. Aber ohne die Stände, die wir kannten, fanden wir den Heimweg nicht mehr! Zum Schluss schrieben wir unseren Mädchen eine SMS und sie mussten uns abholen. Dabei waren wir ganz in der Nähe von unserem Haus gewesen. Wir hatten es nur nicht gemerkt.

Zuhause zeigten wir ihnen was wir gekauft hatten. Sie selbst hatten gar nichts gekauft! Das konnte ich nicht verstehen. Aber meine Tochter erklärte: "Ich habe gemerkt, dass ich eigentlich schon alles habe, was ich brauche. Zudem gibt hier viel zu viele Sachen, da kann ich mich gar nicht entscheiden."
Gut für sie. Jetzt hat sie wenigstens noch viel Taschengeld für die Sommerferien.

Am Abend assen wir in einem kleinen Familienrestaurant gleich auf der kleinen "Piazza delle cinque vie" neben unserem Haus. Auch das hatte Gian für uns organisiert. Es gab hausgemachte Nudeln, Saucen und Desserts.
Als wir endlich die steile [17] Treppe zu unserm Bett hinaufgestiegen waren, fielen wir schwer in das grosse Bett. Ich schlief fast sofort ein!

Doch Claudia hatte ein Problem. Ich hatte ihr ja gesagt, dass ich nicht schlafen kann, wenn jemand in meinem Bett ist. Deshalb war sie die ganze Nacht so aufgeregt, dass sie selbst nicht schlafen konnte.

Am nächsten Morgen wachte ich auf und sagte glücklich: "Ah, habe ich gut geschlafen! Und du?" Claudia sah müde aus und ganz bleich [18]. Sie sagte nur: "Ich glaube dir nie wieder, dass das Bett nicht mit anderen Leuten teilen kannst. Du hast die ganze Nacht geschlafen und laut geschnarcht [19] und ich war wach!"

Das war mir peinlich und tat mir sehr leid. Deshalb sagte ich: "Du Arme. Komm, ich mache uns Kaffee und du kannst noch ein bisschen schlafen."

Doch dann hörte man von draussen ganz laute Musik und jemand rief in ein Megaphon. Also zogen wir uns eben an, um zu sehen was da los war: Ganz Domodossola war auf dem grossen Platz und sang und jubelte [20]. Bald fanden wir heraus, was lief: Es war ein Sportfest für Kinder. Ganze Gruppen von Kindern mit kurzen grünen Hosen rannten und ihre Mütter, Väter, Tanten, Onkel, Grosseltern und älteren Geschwister riefen ihre Namen.

Claudia sagte müde: "So eine kleine Stadt und so viele Menschen!" Wir gingen weg von dem Lärm und fanden noch einen Platz in einem sehr feinen Restaurant. Dort assen wir etwas Seltsames zu Mittag: Erdbeerrisotto [21]. Probieren Sie es mal aus, es ist wirklich lecker.

Nach dem Mittagessen fuhren wir schon wieder nach Hause. Claudia schlief im Zug und ich hörte den Leuten beim Reden zu. Ich liebe das! Das gibt mir Ideen für Geschichten und für mein neues Buch.

***

So, und jetzt wünsche ich Ihnen einen wunderbaren Sommer voller Freude, Abenteuer, Liebe und natürlich Wärme.
Es würde mich sehr freuen, wenn Sie auch am 26. August wieder auf podclub.ch oder über unsere App mit dem verbesserten Vokabeltrainer mit dabei sind, wenn es heisst "Andrea erzählt". Dann werde ich Ihnen vom "Zoo Zürich" erzählen. Vergessen Sie nicht unseren Wettbewerb und machen Sie mit!
Auf Wiederhören!


[1] der Wettbewerb: ein Contest, bei dem man etwas gewinnen kann
[2] auf etwas hinweisen: sagen, dass etwas existiert, darauf aufmerksam machen
[3] stiften: spenden
[4] vergangenes Wochenende: letztes Wochenende
[5] der Gutschein: eine Abmachung (meist schriftlich), die einem erlaubt, eine bestimmte Sache gratis zu bekommen (Gutscheine sind also Geschenke, man bekommt sie manchmal auch in Läden)
[6] klappen: funktionieren
[7] airbnbhttps://www.airbnb.ch
[8] günstig: billig, preiswert
[9] das Zelt: eine Art kleines Haus aus Stoff und Stangen (z.B. für Camping oder Parties)
[10] im Herzen von: genau in der Mitte (z.B. von einer Stadt oder einem Dorf)
[11] unwohl: wenn es einem nicht gut geht bei etwas oder wenn man krank ist (meist ist dann Übelkeit gemeint)
[12] tapfer: wenn man etwas aushalten kann, was nicht einfach ist (z.B. Schmerzen, eine schlechte Nachricht, Verzicht)
[13] sparen: wenn man absichtlich wenig von etwas braucht, um es für später zu haben
[14] das Taschengeld: eine bestimmte, meist kleine Menge Geld, die man Kindern gibt, damit sie sich selbst Dinge kaufen können und so lernen, wie man mit Geld umgeht
[15] umbauen: ein Haus oder eine Wohnung verändern, reparieren, neu machen
[16] niedrig : nicht hoch
[17] steil: geht sehr streng nach oben (z.B. Berge, Treppen)
[18] bleich: hell, meist meint man die Haut. Wenn Menschen zu wenig geschlafen haben oder krank sind oder Sorgen haben, werden sie auch bleich
[19] schnarchen: beim Schlafen laute Atemgeräusche machen (klingt manchmal ein bisschen wie bei einem Schwein)
[20] jubeln: feiern, laut und fröhlich rufen, weil etwas passiert, was glücklich macht (z.B. ein Tor im Fussball)
[21] http://www.wildeisen.ch/rezepte/erdbeerrisotto

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Yo 11-07-2016 21:43
Wunderschön!