Andrea erzählt 85: Zugerberg (9. September 2016)

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, herzlich willkommen zur Sendung «Andrea erzählt» vom 9. September 2016. Endlich ist die heisse Zeit vorbei! Ich hoffe es auf jeden Fall. Denn ich mag die Hitze nicht. Aber jetzt kommt für mich die schönste Zeit im Jahr. Die Monate zwischen Sommer und Winter. Deshalb möchte ich Ihnen heute von einem Ort erzählen, der einfach immer schön ist, im Sommer, im Herbst, im Winter und im Frühling: Vom Zugerberg.

Viel Vergnügen!

***

Zug ist eine kleine Stadt in der Mitte der Schweiz. Sie ist nicht besonders gross, aber recht [1] bekannt. Denn hier wohnen viele reiche Leute. Der Grund: In Zug muss man am wenigsten Steuern [2] zahlen. Darum sagen sich viele Reiche: «Hier ist es schön und ich spare viel Geld. Warum sollte ich also woanders wohnen?» Die kleine Stadt Zug ist wirklich hübsch. Vor allem am See vorne sieht es bisschen aus wie auf einer Postkarte.

Aber es gibt einen Ort in der Nähe, der mir viel besser gefällt als das Städtchen selber: Der Zugerberg. Für einen Schweizer Berg ist er überhaupt nicht [3] hoch: Nur 1039 Meter über Meer. Einige andere Schweizer Berge sind über 4000 Meter hoch.

20160909 D ZugerbergWer also gern wilde, hohe Berge hat, sagt jetzt sicher: «Haha, das ist ja gar kein richtiger Berg. Das ist nur ein Hügel [4].» Aber glauben Sie mir: Auch wenn er nicht hoch ist, sieht man von hier oben sehr weit. Darum ist es auch immer voll mit Gleitschirmfliegern [5].

Als ich den Zugerberg das erste Mal gesehen habe, war er wie verzaubert: Es war Winter und er war dick mit Schnee bedeckt [6]. Das passiert heute leider nicht mehr so oft. Es ist einfach zu warm geworden auf der Welt.
Darum haben nur noch die hohen Berge jeden Winter Schnee.

Es war im Winter 1995 und ich studierte Biologie. Wir sassen gerade in der Cafeteria [7] und hatten alle schlechte Laune. Wir waren seit Tagen immer nur in den Labors [8] gewesen. Dort gab es nur Neonlicht und draussen war der Himmel grau. Am schlimmsten war es für Manu. Sie kommt aus den Bergen im Bündnerland, dort scheint im Winter die Sonne viel öfter als in Zürich. Sie sagte: «Wenn ich nicht endlich etwas Schnee und frische Luft bekomme, werde ich hier wahnsinnig [9].»
Hanspeter, der Stillste von uns, sagte: «Du hast recht. Wir müssen wirklich mal in den Schnee. Aber wir haben bald Prüfungen. Zu weit weg können wir nicht gehen.» Da hatte Karin eine Idee: «Kommt doch zu mir. Ich wohne in der Nähe vom Zugerberg. Dann können wir am Abend oben Fondue essen und später im Dunklen mit den Schlitten hinunterfahren. Ihr könnt bei mir schlafen.»

Wir freuten uns sehr und Karin reservierte für uns einen Tisch in einem Restaurant auf dem Zugerberg. Das ist ganz wichtig, denn wenn es Schnee hat, hat es dort immer viele Leute. Gut, gibt es mehrere Restaurants. Wir gingen in den «Vorderen Geissboden [10]». Dieses Restaurant ist eher klein und sehr gemütlich. Man kann mit der Zuger Bergbahn [11] hinauffahren und muss dann nur noch fünf Minuten zu Fuss gehen.

Wir hatten damals zwar nur wenig Geld, aber trotzdem assen wir viel Fondue und tranken Weisswein.
Irgendwann sagte Karin: «So, wer traut [12] sich auf den Schlitten?»
Wie hatten roten Wangen und uns war heiss vom Fondue und vom Wein. Darum riefen wir alle: «Ich!»

Ich gebe zu, wir waren ein kleines bisschen betrunken. Da ich ein eher ängstlicher Mensch bin, fuhr ich darum zuerst nur ganz langsam los. Vor mir war der stille Hanspeter. Es war unglaublich schön: Der Himmel war fast klar [13] und die Luft war frisch und kalt wie Eis.
Es war ganz still und der Schnee glitzerte [14] auf den Bäumen.

Manu und Karin waren schon weiter weg. Sie waren so wild und schnell losgefahren, dass wir bald nicht einmal mehr ihr Lachen hörten.

Irgendwann kam der Mond hinter den Wolken hervor und Hanspeter drehte sich zu mir um. Er sagte: «So. Jetzt haben wir Licht und zeigen denen da vorne mal, wie man wirklich schnell fährt!» Zuerst hatte ich Angst, aber irgendwann waren wir so schnell, dass mir vom kalten Wind Tränen aus den Augen liefen. Die Angst war völlig weg und ich schrie in den Wald hinein: «Juhu! Das ist soooooooo schön!»

Am Ende des Schlittel-Wegs warteten die anderen neben einer grossen Wiese. Sie lag unter tiefem Schnee. Aber Hanspeter und ich wollten noch nicht aufhören. Also machten wir alle noch ein Schlitten-Rennen über die verschneite Wiese. Und dann passierte es. Plötzlich schrie Hanspeter laut. Er lag im Schnee neben seinem Schlitten. Wir versuchten, zu ihm zu rennen. Das war gar nicht einfach bei dem vielen Schnee. Als wir endlich bei Hanspeter waren, sagte er: «Mein Fuss hat sich verdreht. [15]» Wir hoben die Hose hoch und schoben die Socke nach unten und sahen: Der Fuss war schon ganz dick geworden!

Wir halfen Hanspeter aufzustehen. Dann brachten wir ihn bis zur Strasse. Manu trug seinen Schlitten. Da wir noch keine Handys hatten, konnten wir niemanden anrufen. Also stellten wir uns an die Strasse und machen Autostopp [16].
Bald nahm uns jemand mit ins Spital. Dort fanden sie heraus, dass sich Hanspeter den Knöchel [17] verstaucht [18] hatte. Aber der Abend war trotzdem für uns alle so toll, dass wir noch heute davon sprechen!

***

Seither bin ich viele Jahre lang nicht mehr auf dem Zugerberg gewesen. Bis in diesem Sommer. Da durften wir an einem Märchenfestival im Wald ganz oben auf dem Berg mitmachen. An einem heissen Sonntagmorgen im Juli fuhren wir mit unserem Wohnmobil den Zugerberg hinauf. Ich staunte [19] sehr:
Es waren so viele Fahrradfahrer unterwegs und fuhren neben uns den Berg hinauf. Die meisten von ihnen hatten rote Köpfe.
Ich sagte: «Ich verstehe wirklich nicht, warum man so etwas freiwillig tut.» Das war keine gute Idee von mir. Mein Mann ist nämlich Fahrradmechaniker [20] und liebt Fahrräder fast so sehr wie seine Familie.
Er ist ein wirklich netter Mensch, aber wenn es um Fahrräder geht, versteht er keinen Spass. Er sah mich nur böse an und sagte nichts. Das war auch besser so. Ich bin nämlich sehr unsportlich und würde es nie im Leben schaffen, einen Berg hinaufzufahren.

Doch schon bald waren wir oben und der Streit war schnell vergessen.
Man sah auf den See hinab und alles glänzte in der Sonne. Am Waldrand stand ein grosser, alter Baum. Darunter hatte man eine kleine Bühne und Bänke hingestellt. Wir wussten sofort: Das wird ein guter Tag!

Tiefer im Wald hatte das Festival noch mehr kleine Bühnen aufgestellt. Dort gab es afrikanische Märchen, Schweizer Sagen, alte Geschichten aus der ganzen Welt und kleine Berg-Geschichten. Wir erzählten bekannte Märchen von den Gebrüdern Grimm. Und weil die Kinder meist etwas zu früh kamen, hatten wir zwischen den Geschichten Zeit, um mit ihnen zu sprechen. Wir fragten immer: «Wer kennt einen Witz?»

Einmal erzählte ein kleines Mädchen die Geschichte von zwei Schnecken: «Das Schneckenkind sagt: Mama, warum können wir hier nicht über die Strasse? Und die Mama sagt: Aber Kind, das ist doch viel zu gefährlich! In einer Stunde kommt ein Bus vorbei.»
Ich lachte und das Mädchen freute sich so, dass es am liebsten nicht mehr aufgehört hätte, Witze zu erzählen.

Als wir am Abend nach Hause fuhren, nahmen wir noch vier andere Geschichtenerzähler im Auto mit. Das war sehr lustig! Ich glaube, wenn man ein paar Geschichtenerzähler irgendwo zusammenbringt, wird es ihnen nie langweilig. Jeder kennt eine Geschichte - und noch eine - und noch eine....

Auf dem Weg kauften wir am Strassenrand noch einen grossen Korb Kirschen. Zug und der Zugerberg sind nämlich berühmt für die Kirschen. Daraus wird auch ein Schnaps gemacht. Er heisst «Zuger Kirsch». Viele Leute trinken ihn zum Fondue. Ich mag das nicht. Aber dafür liebe ich die Zuger Kirschtorte. Das ist eine süsse Torte mit viel Zuger Kirsch drin.

Falls Sie also mal nach Zug fahren, um einen Kaffee zu trinken und ein Stück Torte zu essen, sollten Sie besser nicht mit dem Auto hingehen.


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Nun würde es mich sehr freuen, wenn Sie auch am 23. September wieder auf podclub.ch oder über unsere App mit dem verbesserten Vokabeltrainer mit dabei sind, wenn es heisst «Andrea erzählt». Dann werde ich Ihnen von «Stäfa» erzählen.
Auf Wiederhören!


[1] recht: ziemlich
[2] die Steuern: Abgaben, Gelder, die man dem Staat geben muss, damit er damit Dinge tun kann (Strassen bauen, Schulen bezahlen etc.). Wer mehr verdient, muss auch mehr Steuern zahlen.
[3] überhaupt nicht: gar nicht
[4] der Hügel: sehr niedriger Berg, Erhöhung, meist rundlich
[5] der Gleitschirmflieger: jemand, der mit einer Art Fallschirm fliegt, aber nicht aus dem Flugzeug springt, sondern von einem Berg hinunter
[6] bedeckt: mit etwas zugedeckt
[7] die Cafeteria: ein Café, das zu einer Schule, einem Spital oder einer Firma gehört
[8] das Labor: ein spezieller Raum, in dem Experimente gemacht werden oder Dinge genau untersucht werden (für Chemie, Biologie, Medizin etc.)
[9] wahnsinnig: geistig oder seelisch gestört, wird oft gebraucht, um zu sagen, dass man etwas nicht aushält oder zur Verstärkung einer Aussage (wahnsinnig schön heisst: extrem schön)
[10] http://www.petersvordergeissboden.ch
[11] http://www.zbb.ch/startseite/
[12] sich etwas trauen: den Mut zu etwas haben
[13] der klare Himmel: ein Himmel ohne Wolken
[14] glitzern: schimmern und funkeln wie Kristalle oder Diamanten
[15] verdrehen: etwas so drehen, dass es falsch herum ist
[16] Autostopp: wenn man am Strassenrand wartet, bis einem ein Auto mitnimmt
[17] der Knöchel: knochige Verdickung ganz unten am Bein, gehört zu einem Gelenk
[18] verstauchen: eine schmerzliche, unblutige Verletzung, die aber weniger schlimm ist als ein Bruch
[19] staunen: sich wundern, beeindruckt sein
[20] der Fahrradmechaniker: jemand der Fahrräder baut und repariert

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Justyna 20-09-2016 22:20
Ich freue mich sehr, dass Sie noch wieder geschrieben haben. Oh, Gott sei Dank, die Sonnenferien sind vorbei! Ich kann es kaum noch Ihre spannender Erzählungen erwarten. Mit den besten Wünchen :)