Andrea erzählt 86: Stäfa (23. September 2016)

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, herzlich willkommen zur Sendung «Andrea erzählt» vom 23. September 2016.
Kennen Sie das: Sie hören ein Wort zum ersten Mal. Sie staunen [1] vielleicht darüber, dass Sie es noch nie vorher gehört haben. Und ab diesem Moment hören Sie es irgendwie ständig [2]? Letzthin [3] habe ich herausgefunden: Für dieses Gefühl gibt es einen Namen! Es heisst «Bader-Meinhof-Phänomen». Bader und Meinhof waren in den Siebziger-Jahren zwei sehr bekannte deutsche Terroristen.

Der Name des Phänomens hat mit ihnen nichts zu tun. Aber damit, dass jemand in den Neunziger-Jahren zum ersten Mal von ihnen gehört hat. Danach hörte er die Namen irgendwie die ganze Zeit. Darum gab er diesem Phänomen den Namen «Bader-Meinhof-Phänomen». Wahrscheinlich hatte er schon früher von den Terroristen gehört, es aber nicht gemerkt. Das hat damit zu tun, dass unser Hirn viele Dinge nicht beachtet [4]. Aber sobald wir etwas kennen, bemerken wir es – und meinen dann, dass wir es öfter hören.
Warum ich Ihnen das erzähle? Weil es mir mit einem bestimmt Ort so ergangen [5] ist. Mit Stäfa. Das ist ein Dorf am Zürichsee. Lange wusste ich nicht, dass es existiert. Aber nachdem ich das erste Mal davon gehört hatte, kam es immer wieder in mein Leben. Darum möchte ich Ihnen heute davon erzählen.
Und nun wünsche ich Ihnen viel Vergnügen!

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1989 habe ich das erste Mal von Stäfa gehört. Damals habe ich meinen Mann kennengelernt. Er kommt von dort. Aber weil er erst 13 Jahre alt war, wusste ich natürlich noch nicht, dass ich ihn später mal heiraten würde. Ab dann hörte ich viele Jahre lang immer wieder von Stäfa. Manchmal kam jemand von dort, manchmal ging jemand dorthin. Und jedesmal kam mir der Junge in den Sinn, den ich 1989 getroffen hatte.Zuerichsee

1996 trafen wir uns wieder und wurden ein Paar. Danach waren wir natürlich ab und zu in Stäfa bei seinen Eltern. Und auch im «Rössli [6]». Das ist ein Restaurant. Mein Mann wurde dort geboren.
Das klingt komisch, ist aber wahr. Denn in den Siebziger-Jahren gab es eine Gruppe von Hippies. Sie kauften zusammen das Haus mit dem Restaurant «Rössli» in Stäfa. Dort kochten sie jetzt biologisch und umweltfreundlich [7].

Im oberen Stock des Hauses wohnten sie alle zusammen. Auch die Eltern meines Mannes. Die Menschen im Dorf fanden das natürlich komisch. Viele sagten: «Das sind sicher gefährliche Leute. Vielleicht gehören sie zu einer Sekte.» Das war natürlich Blödsinn [8].

Aber heute ist es ja nicht anders: Was die Leute nicht kennen, macht ihnen Angst.

Mein Mann kam dann dort zur Welt. Er hat ziemlich dunkle Haut, dunkle Haare und sehr dunkle Augen. Woher das kommt, weiss niemand. Er ist nämlich ein richtiger Kuhschweizer. Das ist ein lustig gemeinter Name, für jemanden, der seit mehreren Generationen nur Schweizer Vorfahren hat. Als meine Schwiegermutter das erste Mal mit ihm zum Einkaufen in die Bäckerei ging, sagte die Bäckerin: «Ihr Kind sieht aber interessant aus. Naja, es leben halt viele komische Menschen im Rössli.» Damit meinte sie Ausländer.

Meine Schwiegermutter wurde sehr wütend. Sie sagte: «Was für eine ausländerfeindliche [9] und dumme Bemerkung [10]! Ich werde hier nie wieder einkaufen.» Sie hielt ihr Versprechen. Bis zu ihrem Tod vor drei Jahren ging sie nie mehr in diese Bäckerei.

Irgendwann hatten meine Schwiegereltern keine Lust mehr, mit so vielen anderen Menschen zusammenzuleben. Sie erzählten mir später: «Damals fanden wir alle, dass man alles miteinander besprechen muss. Mit der Zeit fanden wir das zu anstrengend. Wir wollen wieder selbst entscheiden, was wir tun.» Sie kaufen sich ein eigenes altes Haus in Stäfa.

Trotzdem blieben meine Schwiegereltern Freunde des «Rösslis». Meine Schwiegermutter arbeitete zum Beispiel als Köchin im Restaurant.

Später, als mein Mann älter wurde, organisierte er Konzerte im «Rössli». Tatsächlich wurde das «Rössli» recht bekannt für die tollen Bands, die hier spielten. Manchmal fuhren wir sogar von Zürich nach Stäfa, nur um eine besondere Band zu hören.

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Später bekamen mein Mann und ich Kinder. Sie kennen Stäfa natürlich seit sie auf der Welt sind. Ihre Grosseltern wohnten ja dort. Aber für sie war Stäfa auch der Ort der Schimpf-Wörter. Der Grund: Weil mein Mann und ich zu oft Schimpfworte [11] benutzten, sagten wir: «Wer ein hässliches Wort sagt, muss 50 Rappen in ein Sparschwein [12] tun.» Die Kinder mussten eigentlich nie etwas bezahlen. Aber mein Mann und ich mussten oft etwas hineintun.

Und dann kam meine Schwiegermutter zu Besuch und rief: «Kinder, bringt mir bitte das Sparschwein für die hässlichen Wörter.» Die Kleinen brachten es und meine Schwiegermutter warf fünf Franken hinein. Dann gebrauchte sie zehn Schimpfwörter und sagte: «Ich darf das. Ich habe ja dafür bezahlt.» Die Kinder lagen vor Lachen auf dem Boden. Sie liebten ihre wilde, freche Grossmutter! Und jedes Mal, wenn wir nach Stäfa fuhren, erzählten sie sich diese Geschichte wieder.

Nach ein paar Monaten waren über 40 Franken im Sparschwein und die Kinder sagten: «Wir finden, jetzt können wir damit aufhören. Es nützt ja doch nichts.
Ihr redet immer noch hässlich.» Leider hatten sie recht. Deshalb machten wir alle zusammen eine Sitzung, so wie früher die Leute im Rössli. Zum Schluss sagte ich: «Wir nehmen das Geld und fahren mit dem Schiff nach Stäfa. Dann gehen wir ins Restaurant am See und essen dort einen grossen Coupe [13].» Ins Rössli wollten die Kinder diesmal nicht. Sie sagten: «Es ist schön dort, aber das Eis ist zu klein.»

An einem Sonntag fuhren wir fröhlich mit dem Schiff nach Stäfa. Dort bestellten die Kinder den grössten Coupe auf der Karte: Mit zehn Kugeln Eiscreme, Schlagsahne und Keksen. Und sie schafften es sogar, alles zu essen!

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Ein paar Jahre später waren wir eine Zeit lang sehr oft in Stäfa. Meine Schwiegermutter hatte nämlich Krebs bekommen und war sehr krank und schwach. Darum gingen wir oft zu ihr und halfen meinem Schwiegervater. Seine Frau hatte früher immer alles gemacht. Sie hatte geputzt, gekocht, den Garten gepflegt und sie war für sehr viele Menschen in Stäfa wie eine Mama.

Und jetzt war sie plötzlich schwer krank. Es war unglaublich, wie viele Menschen sie besuchten, und wie viele sagten: «Ich werde für euch kochen oder putzen oder den Garten pflegen.»
Sie wollten ihr alle etwas Liebe zurückgeben. Oft war das zu viel für meine Schweigermutter. Aber sie sagte: «Es ist schön, dass so viele Menschen kommen. Ich bin einfach zu müde, um mit jemandem zu reden. Aber ich bin froh für Hans.» So heisst mein Schwiegervater.

Im Sommer vor drei Jahren starb meine Schwiegermutter. Zum Schluss waren wir alle fast erleichtert [14]. Ihre Krankheit war sehr, sehr hart gewesen für sie. Irgendwann sagte sie: «Jetzt möchte ich nicht mehr weiterleben. Ich bin einfach zu müde. Ich möchte gehen.» Wir gingen alle nochmals zu ihr und sagten: «Wenn du gehen möchtest, dann lassen wir dich gehen. Du musst dir keine Sorgen um uns machen.» Das war natürlich sehr schwer. Aber wir alle glauben: Es ist sehr wichtig, dass man einem sterbenden Menschen hilft, zu gehen.

Zwei Tage später war sie tot. Wir machten eine grosse Feier [15] im «Rössli». Es war unglaublich! Der Saal war so voll, dass die Menschen sogar im Treppenhaus stehen mussten. Erst jetzt merkten wir wirklich, wie viel Gutes meine Schwiegermutter in ihrem Leben getan hatte. Immer wieder kamen unbekannte Menschen zu uns und sagten: «Sie hat uns so geholfen.» Alle waren sehr traurig. Aber trotzdem war es auch ein fröhliches Fest. Denn bevor sie starb, hatte sie gesagt: «Bitte macht kein grosses Drama um mich. Ich will, dass ihr es schön habt!»

Wir gaben uns also Mühe, auch zu lachen. Nachdem ganz viele Leute schöne Dinge über meine Schwiergermutter gesagt hatten, kam die Schwester meines Mannes auf die Bühne. Sie hatte Tränen in den Augen und sagte: «Es ist wunderbar, dass ihr so viel Gutes über meine Mutter sagt.
Aber bitte vergesst nicht, wie sie auch noch war: Laut, frech, wild, unbequem [16] und mutig. Ich bin sicher, sie möchte, dass man sich auch daran erinnert - und nicht nur an ihr gutes Herz.»

Jetzt lachte der ganze Saal. Jeder wusste, dass das stimmte. Meine Schwiegermutter konnte sehr stur [17] und ehrlich sein. Vor allem, wenn sie etwas ungerecht fand.

Heute ist Stäfa eigentlich kein Teil unseres Lebens mehr. Mein Schwiegervater hat das Haus verkauft und wird in ein paar Monaten nach Asien auswandern [18].
Aber trotzdem kommen wir irgendwie immer wieder dorthin: Schon drei Mal waren wir zum Beispiel in Stäfa an eine Hochzeit eingeladen.

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Nun nimmt es mich natürlich wunder, ob es Ihnen jetzt auch so geht wie mir. Ob Sie nach diesem Podcast plötzlich immer wieder von Stäfa hören. Dann haben Sie wie ich das «Bader-Meinhof-Phänomen» erlebt.
Es würde mich sehr freuen, wenn Sie auch am 7. Oktober wieder auf podclub.ch oder über unsere App mit dem Vokabeltrainer mit dabei sind, wenn es heisst «Andrea erzählt». Das nächste Mal werde ich Ihnen von der «Höllgrotte» erzählen.
Ab jetzt können Sie übrigens die Bilder zum Podcast auf Instagram sehen, liken und kommentieren. Ganz einfach mit #PodClubAndrea und #andreaerzaehlt.

Auf Wiederhören!




[1] staunen: sich wundern, etwas unerwartet finden
[2] ständig: sehr oft, die ganze Zeit
[3] letzthin: vor Kurzem
[4] beachten: etwas merken, etwas mit Aufmerksamkeit ansehen, hören
[5] ergehen: passieren, gehen
[6] das Rössli: Schweizerdeutsch für kleines Pferd, ein typischer Name für ein traditionelles Schweizer Restaurant
[7] umweltfreundlich: möglichst wenig schädlich für die Umwelt, die Natur
[8] der Blödsinn: Unsinn, etwas, was dumm und nicht wahr ist
[9] ausländerfeindlich: gemein und unfair gegen Menschen aus einem anderen Land
[10] die Bemerkung: Kommentar zu etwas
[11] das Schimpfwort: hässliches Wort, Fluchwort
[12] das Sparschwein: ein Schwein (meist aus Keramik), mit einem Schlitz, um Geld hinein zu werfen und es zu sparen
[13] der Coupe: (hier) ein grosser Becher mit Glace und Sauce etc.
[14] erleichtert: froh, dass etwas vorbei ist oder gut herausgekommen ist
[15] die Feier: ein Fest, bei dem man an etwas Bestimmtes denkt, zum Beispiel an einen Menschen, der gestorben ist
[16] unbequem: nicht bequem, bei einem Menschen: jemand, der sagt, was er denkt, auch wenn die anderen es nicht hören wollen
[17] stur: wenn man etwas unbedingt will und sich von niemanden davon abhalten lässt
[18] auswandern: seine Heimat verlassen und für immer an einen anderen Ort gehen