Andrea erzählt 87: Höllgrotten (7. Oktober 2016)

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, herzlich willkommen zur Sendung «Andrea erzählt» vom 7. Oktober.
Das Jahr geht nun rasch [1] zu Ende. Und vielleicht geht es Ihnen wie mir: Es kommen Ihnen viele Dinge in den Sinn [2], die Sie doch noch machen wollten. Dann brauchen Sie diesen Podcast vielleicht nicht. Aber wenn Sie noch eine Idee suchen, um etwas Neues zu erleben, habe ich Ihnen einen besonderen Tipp. Ich werde Ihnen von einem Ort erzählen, den man nur noch bis am 31. Oktober besuchen kann. Dann ist er erst im März wieder offen. Es ist ein wirklich magischer Ort mit einem unheimlichen [3] Namen: Die Höllgrotten [4] bei Baar.
Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen!

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Die Schweiz ist für viele ein nettes Land. Hübsch, sauber und ohne viele Geheimnisse. Aber das stimmt nicht. Es gibt auch hier viele Orte, die unheimlich und magisch sind. Einer davon ist gar nicht weit von Zürich weg. Es sind die Höllgrotten in Baar.

Das sind mehrere Höhlen unter dem Boden. Man kann sie besuchen. Das erste Mal war ich als Kind dort. Ich kann mich noch gut erinnern, wie es dort roch. Ein bisschen wie in einer alten, kalten Kirche. Mein Vater nahm uns gerne an solche Orte mit. Er war Arzt in einem Spital und arbeitete sehr viel. Wenn er frei hatte, sagte er: «Wir sehen uns so wenig. Darum möchte ich etwas Schönes mit euch machen.» Wir freuten uns nicht immer. Oft sagten wir: «Oh nein, können wir nicht zuhause etwas Schönes zusammen machen? Wir wollen nicht wandern gehen.» Aber mein Vater ist ein richtiger Natur-Mensch. Er ist am liebsten immer draussen, auch bei schlechtem Wetter.
Und er war streng [5]. Es nützte also nichts, dass wir nicht mitwollten. Er sagte nur: «Ich will kein Gejammer [6] hören. Zieht euch warm an. In einer halben Stunde gehen wir.» Mein Bruder und ich ärgerten uns häufig. Heute weiss ich: Mein Vater wollte wirklich etwas Gutes für uns tun.

Bei den Höllgrotten funktionierte es sogar. Sie gefielen uns sofort. Denn ich liebe Geschichten. Das war schon immer so. Und die Höllgrotten sind ein Ort, an dem man denkt: «Wenn es irgendwo Zwerge, Feen [7] und Drachen gibt, dann ist das hier.» Natürlich hatte ich auch etwas Angst damals. Aber das gehört ja zu einer guten Geschichte dazu.

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Danach habe ich die Höllgrotten viele Jahre lang vergessen.
Ja, ich wusste nicht einmal mehr, wo sie sind. Vor drei Jahren bekamen wir dann eine Einladung für einen Kindergeburtstag. Die Eltern des Geburtstagskindes waren beide Historiker [8]. Sie sind also sehr an alten Dingen interessiert. Darum machten sie mit ihrem Sohn und ein paar Kindern einen Ausflug in die Höllgrotten.

Auch mein Sohn war eingeladen. Aber er sagte: «Nein, da möchte ich lieber nicht mitgehen. In Höhlen ist es eng und dunkel. Ich habe Angst.» Ich sagte zu ihm: «Es ist gut, wenn man zugeben [9] kann, dass man Angst hat. Aber es ist auch gut, immer wieder Dinge zu tun, vor denen man sich fürchtet [10]. Ich habe eine Idee.» Ich rief die Eltern des Kindes an und fragte, ob ich auch mitkommen könne. Sie freuten sich sogar. Also sagte mein Sohn: «Ok, Mama, wenn du mitkommst, gehe ich auch.»

Wir fuhren mit einem privaten kleinen Bus bis nach Baar. Das ist ein Ort in der Nähe der Stadt Zug. Dort fuhren wir bis zum Parkplatz beim Eingang der Höllgrotten. Diese Höhlen sind über 6000 Jahre alt. Es sind sogenannte Tropfsteinhöhlen. Das heisst, sie sind entstanden [11], weil Wasser mit viel Kalk [12] drin hineingetropft ist. Der Kalk ist dann in den vielen Jahren liegengeblieben und immer mehr geworden. So sind an der Decke und am Boden der Höhlen eine Art Stäbe aus Kalk entstanden.

Die an der Decke heissen übrigens Stalaktiten und die am Boden Stalagmiten. Mein Sohn fragte mich: «Wie kannst du dir das merken [13]?» Und ich sagte: «Weil die Worte Decke und Stalaktit beide ein „K“ drin haben. So weiss ich, dass die beiden zusammengehören. Diesen Trick nennt man übrigens „Eselsbrücke“. Damit meint man, dass man sich etwas ausdenkt, was dem Hirn hilft, sich zu erinnern.» Mein Sohn fragte: «Aber warum heisst das Eselsbrücke?» Ich antwortete: «Das weiss ich nicht. Aber Esel sind Tiere, die nicht gerne an einen Ort gehen, den sie nicht kennen. Vielleicht ist unser Hirn auch wie ein Esel. Es will nicht an einen Ort gehen, den es nicht gut kennt. Wenn man ihm eine Brücke baut, geht es besser.»

Als wir aus dem Bus ausstiegen, war es noch sehr warm draussen. Der Führer wartete schon. Denn wenn man will, kann man die Höllgrotten mit einer Führung besuchen. Das ist sehr spannend und man kann auch alles fragen. Unser Führer hiess Ralf. Das Erste, was er sagte, war: «In den Höhlen ist es immer 10 Grad kalt, im Sommer und auch im Winter. Bitte zieht euch also warm an.» Wir waren so verschwitzt [14], dass wir uns richtig darauf freuten, endlich mal wieder zu frieren.

Dann gingen wir in die Höhlen hinein. Mein Sohn war am Anfang noch sehr ängstlich und hielt meine Hand. Doch drinnen war es gar nicht dunkel, wie er gemeint hatte. Überall sind schöne Lichter, zum Teil auch farbige. Schon bald war mein Sohn immer neben Ralf. Er wollte alles verstehen und ihn Dinge fragen.

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Die Höhlen sind zwar 6000 Jahre alt. Aber sie wurden erst Ende des 19. Jahrhunderts entdeckt. Damals war hier ein Steinbruch.
Das heisst, es wurden Steinstücke aus dem Boden gebrochen. Denn hier gibt es so genannten Tuffstein. Das ist eine Stein-Art mit vielen Löchern.
Weil er so leicht ist, wurde er damals für die neuen Eisenbahntunnels gebraucht. 1863 fanden die Arbeiter dabei die erste grosse Höhle. Sie heisst «der Dom» wie die grossen Kirchen.1892 und 1902 wurden dann zwei weitere Höhlen gefunden. Man nannte sie «das Zauberschloss» und «die Bärenhöhle». Ralf erklärte: «Der Besitzer des Steinbruchs war ein kluger Mann. Er wusste sofort, dass man die Höhlen nicht kaputt machen durfte. Er wollte, dass die Menschen sie ansehen konnten und öffnete sie für jeden.» 1903 wurden dann alle Höhlen miteinander verbunden [15].

Wurzelgrotte   Fotos: Flavio Heggli  / Daniel ChristenSpeziell schön fanden wir die kleinen Seen, die es überall gibt und die Wurzelgrotte: Hier sieht man Baumwurzeln, die mit Kristallen überzogen sind. Es sieht wirklich aus, wie in einem Märchen.

Irgendwann hatte mein Sohn dann auch den Mut, seine wichtigste Frage zu stellen: «Warum heissen diese Höhlen eigentlich Höllgrotten. Die Hölle ist doch der Ort, wo der Teufel wohnt. Gibt es hier einen Teufel?» Ralf lachte. Aber nicht gemein, sondern freundlich. Dann sagte er: «Nein, nein. Das meinen viele Leute, aber es stimmt nicht. Das Wort Hölle kommt nicht von der Hölle des Teufels. Es kommt vom Wort „hell“. Das hat damit zu tun, dass draussen vor der Höhle eine besonders helle Stelle im Wald war. Also eigentlich müsste man sagen: Hellgrotten und nicht Höllgrotten.»

Jetzt war mein Sohn ganz beruhigt [16]. Er sagte: «Wenn ich gewusst hätte, dass hier kein Teufel wohnt, dann hätte ich auch ohne dich kommen können.» Ich sagte: «Da bin ich aber froh, dass du das nicht gewusst hast. Sonst hätte ich diesen schönen Ort nicht wieder gesehen.» Denn seit ich ein Kind war, hatte sich hier viel verändert. Natürlich waren die Höhlen und die Steine noch gleich. Aber heute ist es hier viel heller. Zudem gibt es Führungen. Und für die Leute, die lieber allein durch die Höhlen gehen, gibt es so genannte Audioguides. Das sind Kopfhörer, die man anziehen kann. An bestimmten Stellen kann man damit interessante Dinge über die Höhlen anhören.

Als wir wieder nach draussen kamen, sahen wir dort viele Trottinetts [17]. Wir wollten wissen, wo sie herkommen. Ralf sagte: «Seit Neuem kann man auf dem Zugerberg Trottinetts mieten und direkt hierherfahren und sich die Höhlen ansehen.» Vielleicht erinnern Sie sich ja daran, dass ich Ihnen vor kurzem vom Zugerberg erzählt habe. Das wäre doch eine schöne Art, gerade beide Orte zu besuchen.

20161007 d BrunnenZum Schluss möchte Ich Ihnen noch meine liebste Geschichte zu den Höllgrotten erzählen. Viele von Ihnen haben nämlich schon Wasser von dort getrunken.
Vor über 100 Jahren kaufte die Stadt Zürich das Recht, das Wasser von dort bis nach Zürich zu holen. Weil die Höllgrotten etwas höher liegen als Zürich, läuft es von selbst durch Röhren bis in die Stadt hinunter. Es ist sehr frisches und gutes Quellwasser. Das besondere an dieser Geschichte ist: Zürich hat so Wasser von zwei Orten - vom Zürichsee und aus den Höllgrotten und noch ein paar anderen Quellen.

Damit gibt es hier also ein sogenanntes Notwassersystem. Wenn es einmal Probleme mit dem Wasser gibt, gibt es immer noch einen zweiten Ort, wo die Stadt sauberes Wasser herbekommt.
Das Wasser fliesst in vielen Brunnen in der Stadt.
Die meisten davon sind aus Kupfer und halbrund wie auf dem Bild. Falls Sie also das nächste Mal einen solchen Brunnen sehen: Trinken Sie davon! Es ist bestes Quell [18]-Wasser!

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Der letzte Tag, an dem die Höllgrotten dieses Jahr offen sind, ist übrigens der 31. Oktober. An diesem Abend ist ja auch Halloween. Da denkt man an die Menschen, die gestorben sind. Aus diesem Grund wird es eine spezielle Märchen-Führung durch die Höllgrotten geben. Falls es Sie interessiert: Informationen dazu gibt es auf hoellgrotten.ch.

Man kommt von Zürich aus übrigens ganz einfach hin: Nehmen Sie den Zug nach Zug und von dort den Bus zu den Höllgrotten.
Nun würde es mich sehr freuen, wenn Sie auch am 21. Oktober wieder auf podclub.ch oder über unsere App mit dem Vokabeltrainer mit dabei sind, wenn es heisst «Andrea erzählt». Dann werde ich Ihnen von der «Glasi Hergiswil» erzählen.
Ab jetzt können Sie die Bilder zum Podcast auf Instagram sehen, liken und kommentieren. Ganz einfach mit #PodClubAndrea und #andreaerzaehlt.

Auf Wiederhören!


[1] rasch: schnell, geschwind
[2] in den Sinn kommen: an etwas denken, eine Idee haben
[3] unheimlich: etwas, was einem etwas Angst macht
[4] die Höllgrotten: Name für mehre Höhlen (Grotten) bei Baar in der Schweiz, die miteinander verbunden sind
[5] streng: strikt, mit Prinzipien und Regeln, die befolgt werden müssen, nicht locker
[6] das Gejammer: das Jammern, Klagen, sich Beschweren
[7] die Fee: ein zartes, magisches Märchenwesen
[8] der Historiker: jemand, der Geschichte studiert hat
[9] etwas zugeben: etwas sagen, was man lieber nicht sagen möchte, weil man sich ein bisschen dafür schämt
[10] sich fürchten: Angst haben
[11] entstehen: werden
[12] der Kalk: ein Mineral (mit Kalzium)
[13] sich etwas merken: sich lange etwas erinnern können
[14] verschwitz: nass, voller Schweiss von der Hitze oder Bewegung
[15] etwas verbinden: etwas zusammenbringen
[16] beruhigt: ruhig, nicht mehr aufgeregt
[17] das Trottinett: ein Roller, Kickboard mit grossen Rädern
[18] die Quelle: Ort, an dem etwas herkommt, seinen Ursprung hat, zum Beispiel ein Fluss

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Josephine 13-10-2016 23:10
Vielen Dank für Ihre wunderbare Geschichten