Andrea erzählt 89: Genf (4. November 2016)

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, herzlich willkommen zur Sendung «Andrea erzählt» vom 4. November 2016. Es freut mich sehr, sind Sie wieder mit dabei.
Es gibt Orte, die kennen alle und doch kennt man sie nicht richtig. So ging es mir mit Genf. Ich wusste natürlich, dass es die Stadt im Westen der Schweiz gibt. Und ich wusste auch, dass man dort Französisch spricht und dass sie sehr international und reich ist. Ah ja, und dass die österreichische Kaiserin Sissi dort umgebracht [1] worden ist. Aber mehr nicht. Ausser vielleicht noch, dass Genf um den Bahnhof herum nicht sehr schön ist — wie fast alle Städte der Welt. Doch letzthin habe ich Genf auf eine ungewöhnliche Art doch noch kennengelernt. Darum möchte ich Ihnen heute ein wenig über diese Stadt erzählen. Viel Vergnügen!

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In den meisten Geschichten erzähle ich Ihnen aus meiner Kindheit und über normale Dinge, die ich an einem bestimmten Ort erlebt habe. Aber diesmal ist es etwas anders. Ich erzähle Ihnen nämlich von einem Genf, wie ich es vermutlich [2] nicht mehr sehen werde. Es ist das Genf der Reichen.

Angefangen hat es mit einer Einladung für eine Vernissage [3]. Eigentlich gehe ich nicht so gern in Kunstaustellungen. Dabei mag ich Kunst. Aber im Museum werde ich immer müde. Ich glaube es hat damit zu tun, dass mir einfach alles zu viel ist.

Am liebsten möchte ich nur ein Bild nach Hause nehmen. Das würde ich dann eine Woche lang ansehen und dann ein neues holen. Zudem sind die Leute in den Museen meist so ruhig und ernst [4]. Auch das macht mich müde.

Darum: Ja, ich mag Kunst. Aber alles was dazugehört, ist mir zu erwachsen [5]. Ich weiss, das tönt komisch.

Schliesslich bin ich 47 Jahre alt und sollte natürlich erwachsen sein... Aber das werde ich nie mehr ganz schaffen [6]. Und es ist mir egal.
Ich übernehme Verantwortung für jene Dinge, die nötig sind:
Meine Familie, meinen Beruf, meine Freunde und andere Sachen, die mir wichtig sind. Das reicht. Mehr erwachsen will ich nicht werden. Ich will weiterhin zu viel lachen, Blödsinn [7] machen, mir dumme Geschichten ausdenken und kindisch sein. Darum arbeite ich ja auch im Theater und schreibe Geschichten.

Nun. Die Ausstellung in Genf wollte ich trotz allem unbedingt sehen. Denn es war die Ausstellung meines Bruders zusammen mit anderen Künstlern. Und die Kunst meines Bruders liebe ich. Er ist auf die gleiche Art erwachsen wie ich: Er tut, was man tun muss. Aber er ist auch wie ein grosses Kind. Es macht ihm Spass, Dinge auszuprobieren und mit ihnen zu spielen. Das tut er auch in seiner Kunst. Darum wird es mir bei seinen Ausstellungen nie langweilig.

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Mein Mann und ich fuhren also mit dem Zug nach Genf. Es war einer jener Tage, an denen ich mich einfach blöd fühlte. Ich hatte schlechte Laune. Und das mag ich überhaupt nicht. Meistens bekommen die anderen Leute davon auch schlechte Laune und alles wird nur noch schlimmer.

Zudem wollte ich unbedingt fröhlich sein für die Ausstellung meines Bruders. Also sagte mein Mann zu mir: «So. Und jetzt möchte ich dich einladen, mit dem Taxi ins Museum zu fahren.» Er weiss, dass ich gern Taxi fahre und ich freute mich sehr.

Der Fahrer war nett. Er wollte alles über die Ausstellung wissen und fragte: «Wer ist denn der Künstler?» Ich sagte es ihm und es interessierte ihn sehr.

Als wir so durch Genf fuhren, konnte ich meinen Augen nicht trauen [8]. Diese Stadt sieht eher aus wie Paris. Man merkt, dass es eine sehr internationale Stadt ist. Hier sind die Hauptsitze [9] vieler internationaler Organisationen wie UNO, WHO und IKRK [10].

Kaum waren wir etwas vom Bahnhof weg und kamen zum See, war alles vornehm [11] und prächtig [12]. Plötzlich kam ich mir etwas klein vor und meine Kleider zu billig. Aber ich behielt meine gute Laune.

Dann sahen wir auch schon das Museum. Es sieht aus wie ein französischer Palast. Vor dem Haus standen bereits meine Eltern und mein Bruder. Wie immer trug er Jeans und ein einfaches weisses T-Shirt. Egal wie viel Erfolg er hat, er trägt immer Kleider wie ein ganz normaler Mann, der in einer gemütlichen Bar sitzt.

Neben ihm stand ein berühmter Kunstsammler. Er trug einen teuren Anzug. Einen Moment lang fühlte ich mich etwas unwohl. Aber er war so freundlich, dass ich das schnell wieder vergass. Der Taxifahrer gab meinem Bruder die Hand. Der sagte: «Kommen Sie, mein Vater wird Ihnen die Ausstellung zeigen. Sie ist heute nur für Gäste geöffnet. Sie sind jetzt mein Gast.» Der Mann freute sich riesig und blieb mehr als eine Stunde im Museum.

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Die Arbeiten waren eindrücklich [13]. Mein Bruder hatte zum Beispiel eine sehr seltsame Skulptur aufgestellt. Ein Esel und ein Krankenbett waren so zusammengeschoben, dass daraus ein «Krankenbettesel» wurde. Man wusste gar nicht mehr, welcher Teil Esel und welcher Teil Krankenbett war. Das Ganze war aus Metall gebaut und etwa zwei Meter gross. Ich weiss bis heute nicht, was es bedeutet [14]. So etwas frage ich meinen Bruder auch nie. Er sagt meistens: «Man kann es sich einfach ansehen und sich dabei denken, was man will. Und das ist gut so.»

20161104 D BrothausZudem zeigte er auch ein älteres Kunstwerk. Es ist ein Haus aus trockenem Brot. Es erinnert mich immer ein bisschen an Hänsel und Gretel. Das ist das Märchen, in dem die Eltern ihre Kinder in den Wald schicken, weil sie kein Geld haben, um ihnen etwas zu Essen zu kaufen. Die Kinder finden dann das Haus einer Hexe. Es ist ganz aus Kuchen gemacht. Ich hasse diese Geschichte, weil die Eltern ihre Kinder weggeben. Aber das Brothaus meines Bruders liebe ich.
In einer früheren Ausstellung hatte er sogar Wellensittiche [15], die im Haus lebten und es frassen. Das fand ich sehr lustig.

Überhaupt macht mein Bruder oft Kunst, die sich verändert oder sich selbst auflöst. Einmal hat er eine Kerze gemacht. Sie zeigte ihn selbst in Originalgrösse. In einer Ausstellung in Wien hat er sie angezündet. Nach einigen Tagen war sie abgebrannt und mein Bruder aus Wachs [16] war weg.

Ein anderes Mal baute er eine Mauer. Darunter hatte er ganz viel frisches Gemüse und Früchte hingelegt. Mit der Zeit wurde alles faul und die Mauer stürzte zusammen. Das Kunstwerk hiess «faules Fundament [17]». Es hat wunderbar gezeigt: Wenn man etwas Stabiles bauen will, braucht es einen festen Boden — auch für Beziehungen.

Für die Genfer Ausstellung waren auch noch andere bekannte Künstler eingeladen. Die Arbeiten sollten miteinander sprechen. Natürlich nicht laut, aber in den Köpfen der Besucher. Wie in einem Theaterstück ohne Worte. Und es funktionierte sehr gut.

In der einen Ecke sass zum Beispiel ein armer Bettler des berühmten italienischen Künstlers Maurizio Cattelan. Er sah sehr echt aus. Daneben standen goldig glänzende Würfel aus Spiegeln von meinem Bruder. So wie die Dinge in der Ausstellung nebeneinander standen, erzählten sie auch eine Geschichte über Reich und Arm.

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Später wurden wir noch zu einem Dinner mit Kunstsammlern und wichtigen Museumsleuten eingeladen. Mir gefallen solche Essen gut. Ich fühle mich dann manchmal ein bisschen wie in einem Film. Für meinen Bruder sind sie Teil seiner Arbeit.

An unserem Tisch sass auch eine der besten Freundinnen meines Bruders. Ich habe sie sehr gern. Sie hat uns eine lustige Geschichte erzählt: «Vor ein paar Jahren wollte ich einen Aprilscherz [18] mit meinen Kindern machen. Sie waren damals schon Teenager. Ich sagte zu ihnen: „Kinder, ich muss euch etwas Schönes sagen: Ihr bekommt noch einen Bruder oder eine Schwester.“ Die Kinder fanden es extrem schlimm! Sie riefen: „Aber dann wissen unsere Freunde ja, dass ihr Sex habt!“» Die Kinder fanden den Scherz nicht einmal dann lustig, als ihre Mutter ihnen sagte: «Aber es war doch nur ein Witz.»

Ich liebe diese Geschichte! Aber als ich sie meinen Kindern erzählte, lachten sie nicht. Sie sagten: «Oh! Aber wir wollen ein Baby in der Familie!» Doch dafür bin ich zu alt. Sorry, liebe Kinder!

Als wir später ins Hotel kamen, sagten mein Mann und ich: «Ups. Ich glaube, wir sind aus Versehen [19] ins falsche Hotel gegangen! Das hier ist ja wie ein Schloss!» Aber wir waren am richtigen Ort. Mein Bruder hatte uns nämlich ein grosses Geschenk gemacht! Er hatte uns ein Luxuszimmer organisiert.

Es gab eine Flasche mit Champagner, Pralinen, Früchte und teure Seifen. Das Badezimmer war fast so gross, wie das ganze Zimmer. Darin stand eine Badewanne mit Kerzen am Rand. Die Badetücher waren so weich wie eine Wolke. Wir waren wie kleine Kinder und filmten alles und lachten und hüpften auf dem Bett herum. Was für eine schöne Überraschung!

Sicher, manchmal denke ich: «Es wäre toll, immer ein solches Leben zu haben.» Aber dann kommt mir in den Sinn: «Die schönsten Dinge in meinem Leben hatten immer mit Menschen zu tun, nie mit Geld. Zudem weiss ich nicht, ob ich mich noch so fest freuen könnte, wenn Luxus für mich normal wäre.»

Auf dem Heimweg dachte ich: «Genf ist eine wunderbare Stadt. Aber ich werde bald nochmals kommen und mir das andere Genf ansehen. Das Genf der Bars, der kleinen Second-Hand-Läden, der ärmeren, wilderen Quartiere.» Irgendwie hat diese Reise wirklich gut zu der Ausstellung gepasst. Dazu, dass das Normale und das Reiche so nah zusammen sind. Und doch so weit voneinander entfernt.

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Jetzt freue ich mich sehr, wenn Sie bei Instagram unter #PodClubAndrea und #andreaerzaelt vorbeischauen und am 18. November wieder auf podclub.ch oder über unsere App mit dem Vokabeltrainer mit dabei sind, wenn es heisst «Andrea erzählt».
Dann werde ich Ihnen von «Sulzbach» erzählen.
Auf Wiederhören!


[1] umbringen: töten, ermorden
[2] vermutlich: wahrscheinlich
[3] die Vernissage: die Eröffnung einer Ausstellung
[4] ernst: seriös, nicht lustig
[5] erwachsen: kein Kind mehr; meint oft auch seriös oder sogar langweilig
[6] etwas schaffen: etwas erreichen
[7] der Blödsinn: Unsinn, Dummheit, Albernheit
[8] seinen Augen nicht trauen: etwas nicht glauben können, staunen
[9] der Hauptsitz: das Hauptbüro einer Organisation oder Firma
[10] das IKRK: das Internationale Komitee vom Roten Kreuz, ein internationales Hilfswerk
[11] vornehm: nobel, gehoben
[12] prächtig: reich, aufwändig und teuer
[13] eindrücklich: beeindruckend
[14] bedeuten: heissen, einen Hintergrund haben
[15] der Wellensittich: ein kleiner meist gelber oder grüner Vogel, der mit den Papageien verwandt ist
[16] der Wachs: Material, aus dem Kerzen gemacht werden (eigentlich von Bienen gemacht, gibt es aber auch als künstliche Varianten)
[17] das Fundament: der Grund, Unterbau, auf dem z.B. ein Haus aufgebaut wird
[18] der Aprilscherz: ein Scherz, den man am 1. April mit Freunden, Bekannten oder der Familie macht
[19] aus Versehen: unabsichtlich