Andrea erzählt 90: Sulzbach (18. November 2016)

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, herzlich willkommen zur Sendung «Andrea erzählt» vom 18. November 2016. Es freut mich sehr, sind Sie wieder mit dabei. Das letzte Mal habe ich Ihnen von einem grossen, reichen und wichtigen Ort erzählt. Von Genf. Aber auch ganz kleine Orte können wichtig sein – auch wenn sie fast keiner kennt. Denn wichtig sind ja die Orte, an denen wir etwas Besonderes erlebt haben.
Heute erzähle ich Ihnen deshalb von einem Ort, den Sie vermutlich [1] nicht kennen. Für mich ist er aber sehr wichtig. Er heisst «Sulzbach» und ist ein winziges [2] Dorf bei Uster.
Viel Vergnügen!

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Wir alle haben innere Bilder [3]. Wir stellen uns vor, wie wir leben wollen und was für uns wichtig ist. Und ob und wie wir Kinder haben wollen. So war es auch bei meinen Eltern. Sie wollten, dass mein Bruder und ich möglichst in der Natur aufwachsen [4]. Mein Vater träumte von einem Haus, das er selbst umbauen [5] konnte und wo wir eine wilde [6], freie Kindheit haben durften.

Trotzdem wohnten wir zuerst viele Jahre in der Stadt. Denn meine Eltern studierten noch, als wir zur Welt kamen. Später arbeiteten sie in verschiedenen Spitälern in der Stadt. Aber mein Vater sagte immer: «Irgendwann gehen wir aufs Land [7], das verspreche ich euch und dann haben wir ein eigenes Haus mit einem grossen Garten.»

Wie ich Ihnen schon vor einigen Wochen erzählt habe, zogen wir tatsächlich aus Zürich weg, als ich zehn war. Und zwar nach Uster. Mein Vater hatte dort eine gute Stelle bekommen. Aber auch Uster ist eine Stadt. Doch wenigstens verdiente mein Vater dort mehr als früher und meine Eltern konnten endlich anfangen, auf ein Haus zu sparen [8].

In dieser Zeit wurden mein Bruder und ich zu Teeangern und uns war es je länger je mehr egal, wie unser Zuhause aussah. Wir sagten: «Ah, bald sind wir gross und können wir wieder zurück nach Zürich, wo das richtige Leben ist.»

Mit 15 ging ich dann für ein Jahr in die USA, um Englisch zu lernen. In dieser Zeit kam ein Anruf [9] von meinen Eltern. Sie waren ganz aufgeregt. Meine Mutter sagte: «Wir haben es geschafft! Wir haben ein altes Bauernhaus gefunden und es gekauft. Papa wird es renovieren.»

Als ich nach Hause kam, wollte ich natürlich sofort wissen, wie das Haus aussieht.

Ein Freund holte mich mit dem Motorrad ab und wir fuhren dahin, wo ich schon in wenigen Wochen leben sollte. Ich war schockiert. Das Dorf hiess Sulzbach und lag ausserhalb von Uster bei einem Wald. Dort stand ein uraltes [10] Haus ohne Heizung und ohne Badezimmer. Es war dunkel und alle Zimmer waren klein. Der Garten war karg [11]. Ich weinte und sagte: «Ich wollte doch nach Zürich zurück. Und jetzt ziehen wir in ein kaltes, dunkles Haus an einem Ort, wo es nur jede Stunde einen Bus nach Uster gibt. Und das auch nur bis abends um acht! Das ist ja ein Alptraum.»

Sie können sich vorstellen, wie enttäuscht [12] meine Eltern waren. Sie hatten ihr Leben lang davon geträumt, uns ein Haus mit Garten zu geben – und jetzt, wo es endlich klappte, weinte ihre Tochter nur. Und auch meinem Bruder passte es gar nicht. Ihnen ging es so, wie sehr vielen Familien: Bis man genug Geld hat, um ein Haus zu kaufen, sind die Kinder schon zu gross dafür.

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20161118 D ElternhausSo zogen wir also in das Haus ohne Heizung. Meine Mutter sagte: «Weisst du, das ist ein Trick von mir. Wenn wir in einem kalten Haus leben, wird Papa sicher schneller eine Heizung einbauen.» Naja, ich fand das nicht so schlau [13] von ihr. Weil es so kalt war, mussten wir nämlich immer alle zusammen in der Stube sitzen. Nur hier gab es einen Ofen. Jeden Abend heizte mein Vater ihn mit Holz. Dann sassen wir alle im gleichen Zimmer. Ich fand das natürlich schrecklich. Aber ich glaube, es war auch für meine Eltern schrecklich. Stellen Sie sich mal vor, Sie müssten jeden Abend mit einem sehr schlecht gelaunten Teenager im gleichen Zimmer sitzen!

Aber mir war das damals natürlich egal. Ich fand: «Meine Eltern haben mich hier hingebracht, ohne dass ich es will, also darf ich auch wütend sein.» Wir stritten oft damals. Irgendwann ging ich dann jeweils in mein Zimmer hoch und heizte mein Bett mit einer Heizdecke [14], die mir meine amerikanischen Freunde aus Mitleid geschickt hatten. Dabei musste ich immer aufpassen, weil die Stromleitungen [15] so alt waren. Mein Vater sagte jeden Abend: «Du darfst die Decke nur kurz einstecken. Sonst könnte das Haus abbrennen.»

Kein Wunder [16], hatten wir ständig [17] Streit. Und wenn dann meine Eltern später auch ins Bett gingen, redeten sie über mich. Darüber, wie schwierig es mit mir war. Das Blöde daran: Zwischen unseren Zimmern gab es nur eine Wand aus dünnem Holz. Ich verstand natürlich jedes Wort.

Am schlimmsten fand ich, dass wir keine Dusche hatten. Ich weiss, so geht es den meisten Menschen auf der Welt. Aber in meiner Schule war ich die Einzige. Wenn ich am Samstag in die Stadt fahren wollte, duschte ich noch schnell in der Schule. Einmal kam der Hauswart [18] und sagte: «He, die Schule ist zu. Was tust du hier noch?» Ich erschrak und sagte: «Wir haben eben kein Badezimmer zu Hause, bitte lassen Sie mich nur ganz kurz duschen.» Er glaubte mir nicht und sagte: «Was für ein Blödsinn! So und jetzt raus hier!»

Ich gebe zu, dass ich auch zu den Leuten in Sulzbach unfreundlich war. Ich weiss natürlich, dass sie nichts dafür konnten, dass ich hier gelandet [19] war. Aber ich sah damals nur die schlechten Dinge. Die Hunde, die bellten, wenn ich auf den Bus ging. Die Familien, die mich alle freundlich grüssten, obwohl ich doch nicht gesehen werden wollte. - Ich wollte ja nicht einmal da sein.

Eines Abends sagte meine Mutter zu mir: «Hör auf so blöd zu tun! Du willst doch nur, dass wir dich wegschicken.» Ich schrie zurück: «Ganz genau! Ich will nach Zürich.» Meine Mutter sagte: «Das kannst du vergessen. Das funktioniert nicht.» Aber nach einer weiteren Woche gaben meine Eltern auf. Sie sagten: «Gut, wenn du ein billiges Zimmer findest, darfst du nach Zürich ziehen.» Schon nach vier Tagen gaben mir Freunde unserer Familie ein Zimmer in Zürich und ich zog von zuhause weg.

Meine Eltern halfen mir dabei. Zum Abschied nahmen sie mich in den Arm und sagten: «Du weisst, du darfst immer wieder zurückkommen. Aber nur mit guter Laune.» Zum ersten Mal seit Langem lachten mein Mutter und ich zusammen. Mein Vater aber redete noch fast ein halbes Jahr lang nicht mehr mit mir. Es hatte ihn so sehr verletzt, dass ich seinen grossen Traum nicht mit ihm teilen wollte.

Aber keine Angst. Diese Geschichte hat dennoch ein Happy End. Mein Vater baute und baute und arbeitete hart, um das Haus schön zu machen. Heute hat es einen wilden, schönen Garten, ein grosses Bad, eine gute Heizung und viele helle, hübsche Zimmer. Das freut mich. Aber was mich noch viel mehr freut: Als ich und mein Bruder Kinder bekamen, liebten sie das Haus ihrer Grosseltern von ganzem Herzen. Es war ein richtiges Kinder-Paradies geworden. Dort konnten sie im Garten spielen, Hütten [20] bauen und ihr eigenes Gemüse anpflanzen und allein in den Wald gehen.

Mein Vater lächelte glücklich, als er einmal sagte: «Jetzt ist mein Traum doch noch wahr geworden. Kinder, die bei mir glücklich spielen und frei sind. Es sind zwar nicht meine eigenen, aber dafür die Enkel, die ihr uns geschenkt habt.» Wir umarmten uns fest und lang. Und heute lachen wir zusammen über jene Zeit vor vielen Jahren. Mein Vater versteht jetzt, warum ich es damals so schlimm fand. Und ich verstehe, warum er so enttäuscht war. Zudem habe ich schon lange gemerkt, wie schön es in Sulzbach eigentlich ist.
Und Sie verstehen jetzt, warum es für mich ein so besonderer Ort ist.

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Jetzt freue ich mich sehr, wenn Sie bei Instagram unter #PodClubAndrea und #andreaerzaelt vorbeischauen und am 2. Dezember wieder auf podclub.ch oder über unsere App mit dem Vokabeltrainer mit dabei sind, wenn es heisst «Andrea erzählt». Dann werde ich Ihnen von «Wipkingen» erzählen.
Auf Wiederhören!


[1] vermutlich: wahrscheinlich
[2] winzig: sehr klein
[3] das innere Bild: eine eigene Vorstellung von etwas, die wir in uns haben
[4] aufwachsen: gross, erwachsen werden
[5] umbauen: verändern, renovieren, (meist Häuser)
[6] wild: nicht zahm, wie in der Natur
[7] aufs Land gehen: aus der Stadt weggehen, entweder für einen kurzen Ausflug oder weil man dort hinzieht
[8] auf etwas sparen: Geld zur Seite legen, damit man sich später davon etwas Bestimmtes kaufen kann
[9] der Anruf: ein Telefonat, ein Gespräch per Telefon
[10] uralt: sehr alt
[11] karg: ärmlich, öde (in einer kargen Landschaft wachsen z.B. fast keine Pflanzen)
[12] enttäuscht: traurig oder wütend darüber, dass etwas anders ist, als man gemeint oder gehofft hat
[13] schlau: klug
[14] die Heizdecke: Decke, die man mit Strom wärmen kann
[15] die Stromleitung: damit wird elektrischer Strom transportiert. Heute sieht man sie meistens nicht, weil sie in der Wand drin sind, in vielen alten Häusern waren sie noch aussen auf den Wänden drauf
[16] kein Wunder: Redewendung für «es erstaunt nicht, dass....»
[17] ständig: immer, die ganze Zeit
[18] der Hauswart: jemand, der zuständig ist für das ganze Gebäude. Heute heisst es eigentlich «facility manager», aber dieser neue Name wird im Alltag fast nicht benutzt
[19] landen: ankommen (Flugzeuge landen zum Beispiel auf dem Boden), im Alltag bedeutet es meistens, dass man an einen Ort gekommen (gelandet) ist, an den man nicht hinwollte
[20] die Hütte: ganz kleines, einfaches Haus