Andrea erzählt 91: Wipkingen (2. Dezember 2016)

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, herzlich willkommen zur Sendung «Andrea erzählt» vom 2. Dezember 2016. Es freut mich sehr, sind Sie wieder mit dabei. Und noch etwas freut mich: Heute erzählt Alessandra ihren hundertsten italienischen Podcast «Al dente». Liebe Alessandra, ich gratuliere dir herzlich!

Jeder hat es schon erlebt: Städte verändern sich ständig. Das Zürich meiner Kindheit [1] ist heute ganz anders – und trotzdem in vielem gleich. Darum möchte ich Ihnen von dem Quartier [2] erzählen, in dem ich aufgewachsen bin. Es hat sich ebenfalls sehr verändert. Es heisst Wipkingen.
Viel Vergnügen!

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Hinter dem Hauptbahnhof fliessen die beiden Flüsse Sihl und Limmat zusammen. Sie sind nun ein einziger Fluss und heissen Limmat. Am rechten Ufer [3] dieser breiten Limmat liegt Wipkingen. Es ist ein Quartier von Zürich. Wie die meisten Quartiere, war es früher mal ein Dorf, das so lange grösser geworden ist, bis es mit der Stadt zusammengewachsen ist. Seit 1893 gehört es fest zu Zürich.

Hier habe ich als Kind gewohnt. Lange Zeit hatte ich geglaubt, dass Wipkingen Wikingen heisse. Einmal fragte ich meine Lehrerin: «Warum sehen wir so anders aus als die Wikinger [4] auf den Bildern? Die Männer hier haben ja gar keine Helme [5] und keine langen Haare.» Meine Lehrerin verstand zuerst gar nicht, wovon ich sprach. Dann musste sie lächeln und sagte: «Aber wir wohnen doch nicht in Wikingen, sondern in Wipkingen.» Ich konnte das fast nicht glauben. Und lustigerweise ist der falsche Name noch heute irgendwie in meinem Kopf.

20161202 D Zuerich Wipkingen BahnhofAls ich ein Kind war, war Wipkingen ein sehr ruhiges Quartier. Familien lebten hier und viele alte Leute. Irgendwie fand ich es immer ein bisschen langweilig. Bis ich Eva kennenlernte. Das war in der ersten Klasse.

Eines Tages sah ich sie auf dem Pausenplatz [6] stehen. Sie hatte lange braune Haare und hellblaue [7] Augen. Sie trug ein gestricktes [8] Kleid mit einer Katze darauf. Ich dachte sofort: «Ich möchte ihre Freundin werden.» Also ging ich zu ihr und sprach mit ihr. Und schon bald waren wir die ganze Zeit zusammen. Ich sagte zu ihr: «Seit ich dich kenne, Eva, ist mir nie mehr langweilig.»

Wir hatten so viele Ideen und machten dumme Dinge, es war wunderbar!

Eva wohnte in einem Haus an der Limmat. Es hatte zwei Terrassen [9]. Eine war vorne und eine hinten an ihrer langen, schmalen Wohnung. Wenn ich sie besuchte, kletterte ich immer auf die eine Terrasse beim Treppenhaus und ging in der Küche durch das Fenster. Ich fand das sehr spannend — wie in einem Krimi [10]. Ihre Mutter fand es auch lustig. Sie nannte mich nur das Mädchen mit den Gummistiefeln [11]. Denn ich trug immer Gummistiefel und dazu Röcke. Wenn ich von draussen an das Küchenfenster klopfte, rief sie: «He, meine Kleine, schön bist du da! Komm herein.» Sie nennt mich übrigens noch heute «meine Kleine».

Evas Eltern hatten eine Bäckerei und ein Kaffee. Ich fand das toll. Ab und zu sagte Eva zu mir: «Komm, wir schleichen [12] in die Backstube [13] und stehlen Zigerkrapfenfüllung.» Dann war ich glücklich. Ich liebe Zigerkrapfen. Das ist ein Gebäck, das im Öl gebacken wird. Es ist mit Quark und Rosinen gefüllt. Das erste Mal fragte ich Eva: «Aber wir können doch einfach fragen, ob wir etwas haben dürfen. Die Bäckerei gehört doch deinen Eltern.» Eva schüttelte den Kopf und sagte: «Klar. Aber so ist es doch viel lustiger.»

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Das war längst nicht das einzige Abenteuer, das wir zusammen erlebten. Einmal fanden wir einen alten Bunker [14] aus dem zweiten Weltkrieg. Er stand am Ufer der Limmat, versteckt zwischen ein paar Büschen. Ich sagte: «Schau mal, das wird unser geheimes Haus!»

Wir waren ganz aufgeregt. Wir putzten drei Tage lang und mussten viele alte Blätter und Spinnweben [15] herausholen. Es war eklig [16]! Aber als wir es endlich geschafft hatten, waren wir sehr stolz. Eva sagte: «Ich habe in einem Garten ein Gartenhaus gesehen. Komm, wir gehen mal dahin und schauen, ob es dort Farben und Pinsel gibt.»

Also warteten wir, bis es dunkel war. Dann stiegen wir ganz leise aus dem Fenster und gingen zum Nachbarn hinüber. Wir hatten Glück: Die Türe des Gartenhauses war offen. Und wir fanden sogar einen Topf mit dunkelgrüner Farbe und harte, alte Pinsel. Am nächsten Tag krochen [17] wir in unseren Bunker und strichen die Wände damit. Was wir nicht wussten: Die Farbe war Ölfarbe [18]. Und unsere Haare waren voll davon.

Evas Mama schimpfte am Abend mit uns. Sie war nicht wirklich böse, aber sie sagte: «Ihr seid dumme Hühner. Bindet euch das nächste Mal ein Tuch um den Kopf. Das hier geht nur mit Pinselreiniger [19] raus.»

Leider fanden schon bald ein paar Jungs unseren Bunker und vertrieben [20] uns. Das war schade, aber wir hatten auch so immer etwas Lustiges zu tun. Ich liebte Eva und ihre Mutter über alles. Einmal fragte ich meine eigene Mutter: «Darf ich zu Eva ziehen?» Sie war schockiert und sehr traurig. Ich war ja erst neun Jahre alt. Heute tut es mir leid, dass ich ihr mit dieser Frage so wehgetan habe. Damals habe ich es gar nicht gemerkt. Ich dachte sogar, sie wäre vielleicht froh.

Auch unser Lehrer hatte es nicht einfach mit uns. Als ich ihn später mal in der Stadt antraf, sagte er: «Ich fand euch beide schrecklich. Ihr habt immer gemacht, was ihr wolltet und ihr wart so frech [21].» Das fand ich sehr schade. Denn eigentlich hatten wir ihn wirklich gern gemocht. Aber er war einfach viel zu nett.

Einmal fragten wir ihn zum Beispiel, ob wir das Klavier im Schulzimmer bemalen dürften. Er war einverstanden. Dann sagten wir: «Es ist das Schulklavier. Also müssten wir es während der Schulstunden machen.» Er sagte auch da «ja». Aber nach der Hälfte hatten wir plötzlich keine Lust mehr und hörten einfach auf. Unser Lehrer sagte: «Das könnt ihr nicht machen!» Doch er liess uns dann doch in Ruhe. Ich habe mich seither oft gefragt, ob in jener Schule noch immer ein altes Klavier steht, das nur halb mit Blumen bemalt ist.

Ein anderes unserer Spiele war gefährlicher. Wir schlichen in der Nacht aus unserem Zimmer und gingen nach draussen. Dann trafen wir uns im Dunkeln und gingen zu Häusern mit einem Baugerüst [22]. Dort kletterten wir hinauf und schauten den Leuten in die Wohnungen. Das war unheimlich, aber auch sehr aufregend. Heute als Mutter finde ich es nur noch schlimm. Ich will gar nicht daran denken, dass meine Kinder auch so etwas tun könnten. Ich glaube, ich würde sterben vor Angst um sie!

Als wir später nach Uster zogen, fehlten mir Eva und ihre Mutter sehr. Aber wir treffen uns bis heute ab und zu.

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Später hatte ich übrigens einen Freund in Wipkingen. Das war seltsam für mich. Ich war seit meiner Kindheit nicht mehr dort gewesen, denn auch Eva war bald nach mir weggezogen. Ihn zu besuchen, war wie eine Reise in die Vergangenheit. Ich fand es immer noch so langweilig hier.

Aber seither sind nochmals zwanzig Jahre vergangen und heute ist Wipkingen eines der beliebten Quartiere der Stadt. Es leben sehr viele junge Familien hier und es gibt viel Kultur. Aus dem alten Restaurant auf der Brücke ist eine schöne Bar geworden. Und das Grossmutter-Kaffee ist heute ein gutes Restaurant.

Dort wo früher der Zug hindurchfuhr, gibt es heute einen Tunnel und darüber ist eine Wiese mit neuen Häusern darauf. Ich verstehe sehr gut, dass viele Leute hier leben wollen.

Trotzdem: Ich selbst könnte es nicht. Es riecht zu sehr wie früher und ich erkenne zu viele Häuser. Es ist so, als wäre ich ein Kind im Körper einer mittelalten Frau. Das passt irgendwie einfach nicht zusammen in meinem Kopf.

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Jetzt freue ich mich sehr, wenn Sie bei Instagram unter #PodClubAndrea und #andreaerzaehlt vorbeischauen und am 16. Dezember wieder auf podclub.ch oder über unsere App mit dem Vokabeltrainer mit dabei sind, wenn es heisst «Andrea erzählt». Dann werde ich Ihnen vom «Atzmännig» erzählen.
Auf Wiederhören!


[1] die Kindheit: die Jahre, in denen man ein Kind ist
[2] das Quartier: Stadtviertel, Stadtteil
[3] das Ufer: der Rand eines Sees oder eines Flusses
[4] die Wikinger: ein früheres Volk aus dem Norden Europas
[5] der Helm: eine Kopfbedeckung aus hartem Material, zum Beispiel aus Metall. Er soll den Kopf vor Verletzung schützen
[6] der Pausenplatz: Schulhof
[7] hellblau: in sehr leichtem, hellem Blau
[8] gestrickt: aus Wolle oder Garn, entweder von Hand mit zwei langen Nadeln gemacht oder mit einer Maschine
[9] die Terrasse: ein sehr grosser Balkon
[10] der Krimi: Roman oder Film über einen Kriminalfall, ein Verbrechen
[11] der Gummistiefel: Stiefel aus Kautschuk oder Kunststoff, den man bei Regen trägt
[12] schleichen: heimlich und leise gehen
[13] die Backstube: Raum in einer Bäckerei, in welchem die Öfen stehen und Teig gemacht wird
[14] der Bunker: ein geschütztes, blockartiges Gebäude, in dem man sich in Sicherheit bringen kann, wenn Krieg ist
[15] die Spinnwebe: Geflecht aus feinen Fäden, die von Spinnen gemacht werden
[16] eklig: abstossend, Ekel erregend
[17] kriechen: sehr nah am Boden gehen, meist auf Händen und Knien
[18] die Ölfarbe: Farbe auf Ölbasis
[19] der Pinselreiniger: eine Flüssigkeit, mit der man bestimmte Farben auswaschen kann, die man nicht mit Wasser oder Seife lösen kann
[20] vertreiben: wegschicken, in die Flucht treiben
[21] frech: keck, nicht brav
[22] das Baugerüst: eine Konstruktion aus Stangen und Brettern, die man um ein Haus herum baut, um es z.B. neu zu streichen