Typisch Helene 20: Aufregnung im Zug, die Liebe zum Leben, Vermicelles (28. Oktober 2011)


Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, guten Tag und herzlich willkommen zur Sendung "Typisch Helene". Heute haben wir den 28. Oktober, und diesmal habe ich folgende Themen für Sie bereit: Zuerst erzähle ich Ihnen von einem kleinen Skandal [1], den ich vor kurzen auf einer Zugfahrt erlebt habe, das heisst: Eigentlich ist es nicht so dramatisch, aber ich habe mich doch ziemlich aufgeregt. Mal sehen, was Sie dazu sagen. Danach berichte ich Ihnen von einer jungen Frau, die ich kürzlich für eine Reportage interviewt habe. Sie ist erst 32 Jahre alt und hatte bereits Brustkrebs. Aber sie ist so mutig, witzig und optimistisch, dass ich Ihnen unbedingt von ihr erzählen will. Und zum Schluss, ja, dann verrate ich Ihnen, warum ich den Herbst liebe. Und glauben Sie mir: Das wird Ihnen das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen [2]. Schön, begleiten Sie mich wieder durch diese Sendung!



Ich habe Ihnen ja schon oft erzählt, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, dass ich sehr gerne Zug fahre und die SBB, die Schweizerischen Bundesbahnen, sehr schätze [3]. Ich kaufe mir sogar jedes Jahr ein Generalabonnement, ein so genanntes GA. Das kostet zwar nur schon für die zweite Klasse mittlerweile 3300 Franken, und das ist sehr viel Geld, aber dafür kann ich dann ein ganzes Jahr lang Zug, Bus, Tram, Schiff und zum Teil auch Bergbahnen fahren, so viel ich will. Das macht mich frei und unabhängig. So springe ich zum Beispiel ohne lange zu überlegen in den Zug und fahre nach Basel, um mit einer Freundin Kaffee zu trinken, oder ich reise nach Luzern, um meine kleine Nichte zu hüten [4], oder nehme spontan eine Einladung in Genf an. Und ja: Ich habe dank des GAs seit Jahren kein Tram- oder Busbillett mehr lösen [5] müssen - und das ist für mich ein grosses Stück Lebensqualität! Ja, und wer dann auch sehr viel Zug fährt, entwickelt manchmal so seine Gewohnheiten.

 Ich setzte mich zu Beispiel immer in den letzten Zweitklasswagen vor den Erstklasswagen und gehe durch die Erstklasswagen an die Spitze des Zuges, sobald der Zug in den Bahnhof einfährt. Das mache ich seit Jahrzehnten so, der Grund dafür ist einfach: Ich kann ganz vorne aussteigen und bin dann schnell auf dem Bus oder dem Tram. Besonders spät am Abend kann dies darüber entscheiden, ob ich das letzte Tram erwische [6] oder ein Taxi nehmen muss. Natürlich bin ich nicht die einzige Zugreisende, die das so praktiziert. Ich glaube, jeder, der regelmässig Zug fährt, geht automatisch durch die Erstklasswagen an die Spitze des Zuges. Und das kommt nicht immer gut an. Es gibt viele Passagiere in der ersten Klasse, die sich darüber ärgern. Sie sagen, dieses Geläuf [7] stört sie im Schlaf oder bei der Arbeit oder auch ganz einfach deshalb, weil sie nicht wollen, dass Zweitklasspassagiere, die ja weniger bezahlen als sie, die erste Klasse betreten. Die Chefs der SBB haben die Klagen der Erstklasspassagiere ernst genommen und als Folge davon eine Weile lang die Türen zwischen der ersten und zweiten Klasse geschlossen. Das gab logischerweise eine grosse Aufregung, und die war so gross, dass die Gratiszeitung 20 Minuten titelte: "SBB sperren Zweitklasspassagiere aus!" Ich fand das natürlich auch unmöglich, habe mich aber nicht so sehr darüber aufgeregt.

Aber diesmal war es anders, und jetzt kommt es, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer: Letzte Woche fuhr ich um elf Uhr abends von Luzern nach Zürich zurück, wanderte wie immer Minuten vor der Ankunft verschlafen durch die fünf Erstklasswagen nach vorne und stieg die Treppe zum Eingang hinunter. Dort standen zwei Kontrolleure und schauten mich streng an. "Haben Sie ein Erstklassbillett?", fragte der eine."Nein, ein Zweitklass-GA", sagte ich erstaunt, "warum meinen Sie?" - "Dann dürfen Sie nicht hier sein!" - "Bitte?" - "Sie dürfen ohne Erstklassbillett nicht durch die Erstklasswagen gehen. Das nächste Mal kostet Sie das fünf Franken." - "Bitte?" Ich traute meinen Ohren nicht [8]. Aber ich spürte, wie der Ärger in mir hochstieg. "Sagen Sie mal, ist das neu? Das habe ich noch nie gehört!" - "Nein, das ist schon lange so." - "Das glaube ich einfach nicht. Das ist ja absurd!" - "Doch, das ist so. Wer durch die Erstklasswagen gehen will, muss zahlen." Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, ich bin ja ein ausgeglichener Mensch und werde nur sehr schwer wütend. Aber in diesem Moment schäumte ich vor Wut [9]. Am nächsten Tag rief ich den  Kundendienst der SBB an und fragte, ob ich die Kontrolleure richtig verstanden hatte. Und tatsächlich: Ich hatte sie richtig verstanden. Es war so. Und jetzt? Muss ich in Zukunft ein "Durchgangs-Ticket" kaufen? Und was ist, wenn ich in letzter Sekunde auf den Zug springe und durch die Erstklasswagen laufen muss, um in die Zweitklasswagen zu gelangen? Muss ich dann auch Busse [10] zahlen? Haben Sie das auch erlebt, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer? Haben wir jetzt einen echten Klassenkampf? Was halten Sie davon? Ich bin gespannt auf Ihre Meinung.

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Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, ich werde mich natürlich nicht einfach über neue Regelungen [11] hinwegsetzen, sondern dann eben brav in der zweiten Klasse sitzen bleiben bis zum Schluss. Ärgern tut mich das zwar trotzdem, aber es gibt andere Themen, die wichtiger sind im Leben. Und die betreffen das Leben selbst, oder besser gesagt: Die Liebe zum Leben. Im alltäglichen Trott [12] vergessen wir nämlich oft, wie schön und wertvoll das Leben ist. Das geht auch mir so. Und deshalb bin ich über Begegnungen dankbar, die mir zeigen, wie wichtig es ist, das Leben aufmerksam zu leben. Zur Zeit arbeite ich an einer grossen Reportage über junge Frauen mit Brustkrebs. Es ist ein sehr schweres Thema, ein Thema, das mich auch als Journalistin sehr belastet, weil ich ja nicht einfach sagen kann: "Das ist zwar ein Thema, das mich interessiert. Aber im Prinzip geht es mich nichts an." Denn es kann mich eines Tages auch betreffen, so, wie es jede Frau betreffen kann. Bei einem meiner Interviews begegnete ich Sulasa. Sulasa ist eine sehr hübsche junge Frau, erst 32 Jahre alt. Vor einem Jahr wurde ein Tumor in ihrer Brust entdeckt, und nach der Diagnose folgte, wie fast immer, Verzweiflung, Operation, Chemotherapie, Bestrahlung [13]. Die Therapie ist erst seit ein paar Monaten zu Ende, Sulasa hat Glück gehabt: der Tumor hatte noch keine Metastasen gebildet. Sie nimmt zwar noch immer Medikamente, aber wenn man sie sieht, hat man das Gefühl, als ob sie ihr Leben lang gesund gewesen wäre: Sie hat dichtes, halblanges Haar, rosige Wangen, leuchtende Augen und eine kerzengerade [14] Haltung. Sie wirkt, wie so viele andere junge Frauen auch: fröhlich, sorglos und ohne Schatten. Zum Teil stimmt es auch, Sulasa ist fröhlich, aber sie ist nicht sorglos. Nicht mehr. Und wissen Sie was? Sie ist dankbar dafür. Dankbar, dass sie erkannt hat, wie fragil der Körper ist, wie fragil die Gesundheit, wie fragil das Leben. Und wie sehr sie es liebt. Wie wertvoll es ist, sich jeden Tag neu zu fragen: "Tut mir das gut?" - "Stimmt das auch für mich?" - "Ist das richtig, was ich tue?" - "Was will ich eigentlich?" - "Wie will ich sein?" Jeden Tag notiert sie in ihr Tagebuch, was sie gefreut, was sie geärgert und was sie traurig gemacht hat. Auf diese Weise, sagt sie, macht sie sich ein Muster von ihrem Leben, und das hilft ihr, immer wieder von neuem Bilanz zu ziehen. Auf diese Weise hat sie zum Beispiel den Mut bekommen, Menschen nicht mehr zu treffen, die ihr nicht gut tun. Sie hat angefangen, Geschichte zu studieren, weil ihr bewusst geworden ist, dass sie die Zusammenhänge der Welt besser verstehen will. Und sie hat den Entschluss gefasst [15], schwanger zu werden, sobald sie mit den Medikamenten aufhören kann. Das wird in zwei Jahren so weit sein. Sie wird eines Tages drei Kinder haben. Davon ist sie überzeugt. Und zwar heute mehr denn je.

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Und jetzt, zum Schluss, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, entführe ich Sie wieder einmal in die Welt der kulinarischen Genüsse, diesmal in die Welt der Desserts. Wissen Sie, was Vermicelles sind? Hmmm, vielleicht denken Sie nun an "vermicelli", die neapolitanische Bezeichnung für Spaghetti, oder an die "vermicelle", die besonders dünnen Spaghetti aus Süditalien. Oder haben Sie das französische Wort "vermicelles" im Kopf, das so viel bedeutet wie "Würmchen"?

 Das alles ist natürlich nicht falsch, liebe Zuhörer, aber ich meine mit Vermicelles etwas anderes: Ich meine das Dessert aus Kastanienpüree.
Und dieses Dessert besteht aus Meringues und Schlagrahm und einer ein Zentimeter dicken Schicht Kastanienpüree, oftmals kommt dann auf die Spitze noch eine Kirsche oder ein Pfefferminzblatt drauf. Vermicelles sind in der Schweiz so bekannt und beliebt wie Fondue und Raclette. Vor allem aber sind sie ein Zeichen dafür, dass es Herbst geworden ist. Denn so, wie es den Zopf [16] immer nur am Sonntag gibt, gibt es die Vermicelles nur im Herbst. Und die Vermicelles sind für mich ein Grund, im Herbst nicht melancholisch zu werden. Denn eigentlich mag ich es nicht, wenn die Temperaturen kälter und die Tage kürzer werden. Aber wenn dann ein Vermicelles-Törtchen vor mir steht, und ich die Gabel langsam hebe und sie fast zärtlich in den Kastanienpüree versenke, dann könnte die Zeit von mir aus stehenbleiben. Zumindest so lange, bis ich das Vermicelle aufgegessen habe.


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Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, mit den Vermicelles sind wir wieder ans Ende unsere Sendung angelangt. Wenn ich Ihnen nun Hausaufgaben gebe könnte, würde ich sagen: Gehen Sie in die nächste Konditorei, testen Sie ein Vermicelle und erzählen Sie mir, wie es Ihnen geschmeckt hat. Wir hören uns dann wieder am 11. November bei "Typisch Helene", hier, auf www.podclub.ch. Dann berichte ich Ihnen von einer Konferenz zum Arabischen Frühling in Bern und verrate Ihnen, warum ich mein iPhone manchmal nicht ausstehen kann [17]. Bis dahin wünsche ich Ihnen eine wunderschöne Zeit. Auf Wiederhören!




[1] der Skandal: Drama
[2] das Wasser läuft im Mund zusammen: Appetit bekommen
[3] schätzen: estimieren
[4] hüten: aufpassen auf
[5] ein Billett lösen: Ticket kaufen
[6] erwischen: rechzeitig nehmen, erreichen
[7] das Geläuf: wenn Leute hin- und herlaufen
[8] Ohren nicht trauen: nicht glauben, was man hört
[9] vor Wut schäumen: sehr wütend sein
[10] die Busse: die Geldstrafe
[11] die Regelung: Gesetz, Bestimmung
[12] der Trott: die Routine
[13] die Bestrahlung: die Radiotherapie
[14] kerzengerade: so gerade wie eine Kerze
[15] den Entschluss fassen: beschliessen
[16] der Zopf: spezielles Brot, dass es nur am Wochenende zu kaufen gibt
[17] nicht ausstehen können: nicht gern haben