Typisch Helene 21: Modeschau, Charme der Dunkelheit, Ikea (25. November 2011)


Guten Tag, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, herzlich willkommen zur Sendung "Typisch Helene".

Kaffee und KuchenHeute ist der 25. November, und wenn Sie jetzt aus dem Fenster schauen, werden Sie feststellen, dass die Tage immer kürzer und dunkler werden. Vielleicht sind Sie betrübt [1] deswegen, vielleicht geniessen Sie es aber auch. Denn wenn die Tage dunkler werden, haben wir doch oft ein Fest nach dem anderen: ein Abendessen, eine Kaffee- und Kuchenparty oder ein Hauskonzert, und wir gehen von Fest zu Fest, um wieder Licht in unseren Alltag zu bringen. Das sind wunderbare Nebenwirkungen der Dunkelheit, und davon werde ich Ihnen gleich erzählen. Erst aber machen wir einen kleinen Abstecher [2] in die Modewelt, dann reden wir eben über den Charme der Dunkelheit, und zum Schluss verrate ich Ihnen noch, warum die Zentralschweiz seit Wochen im Ausnahmezustand [3] ist. Schön, sind Sie heute wieder mit dabei.


Vielleicht haben Sie in den Zeitungen darüber gelesen oder es im Fernsehen gesehen, oder vielleicht sassen Sie sogar selber im Publikum - die Rede, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, ist von den Zürcher Fashion Days, den Zürcher Modetagen, die vor etwa zwei Wochen in Zürich stattgefunden haben. Die Fashion Days sind dieses Jahr zum zweiten Mal durchgeführt worden und waren ein grosser Erfolg. Ich finde es toll, dass nicht nur die ganz grossen Städte wie London, Paris oder New York Modeschauen haben, sondern eben auch Zürich, und dass auch hier die textilen Werke von berühmten Designern gezeigt werden. Ich selbst interessiere mich zwar nicht so sehr für Mode und der ganze Starkult [4], der um die Models gemacht wird, nervt mich. Zudem informiere ich mich nie in Modezeitschriften oder an Modeschauen über die neusten Trends. Wenn ich neue Kleider brauche, gehe ich in die Geschäfte und schaue mir an, was es so gibt. Aber in diesem Jahr wollte ich eine Ausnahme machen, wollte ich wieder einmal an eine Modeschau gehen. Ich meine, wenn in Zürich schon mal Modeschauen veranstaltet werden, sollte man doch die Gelegenheit ergreifen [5], oder? Also kaufte ich mir ein Billett, zog mir passend zum Anlass ein schwarzes Cocktailkleid an und ging hin.

ModeschauDie Modeschau fand in einem Zelt in einem ehemaligen Industriegebäude statt, ziemlich cool, dachte ich, ich mag nämlich den Charme dieser alten Hallen. Es war einfach ein bisschen kalt, aber das fand ich nicht so schlimm. Sehr viel schlimmer war dann aber - ach, Sie werden es kaum glauben - dass ich mich schon nach zehn Minuten schrecklich langweilte. Ja, wirklich! Ich langweilte mich und spürte, wie ich immer müder und müder wurde, und ja, ich ärgerte mich. Ich fand zwar die Kleider, die gezeigt wurden, zum Teil noch ganz hübsch und ich lernte auch Schweizer Designer kennen, von denen ich keine Ahnung gehabt hatte, aber es langweilte mich, den Models dabei zuzusehen, wie sie in immer neuen Kleidern auf- und abgingen, stehen blieben, sich umdrehten, wieder auf - und abgingen und dabei ein Gesicht machten, als hätten sie gerade eine Katastrophe überlebt. Dazu kam, dass die meisten auf ihren extrem hohen Absätzen [6] gar nicht richtig gehen konnten. Manche folgten nicht einmal dem Rhythmus der Musik, was mir allein schon so auf die Nerven ging, dass ich fast von meinem Sitz aufgesprungen und auf den Laufsteg gegangen wäre, um diesen Models mal zu zeigen, wie man zum Rhythmus der Musik geht. Aber ich konnte mich beherrschen [7].
ModeschauNoch schlimmer als meine Langeweile war dann aber mein Entsetzen [8], als ich sah, wie dünn die jungen Frauen waren, die da vor meinen Augen hin- und herliefen. Man hat ja immer wieder von Magermodels gehört und gelesen, und man weiss, dass einige sogar gestorben sind, weil sie kaum mehr etwas gegessen haben - aus Angst, für die Designer nicht mehr dünn genug zu sein. Denn die Designer, so heisst es auf jeden Fall, stehen auf [9] sehr dünne Models, da ihre Kleider an dünnen Körpern einfach besser aussehen. Diese Todesfälle haben viele Proteste gegen den Magerwahn [10] im Modelbusiness hervorgerufen. Aber die sind mittlerweile verstummt [11]. Als ich nun auf die dünnen Arme und Beine und auf die knochigen Schultern starrte, fragte ich mich: Warum protestiert niemand mehr dagegen? Warum findet man extrem dünne Frauen schön? Warum werden sie glorifiziert? Warum tut die Modeindustrie nichts, um dieses Frauenbild zu korrigieren? War ich denn die einzige im Saal, die darüber schockiert war? Am Schluss applaudierten nämlich alle, und als der Stardesigner erst noch übermütig [12] ins Mikrofon rief: "Ach, ich wünschte, alle Frauen wären so, wie meine Models!", da lachten alle und standen ihm zu Ehren von ihren Sitzen auf und applaudierten noch mehr. Ich aber blieb sitzen und applaudierte nicht. Ich finde, es ist wieder an der Zeit, gegen diesen Missbrauch von jungen Frauen in der Modeindustrie zu protestieren. Und jemand muss ja wieder damit anfangen.

***

Ich habe meinen Ausflug in die Modewelt aber natürlich trotz allem nicht bereut, liebe Zuhörer. Denn es ist aufregend, einmal in eine neue, fremde Welt einzutauchen. Ausserdem kann man besser mitreden, wenn man etwas mit eigenen Augen gesehen hat. Und es gibt natürlich sicher auch wunderschöne, talentierte Models, die nicht knochendürr [13] sind, sondern einfach sehr schlank und die auch genug essen und ihren Beruf geniessen. Ich hoffe, Ihnen eines Tages auch einmal von solchen Models erzählen zu können. Aber: Lassen Sie uns nun von den Models weggehen und über den Charme der Dunkelheit reden. Denn jetzt, im November, wenn die Tage kürzer und die Nächte länger werden, wünschen sich viele den Sommer zurück, die Zeit, wenn es abends um neun Uhr noch immer hell ist und man das Gefühl hat, niemals müde zu werden. Einer, der sich den Sommer zurückwünscht, ist mein guter alter Freund Emilio. "Ach, ich komme mir vor, wie ein Bär, der jetzt gleich in den Winterschlaf fällt", sagte er, als wir uns das letzte Mal auf ein Bier trafen. "Kann es denn nicht einfach bald wieder Sommer werden?" - "Doch, aber das dauert jetzt halt noch eine Weile", sagte ich und musste lachen, weil Emilio so ein düsteres [14] Gesicht machte. "Schau nicht so finster. Sei doch froh, dass es jetzt so dunkel ist, dann kannst du abends endlich mal zu Hause bleiben und den Keller aufräumen. Das wolltest du ja schon längst mal tun!" - "Mach dich nicht über mich lustig." - "Das würde ich nie wagen." - "Tust du jetzt aber gerade!" - "Ach was! Aber ich meine es ernst mit der Dunkelheit. Vergessen wir jetzt mal den Keller. Sag mir: Würdest du an einem Sommerabend gemütlich mit Freunden zusammen sitzen und Fondue essen?" - "Sicher nicht. Aber ich würde auf der Terrasse grillieren." - "Grillieren kannst du auch im Winter, wenn es unbedingt sein muss. Aber ein Fondue schmeckt an einem dunklen Winterabend einfach besser." - "Na ja, da könntest du recht haben." - "Siehst du! Und würdest du an einem Sommerabend ein Cheminee anzünden und auf dem Teppich davor ein schönes Glas Rotwein trinken?" - "Eher nicht, glaube ich jetzt mal." - "Eben. Und würdest du an einem hellen Sommerabend ein herrlich duftendes heisses Arombad nehmen?" - "Bist du wahnsinnig? Das mache ich nicht einmal, wenn ich Grippe habe." - "Okay, versuchen wir es anders: Würdest du an einem wunderbar hellen Sommernachmittag zu Freunden auf eine Kaffee- und Kuchenparty?" - "Das ist doch eh nur was für Frauen." - "Du bist jetzt aber hartnäckig [15]!" - "Es geht, es geht. Aber weisst du, was ich wirklich nur an einem düsteren Winternachmittag tue?" - "Sags mir!" - "Zur Ikea fahren und mir ein Paket neue Teelichter [16] kaufen."

***

Teelichter - das ist hier das Stichwort für die folgende Geschichte. Und zum Einstieg stelle ich Ihnen gleich eine kleine Quizfrage: Wissen Sie, warum die Zentralschweiz seit Wochen im Ausnahmezustand ist? Warum Tausende von Menschen nur noch ein einziges Gesprächsthema haben? Warum neue Autobahnanschlüsse gebaut und neue Busverbindungen geschaffen werden mussten? Was bringt Menschen heute noch in eine derartige Euphorie? Dreimal dürfen Sie raten: Der Tennisspieler Roger Federer? Nicht auf diese Weise. Der Popstar Robbie Williams? Ach, nicht mehr. Die Sängerin Lady Gaga? Nur die ganz Jungen. Schwierig, nicht wahr? Keine Sorge, ich helfe Ihnen: Es ist - die Eröffnung vom Möbelhaus Ikea in Rothenburg bei Luzern. "Endlich!", jubeln die Innerschweizer, "endlich müssen wir nicht mehr nach Lyssach, Spreitenbach oder Dietlikon reisen, wenn wir neue Teelichter kaufen wollen. Endlich haben auch wir eine Ikea in der Nachbarschaft. Welche Freude! Welche Erleichterung! Welche Verbesserung der Lebensqualität!" Lachen Sie nicht. Ich übertreibe keineswegs. Meine Mutter, zum Beispiel, lebt in Luzern, und sie war schon Tage vor der Eröffnung am 8. November völlig aus dem Häuschen [17] vor Aufregung. Sie hat sich den Tag frei gehalten, hat überlegt, welche Schuhe sie anziehen soll, um beim Rundgang in den neuen Hallen nicht müde zu werden. Sie hat diskutiert, ob sie mit dem Auto oder mit dem Bus hinreisen sollte, hat sich gefreut wie ein kleines Mädchen und war ganz besorgt, als sie in der Woche vorher eine schwere Erkältung bekam. Würde sie rechtzeitig wieder fit sein? Am Montag war sie noch blass und kränklich, aber am Dienstag, dem historischen Tag, war sie wieder topfit. Und als ich ihr dann im Verlauf des 8. Novembers ein SMS schickte und sie fragte, wie es denn nun sei im neuen Möbeltempel, schrieb sie nur ein einziges Wort zurück: "Wunderschön!". Gekauft hat sie zwar bloss ein Paket Teelichter und Fleischkugeln. Aber das, hat sie versichert, das ist erst der Anfang.

                                                       Ikea

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, das wars für heute. In der nächsten Sendung reden wir dann unter anderem über den Spass oder die Qual an Weihnachtsessen mit der Firma. Wir hören uns also wieder am 9. Dezember auf www.podclub.ch, das ist auch die letzte Sendung in diesem Jahr. Bis dahin wünsche ich Ihnen eine schöne Zeit. Bis dann! Auf Wiederhören.




[1] betrübt: traurig
[2] der Abstecher: kleiner Ausflug
[3] der Ausnahmezustand: ausserhalb der Normalität
[4] der Starkult: jemanden als Star verherrlichen
[5] die Gelegenheit ergreifen: die Chance packen
[6] der Absatz: hinterer Teil des Schuhs
[7] sich beherrschen: sich kontrollieren
[8] das Entsetzen: Schreck
[9] stehen auf: bevorzugen, wollen
[10] der Magerwahn: nur darauf fixiert sein, so dünn als möglich zu sein
[11] verstummen: stumm werden
[12] übermütig: aufgeregt, freudig
[13] knochendürr: so dünn und trocken wie ein Knochen
[14] düster: dunkel, mürrisch
[15] hartnäckig: stur an etwas festhalten
[16] das Teelicht: kleine Kerzen
[17] aus dem Häuschen sein: vor Freude ausser sich sein