Typisch Helene 22: Ausblick auf 2012, Horoskop, Velovignette (13. Januar 2012)


Guten Tag, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, herzlich willkommen im neuen Jahr und herzlich willkommen zur Sendung "Typisch Helene".  Heute ist der 13. Januar 2012. 2012 - das ist eine schöne Zahl. Eine Zahl voller Kraft und Hoffnung, und ich als Optimistin glaube fest daran, dass dieses Jahr ein ganz besonderes Jahr wird. Über diese Hoffnungen reden wir heute als Erstes. Danach erzähle ich Ihnen, wie schwierig es ist, zwei Sternzeichen auf einmal zu haben und zum Schluss reden wir dann noch über etwas richtig Urschweizerisches - über die Velovignette. Ich freue mich sehr, sind Sie heute wieder mit dabei!



Heute Morgen habe ich in einer Zeitung Folgendes gelesen: "Ein Schulzimmer irgendwo in der Schweiz. Die Schülerinnen und Schüler sollen Fragen ans neue Jahr aufschreiben. "Ich möchte wissen, ob 2012 die Welt  untergeht", notiert ein Junge lapidar [1]. Der Satz bleibt einem im Hals stecken. Denn: Man hat ihn auch schon ausgesprochen. Wenn auch nur innerlich und nicht so direkt. Und man hat sich oft sagen hören: So kann es nicht weitergehen." Stimmt. Das habe ich auch schon gesagt. Genau das: So kann es nicht weitergehen. Denn seien wir ehrlich: Die Welt sieht eher düster [2] aus: Wir haben die Wirtschaftskrise und die Ressourcenkrise, Erdöl und Wasser werden knapp. Zudem haben wir Umweltverschmutzung, Klimawandel, kriegerische Konflikte, Hungersnöte, gierige [3] Politiker, gierige Manager, gierige Banker und gierige Konsumenten. Ach! Angesichts dieser Liste kann man wirklich das Gefühl bekommen, dass die Welt bald untergeht. Und ich kann jeden verstehen, der mit wenig Hoffnung in die Zukunft blickt.

 Darüber habe ich auch mit einer ägyptischen Freundin diskutiert, die kürzlich bei mir zu Gast war. Sie war traurig und wütend, weil das Militär in Ägypten noch immer eine so starke Position hat und die Bevölkerung einschüchtert. "Die Zukunft sieht so schwarz aus, so unsicher!", sagte sie. "Was können wir bloss tun? Können wir überhaupt etwas tun?" Und genau das, finde ich, ist das Stichwort: "Was können wir tun?" Auf den ersten Blick scheint es, als könnten wir gar nichts tun, so gross und mächtig sind die Probleme. Aber: Im Prinzip ist es so, wie bei politischen Wahlen: Jede Stimme zählt. Und natürlich auch jede Handlung.

Ich habe also Freundinnen und Freunde von mir gefragt, was sie tun werden, um die Welt zu verbessern. Also, Maria, eine Anwältin aus Chicago, zum Beispiel, hat die Webseite "The Skinless Project" gegründet. Sie will, dass Frauen aus der ganzen Welt ihre Ideen und Projekte darauf präsentieren können, dass sie gehört und gesehen werden, und dass sie auf diese Weise mehr Ansehen in ihrem Umfeld bekommen. Christina, eine Marketingfachfrau und Sängerin, hat eine kleine Party-Agentur aufgemacht. Sie will Menschen helfen, ihre Feste noch schöner zu machen und ihnen auf diesem Weg auch die Liebe für Kunst, Musik und Literatur näherbringen. Susanne, eine Köchin, organisiert seit kurzem festliche Abendessen, zu denen sie Leute einlädt, die einander noch nicht kennen. So will sie ganz unterschiedliche Menschen zusammenbringen. Peter, ein Journalist, konzentriert sich bei seiner Arbeit ganz auf Naturthemen, um den Lesern zu zeigen, wie schön die Natur ist und warum man sie schützen soll. Branka, eine Übersetzerin aus Bosnien, macht jede Woche ein Treffen für Frauen aus ihrer Nachbarschaft. Auf diese Weise will sie Vorurteile zwischen den Familien abbauen. Cecilia, eine Krankenschwester aus Italien, hat sich auf die Pflege von sehr alten Menschen spezialisiert, weil alte Menschen in unserer Gesellschaft oft auch die einsamsten sind. Und Ahmed, ein Schüler aus Marrakesch, engagiert sich für ein Projekt, das jungen Menschen zeigt, wie sie mit Elektroabfällen umgehen sollen. Und, und, und.

Ich könnte jetzt noch viele solche Beispiele aufzählen, die mich extrem optimistisch stimmen. Und ich denke, dass jedes einzelne dazu beitragen wird, die Welt zumindest ein bisschen besser, sicherer und gerechter zu machen. Wenn Sie also auch ein interessantes Projekt haben, mit dem sie Ihre Gesellschaft positiv beeinflussen wollen, liebe Zuhörer, schreiben Sie mir und erzählen Sie mir davon. Wir werden es dann hier, in dieser Sendung, besprechen. Ich freue mich auf Ihren Input!

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Ich weiss, ich weiss, ich habe mich nun wahrscheinlich angehört, wie eine Pfarrerin auf der Kanzel [4]. Das war nun fast eine kleine Neujahrspredigt [5]. Aber ich diskutiere diese Fragen oft mit Freunden und Kollegen, und ich glaube wirklich, dass wir in diesen Zeiten den Kopf nicht mehr in den Sand stecken dürfen. Sondern dass wir mutig sein müssen und konstruktiv. Das gibt uns auch immer wieder die Möglichkeit, uns selbst zu verändern. Und damit komme ich nun zu unserem zweiten Thema, liebe Zuhörer: Zu der Krux [6] mit dem Horoskop. Wie ist das bei Ihnen? Glauben Sie an Horoskope? Gehören Sie auch zu den Lesern, die in einer Zeitung als erstes das Horoskop lesen? Ja? Ehrlich gesagt, ich auch. Na ja, nicht immer. Denn im Prinzip interessiere ich mich nicht allzu sehr dafür. Aber seit ich sozusagen zwei Sternzeichen habe, sieht das anders aus. Ja, Sie haben richtig gehört: Zwei Sternzeichen. Und das geht so: 35 Jahre lang habe ich geglaubt, dass ich im Sternzeichen Löwe bin. Ein stolzer, wilder und mutiger Löwe mit wilder Mähne und einem lauten Brüllen.

 Aber dann machte ich eines Tages ein Interview mit der Star-Astrologin Elisabeth Tessier in Paris. Während ich auf sie warten musste, redete ich mit ihrem Mann Gerard, der ebenfalls Astrologe ist. Irgendwann fragte er mich nach meinem Sternzeichen. "Ich bin Löwe!", sagte ich stolz. - "Ach, wie schön", antwortete er. "Das passt zu Ihnen. Wann und wo sind Sie denn geboren?" - "Am 23. Juli morgens um halb eins  in Luzern", sagte ich. Gerard schaute mich nachdenklich an. "Dann sind Sie aber nicht Löwe, sondern Krebs!", rief er. - "Was?" Ich war entsetzt. Ich, ein Krebs? So ein Wassertier? Das konnte nicht sein! "Doch, doch" sagte Gerard. "23. Juli, halb ein Uhr morgens in Luzern, da Sie sind noch immer Krebs, ganz klar!" Ich war schockiert. Ich hatte danach eine richtige Identitätskrise, ich war ausser mir [7]. Von einer Sekunde auf die andere zu erfahren, dass man nicht das ist, was man 35 Jahre lang glaubte zu sein, ist schon hart. Ich war zutiefst bekümmert [8]. Lange konnte ich mich mit dem Sternzeichen Krebs einfach nicht anfreunden. Zu sehr hatte ich den stolzen Löwen geliebt!

 Mittlerweile habe ich mich aber daran gewöhnt. Und mehr noch: Ich habe daraus sogar eine Tugend [9] gemacht: Ich kann mich jetzt nämlich als beides fühlen, als Krebs und als Löwe. Oder je nach dem als Krebs oder als Löwe. Ich lese seither nämlich immer beide Horoskope und konzentriere mich auf das, was mir besser gefällt. Nehmen wir das Jahreshoroskop in der Zeitschrift annabelle zum Beispiel. Da heisst es beim Krebs zum Stichwort "Beruf und Geld": "Im Januar vermitteln Sonne, Merkur und Mars gute Jobchancen und jede Menge Projekte, um sich zu profilieren. Doch ab Ende März müssen Sie für jedes Lob doppelten Einsatz leisten. Nicht gut, aber dafür gibt es später im Jahr eine Entschädigung [10]." Hmm, na ja. Schauen wir mal, was beim Löwen steht: "Sie haben Karriereambitionen? Wunderbar! Sie bekommen tolle Aufträge und können sich kreativ austoben. Möglich ist auch, dass gute Auslandkontakte Sie weiterbringen." Ja, genau! Das passt zu mir! Ich nehme also diesmal das Horoskop für den Löwen. Das für den Krebs vergesse ich jetzt mal. Was hätten Sie an meiner Stelle getan, liebe Zuhörer? Krebs oder Löwe? Das ist hier die Frage.

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Und jetzt zum Schluss noch dies. Vielleicht haben Sie sich noch nie darauf geachtet, wenn Sie aber hierzulande Velo fahren, kennen Sie sie: Die Velovignette. Es ist eine Etikette, die man jedes Jahr kaufen und auf sein Velo aufkleben musste. Darauf stand die Nummer des Velos, die Vignette war für die Fahrräder nämlich so etwas wie das Nummernschild für die Autos. Ich weiss noch, wie ich früher auf das Strassenverkehrsamt gehen musste, um mir eine neue Vignette für mein Velo zu kaufen. Später gab es sie auch auf der Post. Aber: Seit einigen Tagen ist sie Geschichte. Die Vignette gibt es nicht mehr. Sie hat ausgedient [11]. In Zukunft wird sie nur noch in Museen zu bestaunen sein.

Obwohl ich immer dafür bin, dass alte Zöpfe abgeschnitten [12] werden, macht mich das nun doch ein bisschen melancholisch. Die Velovignette gab es nämlich nur in der Schweiz. Sie wurde 1890 erfunden, um das Chaos auf den Strassen zu regulieren. Damals gab es noch keine Verkehrsregeln, und Kutschen [13], erste Autos, Velofahrer und Fussgänger kämpften auf den staubigen Strassen um den Vortritt. Die Folge waren Streitereien, vor allem zwischen Kutschern und Velofahrern, denn schon damals gab es viele Velos auf den Strassen. Um dieses Chaos zu kontrollieren, führten die Kantone Verkehrsregeln und Nummernschilder für Autos und Velos ein.

                                          

Als Erfinder der Velovignette gelten übrigens die Luzerner. Denn das Durcheinander auf den Strassen dieser Stadt war wegen des wachsenden Tourismus und der vielen Hotelfahrzeuge ganz besonders gross. Typisch für die Schweiz war dann auch, dass jeder Kanton seine eigene Velonummer mit eigenen Formen und Farben hatte. Erst in den 60er Jahren konnte man sich schweizweit auf eine gemeinsame Form einigen, auf ein Rechteck. 1970 wurden dann alle Velonummern rot, und 1988 ersetzte man die Velonummern mit selbstklebenden Etiketten. Denn die waren sehr viel billiger als die Nummernschilder aus Metall. Und nun, 2012 gibt es die Vignetten also nicht mehr. Mein Tipp: Falls Sie noch welche haben, werfen Sie sie ja nicht weg, sondern bewahren Sie sie auf. Sie könnten eines Tages sehr viel wert sein!

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Und damit sind wir ans Ende unserer Neujahrssendung gelangt, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer. Wir hören uns wieder am 27. Januar, hier, auf www.podclub.ch. Dann reden wir unter anderem über eine Vorstellung im Provinztheater. Bis dahin wünsche ich Ihnen eine wunderschöne Zeit. Auf Wiederhören!




[1] lapidar: simpel, realistisch
[2] düster: dunkel, finster
[3] gierig: wenn man viel haben will
[4] die Kanzel: Ort, von dem aus der Pfarrer in der Kirche zu der Gemeinde spricht
[5] die Neujahrspredigt: Ansprache, die der Pfarrer zum neuen Jahr macht
[6] die Krux: die Schwierigkeit
[7] ausser sich sein: sehr erschreckt sein
[8] bekümmert: traurig
[9] die Tugend: eine gute Gewohnheit
[10] die Entschädigung: die Kompensation
[11] ausgedient haben: nicht mehr im Dienst sein
[12] alte Zöpfe abschneiden: alte Traditionen abschaffen
[13] die Kutsche: Wagen, der von Pferden gezogen wird

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l'Irlandais 30-03-2012 15:07
Die Sendung "Typisch Helene" höre ich regelmäßig und es gefällt mir sehr gut. Ich bin ein irischer Kerl und wohne im "Dreiländereck" , ganz in der Nähe von Basel. Danke villmal,