Typisch Helene 24: Kairo, Zeitungsärger, Wasserverbrauch (9. März 2012)


Guten Tag, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer. Heute ist der 9. März, ich begrüsse Sie ganz herzlich zur Sendung "Typisch Helene". Heute entführe ich Sie zuerst wieder einmal nach Kairo, in die Hauptstadt Ägyptens. Ich war jetzt innerhalb eines Jahres schon zum dritten Mal dort und habe so viele neue Eindrücke, dass ich Ihnen unbedingt davon berichten muss. Danach lasse ich ganz kurz meinen Ärger über unsere Schweizer Probleme raus. Und zum Schluss verrate ich Ihnen, wie viele Liter Wasser man braucht, um ein Kilo Brot oder ein Kilo Rindfleisch herzustellen. Ich hoffe, Sie geniessen die Sendung, liebe Zuhörer. Ich freue mich, sind Sie heute wieder mit dabei.



Ja, ich bin schon wieder in Kairo gewesen. Zum dritten Mal innerhalb von zwölf Monaten. Erst war ich im April, dann im Juni für eine Reportage, nun im Februar. Als meine Freundin, die halb Ägypterin, halb Jemenitin ist, und ich uns für diese Reise vorbereiteten, dachten wohl viele, wir seien verrückt. Unsere Reise war für Mitte Februar geplant. Eine Woche zuvor war es in der Stadt Port Said zur Katastrophe gekommen, als über 70 Menschen nach einem Fussballspiel ums Leben gekommen [1] waren. Es war deshalb zur Katastrophe gekommen, weil das Sicherheitspersonal, so schien es, nichts getan hatte, um die jugendlichen Fans vor Hooligans zu schützen. In der Folge davon lieferten sich Jugendliche und das Militär in Kairo blutige Strassenschlachten [2]. Die  Stimmung in der Stadt war auf dem Nullpunkt. Einen schwierigeren Zeitpunkt hätten wir uns für die Reise kaum aussuchen können, dachten wir. Aber wir wollten sie auf keinen Fall [3] verschieben. Schliesslich reisten wir ja nicht nach Kairo, um Wellness-Ferien zu machen, sondern um herauszufinden, wie es den Menschen dort ein Jahr nach der Revolution geht. Wir wollten Leute treffen, Gespräche führen, mit eigenen Augen sehen, was Sache ist. Also stiegen wir ins Flugzeug. Aber ich muss ehrlich sagen: In den ersten Stunden und Tagen war ich verwirrt und fühlte mich unsicher. Wie hatten sich das Gesicht der Stadt und die Atmosphäre verändert: Im April hatte Partystimmung geherrscht. Im Juni waren viele Menschen noch voller Euphorie und Pläne für die Zukunft. Und jetzt, jetzt lag etwas Schweres über Kairo, vielleicht sogar Depressives. Okay, das Wetter war ziemlich schlecht, es war bewölkt und kühl. Und wie wir ja alle wissen, macht schlechtes Wetter nicht gerade eine gute Laune. Aber in Kairo lag es nicht nur am [4] Wetter. Es war, als leide die Stadt an Kummer und Schmerzen: Nach den neusten Strassenkämpfen rund um den Tahrir-Platz, dem Ort, wo die meisten Proteste stattgefunden haben, sind einige Strassen mit grossen Steinen verbarrikadiert [5].
 An den Mauern der Universität zeigen Graffitis blutige Kampfszenen. Mitten auf dem Platz stehen schmutzige Zelte, Unterkünfte für Aktivisten, die mich, ehrlich gesagt, ein bisschen an jene Zelte der Protestbewegung Occupy erinnern, die man auch in Zürich sehen konnte.
Über dem Zeltlager hängen riesige Plakate, auf denen die Machthaber [6] des Militärs abgebildet sind. Und an den Strassenlampen rund um den Platz hängen Puppen am Galgen [7]. Sie stellen den ehemaligen ägyptischen Präsidenten Mubarak und den Militärchef Tantawi dar.
 Die Aussage ist klar: Man will, dass die beiden endgültig verschwinden. Doch viele Ägypter, vor allem Frauen, gehen gar nicht mehr in die Stadt, und schon gar nicht mehr in die Nähe des Tahrir-Platzes. Sie haben Angst, dass sie in Kämpfe geraten, sie haben Angst vor sexueller Gewalt und Angst, dass sie vom Geheimdienst [8] beobachtet werden. Viele haben das Gefühl, dass die Revolution in Ägypten tot ist. Und als ich auf dem Tahrir-Platz stand und mit jungen Männern redete, die mir erst noch ihre Schusswunden zeigten, hatte auch ich das Gefühl, dass hier etwas verloren gegangen ist. Aber dieses Gefühl verschwand sofort, als ich Noha wieder sah. Noha ist Kunststudentin, 25 Jahre alt, und so frisch und lebhaft wie ein Wasserfall. Wir haben uns vor einigen Jahren vor dem Opernhaus in Kairo kennengelernt, seither trinken wir immer mindestens einen Eiscafé zusammen, wenn ich in Kairo bin. Ich erzähle ihr dann das Neuste aus meinem Leben und sie berichtet mir von ihrem. "Was? Jetzt bist du auch in dieser Depro-Stimmung?", fragte sie mich, als ich meine Eindrücke vom Tahrir-Platz beschrieb. "Klar, im Moment kommen wir nicht vorwärts. Das Militär ist noch immer an der Macht, die Sicherheitslage hat sich verschlechtert, und die Menschen hier haben Angst davor, überhaupt auf die Strassen zu gehen. Aber die Revolution ist nicht tot! Nein! Im Gegenteil: Sie hat erst angefangen. Schau dir doch mal die Franzosen an. Die haben 150 Jahre gebraucht, bis sich ihre Gesellschaft nach der Revolution verändert hat, oder? Das heisst jetzt nicht, dass auch wir 150 Jahre warten wollen, aber einige Jahre müssen wir uns schon Zeit geben. Und auch  ihr im Westen müsst euch gedulden [9]. Eine Demokratie entwickelt sich doch nicht über Nacht!" Und dann erzählte sie mir mit strahlenden Augen, dass sie ein Stipendium [10] an einer berühmten Kunstakademie gewonnen hat. Dass sie es kaum erwarten kann, die Veränderungen in Ägypten als Künstlerin festzuhalten, dass sie dankbar dafür ist, in genau dieser Zeit leben zu dürfen. Danke dir, Noha! Ich habe nach unserem Gespräch viele Menschen getroffen, die genau so optimistisch sind wie sie. Und ich kann sagen: Die Energie in Kairo ein Jahr nach der Revolution ist noch immer da. Man muss nur ein bisschen nach ihr suchen.

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Ja, und so bin ich denn auch ziemlich optimistisch wieder in die sichere, saubere und im Vergleich ziemlich problemlose Schweiz zurückgekehrt. Und wissen Sie was, liebe Zuhörer? Jedes Mal, wenn ich von einer solchen Reise zurück bin, wenn ich meinen Koffer geleert habe und dankbar aufgeatmet habe, dass alles gut gegangen ist, dann beginne ich mich zu ärgern. Ja, Sie haben richtig gehört: Ich beginne mich zu ärgern. Ich ärgere mich, ja, ich werde sogar ein bisschen wütend und irgendwann werde ich müde im Kopf.

 Denn wenn ich in unseren Zeitungen lese, was uns so beschäftigt, was für Probleme wir haben, womit wir uns auseinandersetzen, muss ich den Kopf schütteln und werfe die Zeitungen dann nach wenigen Minuten unter den Küchentisch. Wir haben Sorgen wie "Soll die Schweiz die schwedischen Kampfjets kaufen oder nicht?", "Sollen Schweizer Banken im Steuerstreit mit der EU automatisch Informationen liefern?", "Sind die alten Unterkünfte der Schweizer Armee als Unterkünfte für Asylbewerber [11] zu attraktiv?" Natürlich, natürlich verstecken sich hinter all diesen Schlagzeilen wichtige Fragen, und es ist auch wichtig und richtig, dass man sie diskutiert. Aber angesichts der gigantischen Probleme, die es in anderen Ländern gibt, wie Krieg, Armut, Analphabetismus, sexuelle Gewalt in den Slums oder Korruption, müssen wir schon zugeben: Wir jammern auf einem sehr hohen Niveau. Und um immer wieder zu merken, dass wir ein doch relativ problemloses Leben haben und das auch schätzen lernen, lohnt es sich, ab und zu mal ins Flugzeug zu steigen, um eine andere Realität zu erleben.

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So, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, ich weiss, das war nun vielleicht alles ein bisschen schwer. Aber das Leben und der Alltag haben viele Facetten. Und das macht sie ja auch so spannend, oder? Zum Schluss möchte ich Ihnen nun noch einige Zahlen präsentieren, die ich unglaublich interessant finde. Ich habe vor kurzem nämlich einen Artikel über den Verbrauch von Wasser geschrieben. Und in diesem Zusammenhang bin ich auf den Begriff "virtuellen Wasserverbrauch" gestossen. Dieser Begriff kommt vom britischen Geografen Tony Allen. Er bezeichnet damit die Wassermenge, die ein Produkt benötigt, bis es den Verbraucher erreicht. Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Oder besser: Raten Sie mal: Wie viel Wasser braucht es, um ein Kilo Rindfleisch herzustellen? Na? Was glauben Sie? Vergessen Sie nicht, dass auch die Kuh selber Wasser benötigt, und auch das Gras, die Nahrung der Kuh braucht Wasser, und so weiter. Also, was denken Sie? Halten Sie sich fest: Ein einziges Kilo Rindfleisch benötigt 15'000 Liter Wasser. Hätten Sie das gedacht? Als ich diese Zahl sah, war ich sehr überrascht.  Aber es geht gleich weiter: Es braucht 4000 Liter Wasser, um ein Kilo Reis herzustellen. 1000 Liter für einen Liter Milch. 140 Liter für eine einzige Tasse Kaffee. 1000 Liter für ein Kilo Brot. Und 8000 Liter für ein Paar Jeans. Ich finde diese Zahlen wertvoll, weil sie uns zeigen, dass wir nicht einfach konsumieren sollen, ohne darüber nachzudenken, was und wie viel wir tatsächlich brauchen. Denn Wasser ist ein kostbares Gut. Um meinen Wasserverbrauch zu reduzieren, habe ich mich bis jetzt vor allem darauf konzentriert, das Wasser beim Zähneputzen nicht laufen zu lassen, nicht allzu oft zu baden, nur kurz zu duschen oder mit wenig Wasser zu kochen. Aber ab jetzt werde ich auch daran denken, wenn ich Fleisch esse oder Kaffee trinke. Nein, nein, nicht, dass ich jetzt nur noch mit schlechtem Gewissen Fleisch esse oder Kaffee trinke, aber ich finde, es ist wichtig, dass wir uns darüber bewusst sind, was wir tun.

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Und damit sind wir ans Ende unserer Sendung angelangt, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer. Ich hoffe, Sie sind dann am 23. März wieder mit dabei, hier, auf www.podclub.ch. Dann erzähle ich Ihnen unter anderem von den wilden Tieren in der Schweiz. Bis dahin wünsche ich Ihnen eine super Zeit. Tragen Sie Sorge zu sich. Ich freue mich auf Sie!




[1] ums Leben kommen: sterben
[2] sich Strassenschlachten liefern mit: in den Strassen kämpfen mit
[3] auf keinen Fall: ja nicht
[4] liegen an: Grund sein für
[5] verbarrikadieren: abgesperrt
[6] die Machthaber: die, die die Macht haben
[7] der Galgen: Strick, an dem man Menschen aufhängt, eine Exekutionsmethode
[8] der Geheimdienst: der Secret Service
[9] sich gedulden: geduldig sein
[10] Stipendium: ein bezahltes Studium
[11] der Asylbewerber: Person, die um Asyl bittet

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Chad 11-03-2012 09:18
...bitte entschuldigen Sie mir, dass ich ihre Name falsch buchstabiert habe, Helene! Auch für die andere Fehler...besten Dank, Chad
Chad 11-03-2012 09:02
Liebe Helen, ich höre sehr gerne ihre Sendungen weil ich meine Schweizerdeutsc h Verständnis verbessern will. Auch inhaltliche freue ich mich sehr, wenn Sie über aktuellen Themen mit frischem und gesundem Perspektiv erzählen. Die Erzählungen über Ägypten und dazugehörige Vergleich mit dem Leben in der Schweiz freuen mich besonders. Vielen Dank, Chad aus dem Zürich Unterland, Australische Staatangehörige r