Typisch Helene 52: Cyberchonder, Alpsegen, Bienen in der Stadt (21. Mai 2012)


Guten Tag, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, hallo und herzlich willkommen zur Sendung "Typisch Helene". Heute haben wir den 21. Mai, ich freue mich, dass Sie wieder mit dabei sind. Und heute habe ich folgende Themen für Sie bereit: Wir starten mit einem Abstecher [1] in die Welt des Internets, in die Cyberwelt und reden über Cyberchonder. Was ein Cyberchonder ist, erkläre ich Ihnen gleich. Danach erzähle ich Ihnen vom Alpsegen, einem uralten Schweizer Brauch [2]. Und zum Schluss verrate ich Ihnen noch, warum es in unseren Städten immer mehr Bienen gibt. Und ja: Vergessen Sie nicht: Bis Ende Mai läuft noch unser Wettbewerb zu meiner 50. Sendung. Beantworten Sie einfach die Frage: "Welchen Beruf hat Helene?", gehen Sie auf www.podclub.ch und geben Sie die richtige Antwort unter der Rubrik "Verlosung" ein. Zu gewinnen gibts einen Korb mit unglaublich leckeren Schweizer Spezialitäten. Machen Sie also unbedingt mit. Es lohnt sich!



Als ich vor kurzem mit einem Arzt telefonierte, weil ich für einen Artikel Informationen brauchte, erzählt er mir plötzlich von Patienten, die Cyberchonder sind. Ich stutzte [3]: Cyberchonder - diesen Begriff hatte ich noch nie gehört. Ich kenne nur "Hypochonder", das sind Menschen, die zwar kerngesund sind, sich aber einbilden [4], schwer krank zu sein. Der Arzt erklärte mir, dass Cyberchonder genau so wie Hypochonder Angst haben, schwer krank zu sein, nur dass sie mögliche Krankheitssymptome nicht in Büchern nachschlagen [5], sondern im Internet danach suchen und dabei auf fürchterliche Krankheiten stossen. Stellen Sie sich also vor, liebe Zuhörer, Sie haben Kopfschmerzen. Keine schlimmen Schmerzen, aber doch so, dass Sie dadurch ein bisschen beunruhigt sind. Was nun? Hmmm, Sie könnten spazieren gehen und hoffen, dass die Kopfschmerzen dadurch verschwinden. Oder Sie nehmen ein Medikament und vergessen Ihren Kopf. Oder - Sie haben plötzlich das unangenehme Gefühl, dass die Kopfschmerzen nicht einfach bloss Kopfschmerzen sind, sondern ein Symptom für eine Krankheit, von der Sie nicht wissen, dass Sie sie haben. Und was tun Sie dann? Sie setzen sich an Ihren Computer, geben den Suchbegriff "Kopfschmerzen"  oder vielleicht sogar "Ursachen für Kopfschmerzen" ein, drücken auf "enter" und warten ängstlich darauf, was Google so alles finden wird. Und was findet Google? Alles über die Symptome von Multipler Sklerose, seltenen Migräneformen  - und Hirntumoren. Vor allem von Hirntumoren. Natürlich lesen Sie alle Informationen ganz genau durch und sind danach überzeugt, dass Sie todkrank sein müssen. Sie stellen sich vor, was Sie in den letzten Wochen Ihres Lebens noch alles tun wollen: Genügt es noch für eine kleine Weltreise? Lohnt es sich jetzt noch, den ungeliebten Job zu wechseln? Ach, ist das alles schrecklich! Warum gerade dies? Warum gerade jetzt? Warum gerade ich? Und Sie gehen mit furchtbarem Kummer im Herzen zu Bett.

Am nächsten Morgen entdecken Sie beim Zähneputzen, dass die Kopfschmerzen weg sind. Sie sind verschwunden. Ihnen geht es wieder prächtig [6]! Aber anstatt erleichtert zu sein und sich darüber zu freuen, bleiben Sie misstrauisch [7]: Das kann nicht sein, denken Sie. Solche Symptome verschwinden nicht einfach so. Und Sie setzen sich wieder an den Computer und googlen erneut. Bis Sie gefunden haben, wonach Sie suchten. Vielleicht war es zwar wirklich kein Hirntumor. Sehr wahrscheinlich waren die Schmerzen aber der Anfang eines Hirnschlags, oder vielleicht von Parkinson - oder vielleicht hat Ihnen jemand sogar ein Chip ins Gehirn eingepflanzt, ohne dass Sie es gemerkt haben. Vielleicht ist es das, was Sie nun spüren? Vielleicht will man Sie überwachen?  Aber warum bloss? Wer könnte so was tun wollen? Fragen über Fragen. Und Sie setzen sich wieder hin und suchen nach Antworten. Und Sie werden immer wieder neue finden.

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Ich hoffe ja, liebe Zuhörer,  dass Sie nicht zu den Cyberchondern gehören. Ich vermute, die leiden nämlich sehr darunter, ständig auf der Suche nach dem Allerschlimmsten zu sein. Es gibt übrigens in der norwegischen Stadt Bergen einen Professor für Hypochondrie. Es soll auf der ganzen Welt der einzige Lehrstuhl [8] für diese Thematik sein. Er therapiert Hypochonder und wird somit sicher auch Cyberchonder therapieren. Ich werde ihn mal anrufen. Das könnte ein interessantes Interview werden. Aber jetzt überlassen wir die Cyberchonder sich selbst und gehen zu unserem nächsten Thema, auf das ich übrigens auch über einen Beitrag gestossen bin: Dem Alpsegen. Der Alpsegen ist in den katholischen Berggegenden der Schweiz eine jahrhundertealte Tradition. Genauer  gesagt, gibt es ihn schon seit 1411. Der Alpsegen ist ein Gebetsgesang, der zum Schutz von Alpen und Tieren gesungen wird. Und diese Gesänge ertönen bis heute an Sommerabenden vom Säntis bis zum Pilatus, vom Sarganserland bis ins Entlebuch und ins Lötschental. In reformierten Bergkantonen wurde der Alpsegen als etwas Heidnisches, etwas Gottloses, betrachtet und verboten. Wer gegen dieses Verbot verstiess, riskierte schwere Strafen. Meistens werden diese Gebete von Männern gesungen, von Älplern [9]. Aber es gibt auch eine Frau, eine Älplerin, die seit ihrer Kindheit den Alpsegen singt. Sie heisst Mina Inauen, ist heute 61 Jahre alt und lebt im Kanton Appenzell. In den Sommermonaten ist sie auf der Alp und hilft ihrem Mann mit den Kühen und dem Heuen [10]. Und jeden Tag, wenn die Sonne untergegangen ist und die Abenddämmerung [11]  langsam anbricht, nimmt Mina Inauen ihren hölzernen Milchtrichter [12] vom Nagel, geht auf die Wiese und erhebt ihre sonore [13] Stimme zum Alpsegen. Damit zieht sich ein magischer Kreis um die Alp am Sämtisersee auf 1200 Metern über Meer. Ein Schutzkreis, der alles Böse abwehrt und die guten Kräfte herbeiruft, damit sie für die Nacht Wache halten: Gott und Maria. Den heiligen Antoni, Beschützer des Borstenviehs [14]. Sebastian, Bewahrer vor Seuche und Krankheit. Moritz, den Patron des Appenzell. So will es die Tradition. Und daran glaubt auch Mina Inauen. Als ich vom Alpsegen und Mina Inauen hörte, schloss ich die Augen und versuchte mir ihre Stimme vorzustellen, die Berge, die Weiden, den Himmel und den Geruch des Grases. Und ich wollte sofort in den Zug und ins Postauto steigen und auf diese Alp im Appenzell fahren. Noch habe ich es nicht getan. Aber bald. Vielleicht schon nächsten Monat. Ich werde Ihnen davon erzählen.

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Und nun zum Schluss noch folgendes, liebe Zuhörer:  An welche Tiere denken Sie, wenn Sie das Wort "Haustiere" hören? Als erstes denken Sie sicher mal an Hunde und Katzen, dann vielleicht an Meerschweinchen, Kaninchen, Papageien und Fische - und die ganz mutigen unter Ihnen denken vielleicht an Schlangen, Frösche und Ratten. Vielleicht aber müssen Sie nun auch Bienen zu den Haustieren mitzählen. Ja, Sie haben richtig gehört: Bienen. In Schweizer Städten summt [15] es nämlich immer stärker, weil immer mehr Menschen zu Hause im Garten einen Bienenstock haben. Lachen Sie nicht, das ist tatsächlich so. "Urban Beekeeping" heisst das neue Hobby, Imkern [16] in der Stadt. Und das ist gar nicht so merkwürdig, wie es erst erscheinen mag. Stadtbienen geht es nämlich verhältnismässig gut. Denn in der Stadt gedeiht [17] eine Pflanzenwelt, die für Bienen ideal ist - sofern in Parks und auf Balkonen ohne giftige Pflanzenschutzmittel gegärtnert [18] wird. Zum Teil geben die Bienen in der Stadt sogar schon mehr Honig als die Bienen auf dem Land. Denn wegen der intensiven Landwirtschaft haben die fleissigen Tiere an vielen Orten zu wenig Nahrung. Das macht doch Sinn, oder? Also, ich finde Stadtbienen was Wunderbares. Selbst Michelle Obama soll im Garten des Weissen Hauses  einen Bienenstock haben. Höchste Zeit also, sich über den eigenen Bienenstock mal Gedanken zu machen!

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Und mit den Stadtbienen sind wir ans Ende unserer Sendung angelangt, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer. Das nächste Mal wandern wir über eine Sommerweide und schnuppern an verschiedenen Alpenkräutern. Zudem erzähle ich Ihnen von meinem Abstecher nach Brüssel. Wir hören uns also wieder am 1 Juni, hier, auf www.podclub.ch. Bis dahin wünsche ich Ihnen eine wunderschöne Zeit. Auf Wiederhören!




[1] der Abstecher: kleine Reise
[2] der Brauch: Tradition
[3] stutzen: innehalten, stoppen
[4] sich einbilden: glauben
[5] nachschlagen: suchen nach
[6] prächtig: super
[7] misstrauisch: Schlimmes befürchten
[8] Lehrstuhl: eine Stelle für einen Professor an der Universität
[9] der Älper: Mann, der auf einer Alp arbeitet.
[10] das Heuen: trockenes Gras, das Heu, zusammentragen
[11] die Abenddämmerung: wenn es abends dunkel wird
[12] der Milchtrichter: dreieckiges Gefäss, das für Milch verwendet wird
[13] sonor: tief
[14] das Borstenvieh: Schweine
[15] summen: das Geräusch der Bienen
[16] das Imkern: Bienen züchten; sich um Bienen kümmern
[17] gedeihen: wachsen
[18] gärtnern: im Garten arbeiten

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Holzmann 26-05-2012 13:31
Bis zum nächsten mal. Danke sehr für alles. Liebe Grüsse aus Argentinien.
l'Irlandais 22-05-2012 11:13
Bis zum nächsten Mal viele Grüße aus Frankreich.