Typisch Helene 53: Trip nach Brüssel, essbare Blumen, Hass auf den ersten Blick (1. Juni 2012)


Guten Tag, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, herzlich willkommen zur 53. Sendung von "Typisch Helene". Heute ist der 1. Juni, ein wunderschönes Datum; ein Datum, das nach Sommer und Sonne riecht und uns bereits in Ferienstimmung versetzt. Und - es ist auch das perfekte Datum, um wieder ein Jubiläum zu feiern: Unser Podcaster Gareth Hughes aus Wales, alias Gerry, geht heute nämlich zum 100. Mal beim Podclub auf Sendung. Zum 100. Mal werden nun also "Gerry's Diary" und "Gerry's News Digest" zu hören sein. Zum 100. Mal können sich seine Zuhörerinnen und Zuhörer über seine Geschichten amüsieren, etwas Neues lernen, neue Fakten, neue Wörter und Redewendungen. Da können wir nur sagen: Herzliche Gratulation, congratulations, und herzlichen Dank für deine grossartige Arbeit, Gareth!



Jetzt verrate ich Ihnen aber, was Sie heute bei "Typisch Helene" hören werden: Zuerst rapportiere ich Ihnen von meinem Trip in die belgische Hauptstadt. Danach geht's um  Blumen, die man essen kann, und zum Schluss wird's finster: Ich erzähle Ihnen nämlich von Hass auf den ersten Blick. Sind Sie bereit? Dann legen wir los!

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Letzte Woche, liebe Zuhörer, bin ich Hals über Kopf [1] nach Brüssel gereist. Am Donnerstag kam mein Chef zu mir und fragte: "Du, hast du am Montag und Dienstag wichtige Termine?" - "Ähh... ich habe immer wichtige Termine." - "Ich meine, Termine, die du unmöglich verschieben kannst." - "Ähh.... nein. Ich könnte alles verschieben. Aber sag mir, um was geht es denn? Du tust so geheimnisvoll." - "Ach, es ist nicht so aufregend. Ich wollte dich nur fragen, ob du am Montag nach Brüssel reisen kannst." - "Nach Brüssel?" - "Ja, nach Brüssel. Dort findet am Montag Abend eine Konferenz zum Thema Frauenquote statt. Und da wir eine grosse Geschichte dazu planen, finde ich, dass du dort dabei sein solltest." Ich schaute meinen Chef an und seufzte. Am Montag Abend habe ich doch immer meinen geliebten Arabischunterricht, ich sollte zwei Texte fertig schreiben und zudem wollte ich am Dienstag Abend Freunde zum Dinner einladen. Und Brüssel, das ist nun wirklich nicht mein allerliebstes Reiseziel. "Du kannst natürlich auch "nein" sagen", sagte mein Chef, als er sah, dass ich zögerte. "Ich meine, du musst nicht. Aber es wäre natürlich schon sehr gut, wenn du an dieser Konferenz dabei sein und alle wichtigen Leute kennen lernen könntest." Ich seufzte noch einmal tief und strich dann in meinen Gedanken alle Termine durch. "Klar. Kein Problem. Ich reise nach Brüssel, falls ich einen Flug finde, der nicht allzu teuer ist, okay?", sagte ich. Mein Chef nickte und verschwand. Zuerst sah es dann aber so aus, als könnte ich meine Reisepläne vergessen. Denn der direkte Flug von Zürich nach Brüssel kostet 1730 Franken. Und das ist natürlich viel zu teuer. Aber dann fand ich eine ungewöhnliche Kombination: Ich würde nach Paris fliegen und dann von dort aus mit Zug nach Brüssel fahren. Diese Reise dauert zwar dreimal länger, als der direkte Flug, aber dafür war sie auch dreimal billiger. Ich fragte mich ja schon, ob das funktionieren würde. "Aber ohne Risiko, kein Spass", sagte ich mir - und stieg dann sehr früh am Montag Morgen ins Flugzeug.
 Und wissen Sie was, liebe Zuhörer? Ich war vier Stunden später schon in meinem Hotel in Brüssel. Ich war so begeistert und fühlte mich so frisch, dass ich meine Koffer schnell ins Zimmer stellte und sofort auf  Entdeckungstour ging. Nach etwa einer halben Stunde kam ich an einen riesigen Platz mit wunderschönen historischen Gebäuden und vielen Restaurants. Der Platz und die Restaurants waren voller Touristen, die genüsslich [2] Bier tranken und Frites assen, die Sonne schien warm, ich war bester Laune - und dann, dann hatte auch ich plötzlich grosse Lust auf ein Bier. Belgien ist ja berühmt für seine vielen Biersorten, warum also, sollte ich mir nicht ausnahmsweise mal eines gönnen [3]? Normalerweise trinke ich Bier oder Wein nie ohne Gesellschaft, dies war nun eine Ausnahme [4]. Ich bestellte mir also einen Käse-Speck-Kuchen und ein Glas Leffe [5] und fühlte mich grossartig. Nach fünf Schlucken Bier merkte ich dann zwar, dass mir ein bisschen schwindlig wurde, aber das beachtete ich nicht weiter. Doch dann wurde ich immer müder und müder, ich schleppte mich [6] mit schweren Beinen ins Hotel zurück und legte mich halb ohnmächtig [7] aufs Bett. Ich geriet in Panik: Wie um Himmels Willen sollte ich nun bloss die Konferenz überstehen? Ich stand wieder auf, ging ins Badezimmer, hielt meinen Kopf unter das eiskalte Wasser, trank eine Coca Cola, zog mir meine Businessjacke an, schleppte mich zum Konferenzgebäude und schimpfte mit mir, weil ich zum Mittagessen ein Bier getrunken hatte. Im Konferenzsaal war es erst noch dunkel, und ich hatte furchtbare Angst, dass ich einschlafen könnte. Aber Gott sei Dank blieb ich wach. Ich überstand die Konferenz und den Apéro danach, ohne dumme Fragen zu stellen oder komische Sachen zu sagen, und ich habe alle wichtigen Personen getroffen und alle Visitenkarten bekommen, die ich brauchte. Aber etwas habe ich mir geschworen: In Zukunft werde ich Bier nur noch nach Feierabend [8] trinken!

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Ich hoffe, ich habe Sie nun mit meiner Müdigkeit nicht angesteckt. Wir wechseln sicherheitshalber sofort das Thema und kommen zu etwas eher Ungewöhnlichem: Zu Blumen, die man essen kann. Ich hatte Ihnen im letzten Podcast zwar angekündigt, dass wir heute über eine blühende Alpweide wandern werden, aber als ich in der Zeitschrift Beobachter Natur die Geschichte mit den essbaren Blumen sah, war ich so begeistert, dass ich Ihnen unbedingt davon erzählen wollte. Vielleicht haben Sie auch schon Blumen auf Ihrem Teller gehabt und waren verwirrt: Sind die nun essbar oder nur Dekoration? Ich erlebe in Restaurants ab und zu mal, dass Blumen als Dekoration verwendet werden und traue mich nicht, die zu essen. Ich bin doch keine Kuh, denke ich mir dann.  Aber Tatsache ist: Die Blumen auf dem Teller sind zum Essen da! Denn diese Blüten können so süss sein wie Honig, so würzig wie Pfeffer oder so erfrischend wie Gurken. Schon unsere Urgrossmütter [9] und die alten Römer haben Blüten zum Kochen gebraucht, und vielleicht wussten sie sogar eher als wir heute, dass man in Europa etwa 1500 Pflanzen kennt, deren Blüten man essen kann. Da sind zum Beispiel die Rosenblüten. Die schmecken wie Parfüm, mild und süsslich und passen super zu Panna Cotta, zu Frischkäse oder auch in Risotto. Oder die Ringelblume: Sie ist gelb-orange und wird deshalb auch "Safranrose" genannt. Sie schmeckt würzig [10], fast ein bisschen wie Schnittlauch [11]. Köche brauchen sie zu Poulet, Fisch, Käse oder zu Salat. Und ganz besonders schön und fein ist die Kapuzinerkresse: Diese Blüten sind scharf und pfeffrig und eignen sich hervorragend für Suppen, Quark, Kartoffelgerichte und auch für Fleisch und Fisch vom Grill. Hmm, mir läuft das Wasser im Mund zusammen [12], wenn ich mir all diese herrlichen Gerichte [13] nur schon vorstelle. Ich glaube, ich werde nun gleich auf den Markt gehen und mir ein paar schöne Blätter aussuchen und dann vielleicht ein Risotto mit Rosenblättern kochen. Oder vielleicht lieber ein Stück Fleisch grillieren und mit Kapuzinerkresse garnieren? Ach, welch wunderbar schwierige Entscheidungen!

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Und jetzt zum Schluss noch folgendes, liebe Zuhörer: Vor einigen Tagen ist mir etwas ganz Merkwürdiges passiert. Ja, es war geradezu bizarr. Ich ging spontan mit meiner Freundin Karin nach der Arbeit etwas trinken, und als sie mich fragte, ob ich danach mit ihr und ihrem Bekannten zum Essen mitkommen wolle, sagte ich spontan zu. Eigentlich hätte ich nach Hause gehen wollen, um einen Text fertig zu schreiben, aber essen muss man ja sowieso, sagte ich mir, warum also nicht gleich in Gesellschaft? Wir trafen Karins Bekannten an einer Tramhaltestelle. Er hatte noch ein paar Freunde mitgenommen, die wohl genauso spontan mitgekommen waren, wie ich, zwei Frauen und ein Mann. Der Mann war nett, seine Partnerin ebenso, aber die zweite Frau schien irgendwie aus dem Rahmen zu fallen [14]: Ich glaube, sie muss mich von der ersten Sekunde an gehasst haben.  Sie schaute mich finster an, begrüsste mich kaum, reichte mir nicht einmal die Hand und wendete sich sofort von mir ab. Ich beachtete dies anfänglich nicht, sie kam mir vor wie ein Kind, das wütend war, weil man ihm das Spielzeug weggenommen hatte. Aber dann, im Restaurant, bemerkte ich, wie sie mich böse ansah, sich weigerte, mit mir anzustossen, sie sass da mit zusammengekniffenen Lippen. Ich verstand die Welt nicht mehr. So etwas hatte ich noch nie erlebt. Weder in den Slums von Kairo, noch in finsteren [15] Strassen im Jemen, noch bei Reportagen in Gefängnissen für Schwerverbrecher [16] oder in psychiatrischen Kliniken. Was die wohl bloss hatte? Warum diese Reaktion? Hatte ich etwas Falsches gesagt? Eine falsche Bewegung gemacht? Hatte ich einen zu blauen Mantel an? Zu blonde Haare? Eine zu grosse Nase? Bin ich auf dem falschen Platz gesessen? Ich hätte am liebsten über sie gelacht, wenn sie mir nicht den Appetit verdorben hätte. Vielleicht gibt es so etwas wie Hass auf den ersten Blick, überlegte ich mir, so, wie es auch Liebe auf den ersten Blick gibt. Aber warum? Was an mir weckt spontanen Hass bei einem anderen Menschen? Ich weiss es bis heute nicht. Ich bin gegangen, bevor die anderen mit dem Essen fertig waren. Diese Begegnung hat mich noch einige Tage lang beschäftigt. Ich glaube, ich werde noch ein bisschen recherchieren, um herauszufinden, was dahinter steckt.

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Und nach dieser doch eher unheimlichen Geschichte, kommen wir jetzt ans Ende unserer Sendung, liebe Zuhörerinnen und Zuhörern. Wir hören uns wieder am 15. Juni, hier, auf www.podclub.ch. Dann geht es unter anderem um das Pro und Contra von Polterabenden [17]. Ich hoffe, Sie treffen bis dahin nicht auf finstere Prinzessinnen, sondern auf viele feine Blüten auf dem Tellerrand. Geniessen Sie die Zeit! Auf Wiederhören!




[1] Hals über Kopf: plötzlich, sehr schnell
[2] genüsslich: mit viel Genuss
[3] sich etwas gönnen: sich etwas erlauben
[4] die Ausnahme: eine ungewöhnliche Situation
[5] Leffe: belgische Biersorte
[6] sich schleppen: langsam gehen
[7] ohnmächtig: bewusstlos
[8] der Feierabend: nach der Arbeit
[9] die Urgrossmutter: die Mutter der Grossmutter
[10] würzig: kräftig schmecken
[11] der Schnittlauch: Kraut, das aussieht wie Lauch und vor allem für Salat verwendet wird
[12] das Wasser läuft mir im Mund zusammen: Appetit bekommen
[13] das Gericht: die Speise
[14] aus dem Rahmen fallen: anders sein als die anderen
[15] finster: dunkel, düster
[16] der Schwerverbrecher: ein Verbrecher, der eine ganz schlimme Tat begangen hat
[17] der Polterabend: Party für die Braut und den Bräutigam vor der Hochzeit

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Gerry 13-06-2012 00:45
Liebe Helene Vielen Dank für deinen liebevollen Gruss und deine Gratulation. Ich wünsche dir auch alles Gute und freue mich schon auf deine hundertste Sendung! All the best Gerry/Gar eth