Typisch Helene 54: Polterabende, Graffiti in Sanaa, Gipfeltreffen (15. Juni 2012)


Guten Tag, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, herzlich willkommen zur Sendung "Typisch Helene". Heute haben wir den 15. Juni, schön, sind Sie wieder mit dabei. Wir befinden uns ja zur Zeit mitten in der Fussball Europameisterschaft. Aber, wie Sie vielleicht wissen, ist die Schweiz diesmal leider nicht dabei. Wie hatten wir bis zum letzten Moment gehofft, dass es doch noch klappen [1] würde, aber dann sind wir in den entscheidenden Spielen einfach zu schlecht gewesen. Ach, welche Misere! Irgendwie sehr schade. Es wäre doch zu schön gewesen, jetzt mit der Schweizer Nationalmannschaft mitfiebern [2] zu können. Natürlich unterstützen wir nun Spanien oder England, Holland oder Schweden, sind vor dem Fernseher dabei, verpassen keinen Match - aber so total euphorisch sind wir trotzdem nicht. Die Schweizer Nati fehlt halt schon. Aber: Da gibt es nur Eines: Sich immer wieder mal vom Fussball ablenken und sich auf etwas konzentrieren, das im Moment wirklich Hochsaison hat. Und das sind jetzt die Hochzeitspaare. Wir reden also zuerst über das Fest, an dem sich Braut und Bräutigam von ihrem Leben als Single verabschieden - über den Polterabend.  Danach erzähle ich Ihnen von Murad Sobay, einem jungen Graffiti-Künstler, den ich während meines letzten Besuchs in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa kennengelernt habe. Und zum Schluss geht es noch um ein Gipfeltreffen der besonderen Art. Lassen Sie sich überraschen!



Das haben Sie sicher auch schon erlebt, liebe Zuhörer: Da spazieren Sie gemütlich durch die Stadt, schauen sich die Schaufenster an, sind ganz in Gedanken versunken [3], da kommt plötzlich eine Gruppe junger Frauen auf Sie zu. Die Frauen tragen lustige Hüte und Kleider und sind so extrem geschminkt, dass Sie in den ersten Sekunden denken, dass Karneval sein muss, Sie aber nichts davon gewusst haben. Dann stellt sich eine der jungen Frauen vor Sie hin und hält Ihnen eine Dose Bonbons unter die Nase: "Hallo! Möchten Sie einen Bonbon?", fragt sie. Sie schütteln überrascht den Kopf. "Heissen Sie zufälligerweise Müller?" Sie schütteln wieder den Kopf, während die anderen Mädchen kichern und johlen. "Ach, wie schade", sagt die junge Frau. "Ich muss nämlich bis zu meiner Hochzeit morgen zwanzig Menschen finden, die Müller heissen." Ihre Freundinnen kichern noch lauter, "hihihi", und tanzen um die Braut, und dann zieht das ganze Gespann [4] weiter. "Viel Glück zur Hochzeit!", wollen Sie ihnen noch hinterher rufen, aber da sind sie schon verschwunden. "Uff", denken Sie, "was um Himmels Willen war denn das?" Das waren junge Frauen, die am Poltern sind, die den Polterabend ihrer Freundin feiern. Der Polterabend ist das Fest vor der Hochzeit und in der Schweiz sehr beliebt. Es ist das Fest, an dem die zukünftige Braut und ihr Ehemann, der zusammen mit seinen Freunden feiert, noch einmal so richtig die Sau rauslassen [5] können. An dem sie Dinge tun dürfen, die man als brave Eheleute nicht mehr tun sollte: Grölend [6] durch die Strassen ziehen, in Strip-Lokale gehen, wie Stripteasetänzerinnen an der Stange tanzen, die ganze Nacht in einem Club verbringen und noch einmal so richtig viel Bier trinken. Natürlich macht man dies alles auch nach der Hochzeit, und zwar immer wieder, solche Sachen hören nie auf, aber die Tradition des Polterabends lebt vom Gegensatz: Heute Abend total wild, morgen brav im weissen Kleid in der Kirche.

 Na ja, ehrlich gesagt, finde ich Polterabende total überflüssig. Sollte ich jemals heiraten, würde ich meinen Freundinnen sogar verbieten, einen Polterabend für mich zu organisieren. Lieber verschwinde ich für dieses Geld irgendwo in ein schönes Hotel. Klar, ich habe nichts gegen ein schönes, gediegenes Fest. Als meine Schwester heiratete, gingen wir erst an einen wunderschönen Ort am Vierwaldstättersee in Luzern, wo wir Wein degustierten [7], danach fuhren wir mit einer Limousine in ein kleines Schlosshotel, um zu dinieren. Das war super, und alle waren glücklich. Ich bin sicher, meine Schwester hätte es uns nie verziehen, wenn wir sie gezwungen hätten, in den Gassen Luzerns nach Meiers und Müllers zu suchen. Aber - die Geschmäcker sind verschieden, jeder kann tun und lassen, was er will - solange er anderen damit nicht all zu sehr auf die Nerven geht.

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Ja, und nach den polternden Damen kommen wir nun zu etwas ganz anderem, liebe Zuhörer. Schliessen Sie die Augen und machen Sie in Gedanken einen grossen Sprung Richtung Osten, in den Jemen. Ich habe Ihnen ja schon bereits einiges von meinen Reisen nach Sanaa erzählt, von meinem Interesse und meiner Leidenschaft für dieses Land. Nun habe ich eine weitere Geschichte für Sie bereit. Eine Geschichte, die mir sehr am Herzen liegt, weil sie zeigt, dass es im Jemen nicht nur politische Unruhen, Terror und Entführungen [8] gibt, sondern vor allem auch eine Bevölkerung, Frauen und Männer, die mit viel Mut und Engagement darum kämpfen, einen normalen Alltag zu haben. Einer dieser Menschen ist Murad Sobay. Murad ist 24 Jahre
alt, in Sanaa geboren und hat Englisch studiert. Seit er denken kann, hat er gemalt.


Er malte vor allem abstrakte Kunst, aber auch Menschen und Gesichter. Am Tag nach seiner letzten Prüfung an der Universität, hatte er eine Idee: Er wollte Mauern in der Stadt mit Graffitis bemalen. Und zwar ganz besonders Mauern, die sich in Gebieten befinden, in denen während der Revolution in Sanaa gekämpft worden ist. Graffitis gab es im Jemen bis zu diesem Zeitpunkt nur, um Schulen oder Geschäfte mit Werbung [9] zu bemalen, aber als eigene Kunstform gab es Graffitis noch nicht. Murad ist somit der allererste Graffiti-Künstler seines Landes. Ich traf ihn an der Kentucky Street in Sanaa. Hinter uns fahren Pick-up Trucks vorbei, an der Kreuzung stehen Soldaten, die Fenster der Gebäude um uns herum sind zerschossen. Murad Sobay begrüsst mich, tritt dann einige Meter von der Mauer zurück und betrachtet sein Werk: Es zeigt eine Gruppe von farbigen Figuren neben grauen Gestalten. Es sind Symbole für die Vielfalt der Menschen seines Landes, gegenüber dem Grau fundamentalistischer Einflüsse. Murad will mit seinen Graffitis Farbe und Optimismus verbreiten. "Der Jemen ist ein trauriges Land", sagt er, "und unsere Zukunft ist unsicher. Aber ich will zeigen, dass wir Jemeniten trotz allem eine Chance haben, dass in uns die Kraft steckt, Unglück und Finsternis in etwas  Schönes zu verwandeln. Und ich will, dass es in unserem Land eines Tages mehr Farben geben wird, als Waffen."

Seine Worte haben mich sehr bewegt. Und nicht nur mich: Zuerst reagierten die Leute misstrauisch [10] auf die Grafftis, und viele Passanten wollten, dass Murad von der Mauer verschwindet. Aber bald darauf kamen immer mehr Menschen, um ihm beim Malen zuzusehen und ihm zu helfen. Es kamen Kinder, Studentinnen, Lehrerinnen, Soldaten, Politiker, ja sogar radikale Islamisten. Viele begannen nicht nur selber zu malen, sondern brachten auch Farben und Spraydosen mit. Grossartig! Inzwischen ist Murad in Sanaa zu einem kleinen Star geworden. Zeitungen und Fernsehstationen berichten über ihn. Und ich, ich arbeite nun fest daran, ihn auch hier in der Schweiz bekannt zu machen.

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Und nun zum Schluss noch dies, liebe Zuhörer. Es gibt ja in der deutschen Sprache den Begriff "Gipfeltreffen". Damit bezeichnet man ein Treffen von wichtigen Personen, von Menschen, die ganz oben auf dem Gipfel stehen. Das können zum Beispiel Politiker sein, Regierungschefs, hochrangige [11] Militärs oder Funktionäre. Nun gibt es aber auch eine vollkommen andere Art des Gipfeltreffens. Und darauf brachte mich eine schwedische Freundin, die ich letzte Woche in Göteborg besuchte. "Bitte, bring mir einige Pakete bester Schweizer Gipfel zum Aufbacken [12] mit", schrieb sie mir vor meiner Abreise. "Und bitte, achte darauf, dass es keine Vollkorngipfel sind. Sie müssen date-tauglich [13] sein!" "Date-tauglich"? Was das wohl bloss heissen sollte? Ich überlegte aber nicht weiter, sondern eilte ins nächste Geschäft und kaufte drei Pakete Aufbackgipfel.
 Insgesamt waren es 18 Gipfel, die ich von Zürich nach Göteborg transportierte. Natürlich hätte es auch in Göteborg Aufbackgipfel gegeben, aber da meine Freundin echte Schweizer Originale wollte, importierte ich sie. Und das tat ich gerne. Aber, "date-tauglich"? Ich schüttelte noch immer verwundert den Kopf.

Als ich meine Freundin dann traf und ihr die Gipfel überreichte, konnte ich sie endlich fragen: "Du, sag mal, wofür brauchst du alle diese Gipfel? Und was meinst du mit "date-tauglich"? Meine Freundin kicherte und errötete [14]. "Hmm, na ja, weisst du, ich habe in meinen Ferien vier extrem tolle Männer kennengelernt, die ich nun noch einmal treffen werde. Und stell dir vor: Sie kommen alle zu mir nach Göteborg auf Besuch. Nicht alle auf einmal, natürlich, sondern einer nach dem anderen. Und ich habe gedacht, ich lade sie auf Gipfel und Kaffee ein. Das ist doch mal was anderes, oder?" Wow, nicht schlecht! Gleich vier tolle Männer! Ich muss sagen, das war eine reife Leistung. Und den Mann dann auch auf einen Gipfel einladen, das hat Stil. "Das werden ja wahre Gipfeltreffen!", sagte ich schmunzelnd. "Ich finde, das ist eine hervorragende Idee! Wer dir gefällt und sich gut benimmt, bekommt vielleicht sogar zwei Gipfel. Wer sich aber daneben benimmt [15], bekommt keinen Gipfel mehr. Vielleicht höchstens noch ein paar Krümel [16]." Meine Freundin bog sich vor Lachen [17]. "Das ist gut!", sagte sie. "Vom Gipfelstürmer [18] zum Krümelmonster [19]! Wir geben dem Gipfel jetzt eine ganz neue Bedeutung!" Und so ist es auch: Schweizer Gipfel als Messlatte [20] für ein Treffen mit einem Mann. So kann ein Stück Brot heute also Karriere machen!

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Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, über den Polterabend, Graffiti-Kunst im Jemen und Schweizer Gipfel in Schweden, sind wir ans Ende unserer Sendung gelangt. Das nächste Mal hören wir uns wieder am 29. Juni, hier, auf www.podclub.ch. Dann wird's ganz schön sommerlich: Dann gehts unter anderem um die schönsten Badeplätze der Schweiz. Bis bald, also. Geniessen Sie die Zeit. Und ja: Vielleicht können Sie ja mit Ihrer Mannschaft an der Fussball-EM mitfiebern! Viel Spass dabei! Auf Wiederhören.




[1] klappen: funktionieren
[2] mitfiebern: mitleiden, emotional mit dabei sein
[3] in Gedanken versunken sein: etwas überlegen
[4] Gespann: Gruppe
[5] die Sau rauslassen: wild und übermütig sein
[6] grölend: laut
[7] degustieren: testen, probieren
[8] die Entführung: Kidnapping
[9] die Werbung: Reklame
[10] misstrauisch: ungewohnt gegenüber etwas Neuem
[11] hochrangig: einen hohen Rang, eine hohe Position haben
[12] aufbacken: Backwaren, die noch nicht fertig gebacken sind, legt man zum Aufbacken, zum Fertigbacken in den Ofen
[13] tauglich: taugen für etwas, gut genug sein
[14] erröten: rot werden
[15] sich daneben benehmen: sich nicht gut benehmen
[16] die Krümel: Brosamen
[17] sich vor Lachen biegen: stark lachen
[18] der Gipfelstürmer: jemand, der sehr schnell auf den Berggipfel geht
[19] das Krümelmonster: ein Monster, das sich von Brosamen ernährt
[20] die Messlatte: der Massstab