Typisch Helene 63: Oman, Karikaturen, Einbrecher (23. November 2012)


Guten Tag, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, herzlich willkommen zur Sendung "Typisch Helene". Heute ist der 23. November, draussen ist es kalt und grau, und deshalb fangen wir gleich mit einer Reise in den Oman an. Wie ich Ihnen bereits erzählt habe, habe ich das Land vor kurzem mit einer Fotografin besucht. Und ich erzähle Ihnen, welche Eindrücke ich von dem unbekannten Land habe. Danach kommen wir zu etwas ganz Brisantem [1]: Zu Karikaturen über das Christentum.  Ich zeige Ihnen, welche Darstellung in diesem Jahr Christen auf der ganzen Welt aufgeregt hat. Und zum Schluss geht es noch um fremde Personen, die an Ihrer Haustüre klingeln. Oder besser gesagt: Ich leite Ihnen zu diesem Thema einen Tipp von der Polizei weiter.  Ich freue mich, sind Sie wieder mit dabei.


Oman 1Es kann gut sein, liebe Zuhörer, dass Sie irgendwann mal vom Sultanat Oman gehört, aber bereits vergessen haben, wo es liegt. Es ist zwar eine Feriendestination, die immer beliebter wird, aber  ich habe es oft erlebt, dass mir Leute gesagt haben: "Der Oman? Hmm, ja, wo liegt der genau? Irgendwo in der Nähe der Arabischen Emirate, nicht wahr?" Genau so ist es: Der Oman liegt zwischen den Emiraten, Saudiarabien und dem Jemen  und gehört zu den Golfstaaten. Aber im Gegensatz zu den anderen Golfstaaten und vielen anderen arabischen Ländern, die immer wieder in die Schlagzeilen geraten [2], hört man vom Oman kaum etwas. Es gibt keine Nachrichten zu Demonstrationen, zu religiösen Extremisten oder zu Menschenrechtsverletzungen. Es gibt keine  Auto-, Pferde- oder Kamelrennen, keine Stars, die dort ihren zweiten Wohnsitz haben, keine Wolkenkratzer [3],  nicht einmal Reisewarnungen. Kurz: Vom Oman ist kaum etwas bekannt. Man weiss zwar, dass es ein wunderschönes Land ist mit schneeweissen Häusern, hohen Bergen, grünen Tälern, mit tiefblauen Seen, hohen Sanddünen und einer fast 2000 Kilometer langen Küste.  Aber sonst hört man nichts. Das Land ist ein Rätsel.

"Wie langweilig!", könnte man nun sagen. "Wie interessant!", finde ich. "Denn warum ist das Land, das mitten in der arabischen  Welt liegt, so ruhig, dass man vergisst, dass es existiert? Wer sind die Omanis eigentlich?" Der Oman ist eine junge Nation. Noch bis vor vierzig Jahren waren die meisten Menschen Analphabeten, Kriege zwischen den verschiedenen Stämmen waren an der Tagesordnung [4]. Damals gab es keine Schulen, keine Spitäler, keine asphaltierten Strassen und schon gar keine Shoppingzentren. Erst als Sultan Qaboos die Macht übernahm, begann sich das Land zu entwickeln. Der Sultan ist so etwas wie ein guter Diktator, und die Menschen verehren ihn wie einen Vater. Er hält das Land eisern [5] in seinem Griff, modernisiert es aber sachte, Schritt für Schritt. Als erstes liess er Schulen bauen und sorgte dafür, dass auch die Mädchen in die Schule gehen. "Denn wenn man die Mädchen bildet, bildet man die ganze Nation", sagte er in einer Rede.  Er liess Inder, Pakistani, Somalis und Philippinos ins Land, damit sie halfen, Strassen und Spitäler aufzubauen. Heute sind fast ein Drittel der insgesamt 3, 4 Millionen Omanis Ausländer. So werden zum Beispiel die Kleidergeschäfte und Restaurants im Souq der Hauptstadt Muskat vor allem von Indern betrieben, auf Baustellen sieht man Menschen aus Pakistan und Bangladesch. Da das Land viel Öl und Gas hat, bezahlen die Omanis keine Steuern. Schulen und Gesundheitsversorgung sind gratis, jeder omanische Bürger hat sogar Recht auf ein eigenes Stück Land. Das macht das Leben bequem. Armut, wie ich sie in vielen anderen arabischen Ländern gesehen habe, existiert kaum. Aus diesem Grund gibt es auch keinen religiösen Extremismus.
Oman 2Etwas tun die Menschen im Oman besonders gerne: Picknicken. Ja, Sie haben richtig gehört: Picknicken. Also, wir Schweizer picknicken ja auch gerne, vor allem im Sommer und Herbst, wenn wir wandern gehen. Aber diese Liebe zum Picknick, wie ich sie im Oman gesehen habe, habe ich noch nie erlebt. Und das Beste ist: Wir kamen zufällig auch in den Genuss eines Picknicks. Und das kam so: Wir übernachteten in einem Campingplatz auf dem Jebel Shams, dem Berg der Sonne, mit 3000 Metern der höchste des Landes.  Auf diesem Campingplatz gab es kleine Villen, grosse Zelte und auch Plätze, auf denen die Besucher ihre eigenen Zelte aufstellen konnten. Als wir am Abend auf den Campingplatz kamen, hatte sich der ganze Platz in eine riesige Partyzone verwandelt. Es war ein hoher Feiertag, deshalb waren viele Einheimische [6], aber auch Inder und Pakistanis unterwegs. Und da omanische, indische und pakistanische Familien nicht wie bei uns bloss aus vier bis fünf Mitgliedern bestehen, sondern aus mindestens 20 bis 30, herrschte [7] um jedes Feuer herum ein grosses Fest:
Die Männer grillierten das Fleisch, Kinder rannten herum, Mädchen und Jungen tanzten, die Ehefrauen sassen auf Teppichen und schwatzten.
Wir setzten uns zusammen mit Attah, unserem Fahrer, auf eine Decke vor unserem Zelt und tranken Tee. Wir hatten bereits im Restaurant gegessen, deshalb sah unser Platz natürlich schrecklich leer aus. Plötzlich kamen vom Nachbarszelt zwei pakistanische Männer auf uns zu. In ihren Händen hatten sie zwei riesige Teller, auf denen Berge von Fleischspiesschen [8] lagen.  "Hier, das ist für euch", sagte der Jüngere. "Mein Vater hat das Lamm selber geschlachtet und ist nun seit Stunden daran, das Fleisch zu grillieren.  Er lernt gerade kochen. Probiert doch mal, wie euch die Marinade schmeckt." Der ältere, welcher der Vater sein musste, lächelte und sah gespannt zu, wie wir je ein Spiesschen nahmen, obwohl wir längst total satt waren.  Ich biss ins Fleisch hinein - und war begeistert: Noch nie hatte ich so gutes Fleisch gegessen. Es war zart, schmeckte nach Holzkohle und die Marinade aus Kardamon, Chili, Limonen und Knoblauch war gewaltig. "Das ist grossartig!", rief ich. "Wundervoll! Also, wenn dieses Fleisch Ihre Premiere ist, wie wird denn das sein, das Sie mit noch mehr Übung zubereiten?" Die beiden Männer lächelten stolz und warteten geduldig, bis wir alles aufgegessen hatten. Dann gingen sie zurück zu ihrer Familie - und waren fünf Minuten später  wieder bei uns. Diesmal hatte sie Steaks mitgebracht. "Wir haben genug Fleisch", sagte der Junge. "Hier, probiert das mal!" Und obwohl wir so satt waren, dass wir fast platzten,  griffen wir zu. Und an diesem Abend beschloss ich, dass eine meiner nächsten Reisen nach Pakistan gehen würde. Ich wollte noch mehr über die Kunst vom Marinieren wissen.

*******

Nun aber kommen wir zu unserem nächsten Thema, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer. Immer wieder sorgen Karikaturen über den Propheten Mohammed für weltweite Aufregung und Empörung. Und immer wieder starren wir dann gebannt [9] auf den Fernsehschirm, starren auf die wütenden Gesichter und diskutieren, ob man Karikaturen über Religionen machen darf oder nicht.  Und wir haben uns dann auf der Redaktion gefragt: Wie reagieren eigentlich Christen auf religiöse Karikaturen? Auf Karikaturen über das Christentum?

Wir haben recherchiert und gesehen: Werden in Filmen oder auf Zeichnungen christliche Themen parodiert, reagieren auch viele Christen sehr empfindlich. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Im März 2012 verursachte ein Werbespot der Getränkefirma Red Bull grosse Aufregung. Denn im Film sah man folgendes: Jesus sitzt mit zwei Jüngern [10] in einem Fischerboot. Plötzlich steht er auf und sagt: "Tja, Freunde, das wars dann. Hier passiert heute nichts mehr. Ich haue ab [11]!" Gelassen [12] steigt er aus dem Boot aus und geht über das Wasser. Die Jünger staunen und fragen sich: Hat er Flügel bekommen, weil er Red Bull getrunken hat? Das Getränk soll nämlich so kraftvoll sein, dass es den Menschen, die davon trinken, Flügel verleiht. Das ist der Werbe-Slogan von Red Bull. Jesus aber sagt: "Das ist kein Wunder. Man muss nur wissen, wo die Steine unter der Wasseroberfläche liegen, auf die man treten kann."

Das war eigentlich schon alles. Ziemlich harmlos, könnte man denken.  Aber die Reaktionen auf den Film waren heftig: Das katholische  Oberhaupt von Rio de Janeiro drohte mit rechtlichen Schritten. Bischöfe riefen dazu auf, während der Fastenzeit zu Ostern kein Red Bull zu trinken und forderten einen Boykott [13] des Getränks. In Südafrika wurde der Werbefilm nach Protesten von Christen und Muslimen sogar verboten. Der dortige nationale Islamrat erklärte, dass der Spot für Christen, Muslime und religiöse Menschen allgemein schmerzhaft sei."

Sie sehen also, liebe Zuhörer, wer sich über Religionen lustig macht, muss aufpassen. Trotzdem sollte man das tun können, finde ich. Denn Witze sind nicht immer ein Zeichen von fehlendem Respekt, sondern von Distanz zum Thema. Und Distanz zu haben, kann ganz gut sein. Denn Distanz klärt den Kopf, schärft den Blick und macht einen gelassen.


*******

KlingelSo, liebe Zuhörer, und nun zum Schluss noch folgendes: Vielleicht haben Sie diese Situation schon einmal erlebt oder sie kommt Ihnen zumindest bekannt vor: Eine fremde Person steht vor der Haustür des Wohnblocks, indem Sie wohnen und klingelt ausgerechnet bei Ihnen. Was tun? Soll man die Türe aufmachen oder nicht? Man muss vorsichtig sein. Einbrüche geschehen in der Schweiz sehr oft.  Im letzten Jahr sind laut Statistik 52'735 Einbrüche begangen worden. 19'410 mal ist in Mehrfamilienhäusern eingebrochen worden, 9'075 mal in Einfamilienhäusern.  Das ist viel. Und nur 11, 5 Prozent aller Fälle werden aufgeklärt.
Denn die Banden sind sehr mobil. Sie können heute im Kanton Aargau einbrechen und morgen bereits wieder in der Ostschweiz.  Und gerade jetzt, in der Vorweihnachtszeit, gibt es sehr viele Einbrüche.
Da ich von Leserinnen und Lesern unseres Magazins gefragt worden bin, was man in dieser Situation tun soll, habe ich die Kantonspolizei Zürich angerufen und einen ihrer Experten gefragt.  Der war für die Frage sehr dankbar. "Es ist sehr gut, dass Sie uns angerufen haben", sagte er. "Denn diese Situation kann tatsächlich problematisch sein. Wenn also eine fremde Person an der Wohnungstür klingelt, sollten Sie nicht einfach auf den Türöffner drücken, sondern erst via Gegensprechanlage [14] nachfragen, wer da ist.  Falls der Besucher dann zum Beispiel sagt, dass er der Familie Müller etwas bringen muss,  ist es gut, wenn Sie die Türe aufmachen, ins Treppenhaus gehen und mit ihm Kontakt aufnehmen. Einfach nur die Tür öffnen und denken, "das ist mir doch egal, das kommt schon gut", wäre unkorrektes Verhalten." Daran denke ich nun jedes Mal, wenn es bei mir an der Haustüre klingelt. Denn sicher ist sicher.

   
*******

Ja, liebe  Zuhörerinnen und Zuhörer, das wars schon wieder für heute. Ich hoffe, Sie schalten am 7. Dezember wieder auf www. podclub.ch ein.  Dann geht es unter anderem um ein heisses Bad in Wind und Regen. Geniessen Sie die Vorweihnachtszeit. Bis dann! Ich freue mich auf Sie! Auf Wiederhören.


 

[1] brisant: aufregend, kontrovers
[2] in die Schlagzeilen geraten: auf die Titelseite von Zeitungen kommen
[3] der Wolkenkratzer: sehr hohes Haus oder Gebäude
[4] an der Tagesordnung sein: alltäglich sein
[5] eisern: sehr fest
[6] der, die Einheimische: jemand, der im Land selbst geboren ist
[7] herrschen: sein
[8] das Spiesschen: ein kleines Stück Holz, an das man Fleisch stecken kann
[9] gebannt: konzentriert
[10] der Jünger: Gefolgsleute
[11] abhauen: verschwinden
[12] gelassen: ruhig
[13] der Boykott: Weigerung, etwas zu konsumieren oder zu kaufen
[14] die Gegensprechanlage: Telephon an der Türe