Zu Gast bei Dagmar 8: Ein Hausputz, am Neuenburger See und der 1. August (17. Juli 2009)


Hallo und guten Tag. Hier bin ich wieder: Ihre Dagmar aus Neuenburg. Heute ist der 17. Juli und ich begrüsse Sie herzlich zu meinem Podcast  "Zu Gast bei Dagmar". Ich habe es Ihnen bereits in der letzten Sendung am 3. Juli angekündigt: heute ist die letzte Sendung vor den Sommerferien, und ich würde mich freuen, wenn sie Ihnen gefällt. Heute bleiben wir für alle drei Geschichten in Neuenburg, denn schliesslich kenne ich mich hier am besten aus. Ich beginne zunächst mit einem Hausputz, dann folgt das Erlebnis auf dem Neuenburger See und zum Schluss erzähle ich Ihnen über die Bundesfeier zum 1. August und meine besondere Vorliebe [1] für das Feuerwerk in Neuenburg.


Ich wohne in einer Überbauung [2] mit ungefähr 20 Wohnungen, die an einem Hang liegt.
Zwischen den Treppenhäusern und entlang der Wohnungen sind Büsche und Bäume gepflanzt und teilweise Grasflächen angelegt. Irgendwann haben die Bewohner festgestellt, dass die Büsche und Bäume geschnitten und das Gras gemäht [3] werden musste. Das war eine schöne Überraschung und niemand wollte dafür die Verantwortung [4] übernehmen. Teilweise haben sich die Leute selbst darum gekümmert, meistens aber auch nicht. Und gleichzeitig sammelten sich Blätter und Staub in den Treppenhäusern an. Während des Winters wurden die Treppen und Gänge auch nicht von Schnee und Eis befreit und es kam, wie es kommen musste: es gab kleinere Unfälle. Natürlich wollte auch niemand einen Hauswart oder einen Gärtner bezahlen, sodass man nach einer Versammlung beschloss, einen Hausputztag einzuführen. Dabei sollten alle Bewohner mithelfen. Mittlerweile [5] gibt es zwei Hausputztage im Jahr. Einmal im Frühsommer, einmal im Spätherbst. Im Winter muss jeder die Passagen und Treppen zu seiner Wohnung sauber halten. Das tönt ganz einfach, denken Sie? Ist es aber nicht.

Bevor ich Ihnen erzähle, wie so ein Hausputz abläuft, muss ich Ihnen von meinem Nachbarn berichten, der mir gegenüber wohnt. Aber, das müssen Sie mir versprechen, das bleibt unter uns. Ok? Also, unsere Wohnungen sind durch einen Weg getrennt und auf jeder Seite ist ein schmaler Streifen Gras mit Büschen und Bäumen. Mein Nachbar lebt praktisch in einer Wildnis, denn bei ihm sind die Bäume bereits meterhoch. Das Gras kann ungehindert wachsen und das Unkraut ebenso. Aber niemand beschwert sich [6] oder mischt sich ein, denn Individualität wird in Neuenburg gross geschrieben. Jedenfalls finden wir alle diesen Herrn etwas eigenartig. Denn an jedem Sonntagmorgen geht er langsam und bedächtig um seinen Garten herum. Er bleibt immer wieder stehen, dann bückt er sich nach vorne und tut irgendetwas. Wir wissen nur nicht, was er da macht. Das alles war uns irgendwie unheimlich. Denn an dem Zustand seines Gartens oder vielmehr der Wildnis änderte sich nie etwas. Hatte er dort einen Schatz vergraben? Was suchte der Mann eigentlich jeden Sonntag dort? Vor ein paar Wochen, an einem Sonntag, schaute ich aus dem Fenster und sah meinen Nachbarn wie er sich über die Grasfläche beugte. Aha, habe ich bei mir gedacht, jetzt bleibe ich so lange am Fenster stehen und schaue zu, was er da macht. Endlich wird sich das Rätsel lösen. Endlich werde ich wissen, was es mit der geheimnisvollen Tätigkeit auf sich hat. Ich gebe ja zu, ich war sehr neugierig und sehr, sehr gespannt. Sie werden niemals erraten, was dann passierte. Mein Nachbar hat mit einer grossen Schere schnipp schnapp das Unkraut abgeschnitten anstatt es mit den Wurzeln heraus zu reissen. Ich konnte es einfach nicht glauben und musste laut lachen. Da war kein Schatz in der Erde vergraben, es gab keine geheimnisvollen Rituale, sondern ganz einfach eine ganz besondere Art von Gartenpflege. Haben Sie so etwas schon mal gesehen? Ganz bestimmt nicht.

Aber letzte Woche, als wir unseren Putztag hatten, haben sich dann zwei Bewohner um die Wege gekümmert und auch um das Unkraut meines Nachbarn. Unser Hausputz beginnt morgens um acht Uhr. Da treffen wir uns in der Garage. Eine Nachbarin bringt Café und Gipfeli [7] und wir besprechen, was zu tun ist. Die Frauen putzen die Treppenhäuser und die Wege, putzen die Lampen und Treppengeländer, die Männer schneiden Bäume, Gras und Büsche. Um die Mittagszeit bringen alle ihre Tische und Stühle in die Garage und es gibt ein gemeinsames Mittagessen. Diese Zusammenkünfte [8] sind eigentlich die einzige Möglichkeit sich näher kennen zu lernen, neue Leute zu begrüssen, alte zu verabschieden und kleinere Probleme zu besprechen. Denn während der Woche sind alle beschäftigt und am Wochenende will jeder seine Ruhe. Übrigens, die Idee mit einem gemeinsamen Hausputztag hat sich bei uns im Quartier [9] herum gesprochen und einige machen es jetzt nach.

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Vielleicht wohnen Sie auch an einem der vielen schönen Seen in der Schweiz. Dann wissen Sie, dass die Anwohner ein besonderes Verhältnis zum Wasser haben. Irgendwann haben alle damit zu tun. Mit dem Fischfang, mit der Schifffahrt, mit der Seepolizei, mit den Bootsbauern und mit den Bootsbesitzern. Sonntags gehen die Menschen am Seeufer entlang spazieren und bewundern die Segel- und Motorboote oder sie machen eine Fahrt auf einem der grossen Ausflugsschiffe. Die erste richtige Bekanntschaft [10], die ich mit einem Boot machte, war allerdings etwas speziell. Und es fing alles ganz harmlos an. Es war ein wunderschöner Samstag mit blauem Himmel und meine Kinder und ich haben einen Spaziergang zu einem der kleinen Häfen am Neuenburgersee gemacht. Komischerweise [11] war es sehr still an diesem Tag und wir hatten den Eindruck, dass praktisch alle Schiffe - gross und klein - noch im Hafen lagen. Das war ungewöhnlich bei dem schönen Wetter. Auf einmal hörte ich, wie mein Sohn laut bei seinem Vornamen gerufen wurde. Als wir uns umdrehten, sahen wir an einem anderen Steg einen jungen Mann winken, der mit einer langen Stange im Wasser herum bohrte. Wie es sich herausstellte war der junge Mann ein Schulfreund meines Sohnes, der offensichtlich [12] versuchte, das Schiff seiner Eltern von irgendwelchen Gegenständen zu befreien. Als wir näher kamen, sahen wir dann, dass nicht nur dieses Boot sondern auch alle anderen Schiffe von einer massiven Schicht Seetang umgeben waren, die ein Auslaufen unmöglich machten. Was war passiert?

Ein Unwetter hatte in der Nacht vorher diese Pflanzen von dem offenen See in den Hafen getrieben und umgab nun die Schiffe und deren Motoren mit einer riesigen, grünen Wand. Unsere Hilfe war also gefragt. Wir haben also in einem Schuppen nach weiteren Bootshaken gesucht und begonnen, den Seetang aus dem See zu fischen. Nach kurzer Zeit waren riesige Haufen auf dem Steg gesammelt, aber es war immer noch nicht genug. Die Vorderseite des Schiffes, also der Bug, war immer noch nicht frei. Kurzerhand habe ich die Schuhe ausgezogen, bin auf das Boot gesprungen und bin schwankend nach vorne gelaufen. Und natürlich kam es, wie es kommen musste. Ich bin ausgerutscht, habe den Halt verloren und bin kopfüber in das kalte Wasser mit den grünen Pflanzen gefallen. Zuerst war ich natürlich sehr erschrocken, weil das Wasser sehr kalt war, aber ich dachte bei mir, dass ich ja schwimmen kann. Also habe ich versucht wieder zurück an den Bootssteg zu schwimmen. Aber die dicken Algen, die metertief ins Wasser ragten, umfingen meine Beine und ich konnte mich nicht vorwärts bewegen. Ich bekam plötzlich richtige Angst. Und am Ufer standen die jungen Leute und fanden es sehr lustig, dass eine ältere Dame ins Wasser gefallen war. Als sie mich dann verzweifelt rufen hörten, erkannte mein Sohn den Ernst der Lage, nahm einen langen Bootshaken, sprang auf dem Boot nach vorne an den Bug und versuchte mir den Stock zu reichen. Nach mehreren Versuchen klappte das endlich und mein Sohn konnte mich Zentimeter für Zentimeter in Richtung Steg ziehen. Als ich endlich aus dem Wasser an den Steg herausklettern konnte, sah ich nicht wie eine Seejungfrau aus sondern eher wie ein Häufchen Elend [13]. Nun, das war mein erstes Abenteuer im und am Neuenburger See. Vielleicht habe ich ja die Gelegenheit Ihnen irgendwann über weitere Erlebnisse auf dem See zu berichten.

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Ich freue mich schon heute auf ein Ereignis, das erst in gut zwei Wochen stattfindet: nämlich auf den 1. August. Sie wissen ja bestimmt, dass der 1. August der Schweizer Nationalfeiertag ist. Anfang August, im Jahr 1291, trafen sich die Männer von Uri, Schwyz und Unterwalden auf dem Rütli am Ufer des Vierwaldstättersees und vereinten sich zu einem Bund gegen die Habsburger. Dieses Bündnis dokumentiert mit dem Bundesbrief seitdem die Gründung der Eidgenossenschaft. Als Symbol der Freiheit werden seit dieser Zeit auf den Bergen und Höhen Feuer angezündet. Später wurden daraus Feuerwerke. Und ich freue mich vor allem auf die festliche Stimmung und ganz besonders auf das Feuerwerk im Neuenburger Hafen. Als ich vor vielen Jahren das Feuerwerk zum ersten Mal gesehen habe, war ich total begeistert. Selten, das heisst eigentlich nie zuvor hatte ich irgendwo auf der Welt ein solches Feuerwerk gesehen. Und egal wo ich gerade war, ich habe immer versucht am 1. August wieder in Neuenburg zu sein. Klingt ein bisschen verrückt, nicht wahr? Aber Sie können sogar im Internet nachlesen, dass das Feuerwerk in Neuenburg zum 1. August zu den schönsten in Europa gehört. Vielleicht haben Sie einmal die Gelegenheit an diesem Feiertag am Abend gegen 22h00 mit dabei zu sein. Vorher reden einige Politiker auf der Place Numa Droz über die Bedeutung [14] dieses Tages, über die mehr als 700jährige Geschichte der Schweiz und über die wirtschaftliche und politische Zukunft der Stadt und des Landes. In diesem Jahr werden die Wirtschaftskrise und die Schweinegrippe bestimmt zu den wichtigen Themen gehören, weil alle Menschen davon betroffen sind. In erster Linie aber fühlen sich die Menschen an diesem Tag besonders miteinander verbunden, egal ob Schweizer oder Ausländer. Tausende von Menschen strömen am 1. August an den See und warten geduldig auf das Feuerwerk. In den Nachbargemeinden Marin, Colombier und St. Aubin beginnen die Feuerwerke schon etwas früher und auf der gegenüber liegenden Seeseite in Cudrefin, Portalban und Estavayer ebenso. So weit Sie schauen, der ganze See ist in ein Lichtermeer getaucht. Es herrscht eine fröhliche Stimmung und die Menschen geniessen diesen Abend.

Im vergangenen Jahr war ich natürlich auch wieder am See und bin im Anschluss an das Feuerwerk noch in eine Bar gegangen, weil ich einfach keine Lust hatte, nach Hause zu gehen. Ich habe einen "Blanc Cass" bestellt - also ein Glas Weisswein mit einem Schuss Cassis-Likör. Nachdem ich mein Glas fast leer getrunken hatte, stellte mir plötzlich die Bardame ein zweites Glas hin. Ich war ganz erstaunt, weil ich nichts mehr bestellt hatte und schaute in die Runde an der Bar. Da schaute mich ein junges Paar auf der anderen Seite sehr freundlich an und prostete [15] mir zu. Die junge Frau rief mir dann zu "auf den 1. August und damit Sie nicht ganz allein sind". Ich fand diese Geste [16] ganz reizend und habe mich riesig gefreut. Vielleicht sehe ich in diesem Jahr die jungen Leute wieder. Dann werde ich ihnen ein Glas "Blanc Cass" bestellen. Und ich werde mich wieder über das Feuerwerk freuen, aber vor allem freue ich mich über das Symbol der Freiheit, dass das Feuer in unseren Herzen entzünden soll.

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Das wars wieder einmal für heute. Ich hoffe, die Themen waren nach Ihrem Geschmack. Ich freue mich auf Ihre Kommentare auf www.podclub.ch. Jetzt wünsche ich Ihnen einen schönen Sommer und freue mich, wenn Sie bei der ersten Sendung nach der Ferienpause, am 4. September 2009, wieder mit dabei sind. Bis dann grüsst Sie, wo immer Sie auch sind, Ihre Dagmar.




[1] die Vorliebe: die Schwäche, das Interesse
[2] die Überbauung: die Wohnanlage
[3] mähen: schneiden
[4] die Verantwortung: die Pflicht
[5] mittlerweile: inzwischen, unterdessen
[6] sich beschweren: reklamieren
[7] das Gipfeli: das Croissant
[8] die Zusammenkunft: das Treffen, die Versammlung
[9] das Quartier: der Bezirk, das Viertel
[10] die Bekanntschaft: der Kontakt
[11] komischerweise: eigenartigerweise
[12] offensichtlich: erkennbar, augenscheinlich
[13] das Häufchen Elend: bemitleidenswert
[14] die Bedeutung: der Sinn, die Wichtigkeit
[15] zuprosten: zutrinken, das Glas erheben
[16] die Geste: das Zeichen, die Aufmerksamkeit