Zu Gast bei Dagmar 10: Kantonale Unterschiede, Bücher und Sprachprobleme (18. September 2009)


Hallo und guten Tag. Gerne begrüsse ich Sie heute, am 18. September, zu meinem Podcast "Zu Gast bei Dagmar". In der letzten Sendung habe ich Ihnen bereits einige Themen angekündigt über die ich heute erzählen möchte. Das eine Thema dreht sich um meine kleinen Sprachprobleme, die ich in der Zwischenzeit in Deutschland habe. Ich vermische seit einigen Jahren Hochdeutsch und Dialekt in der gesprochenen Sprache. Aber davon später. Die anderen Themen für heute sind noch Bücher und das Schulsystem in der Schweiz sowie kantonale Unterschiede.
      

Fangen wir gleich mit der Schule an. Bestimmt ist Ihnen schon aufgefallen, dass es in der Schweiz kein einheitliches System gibt, was die Schulnoten betrifft. In vielen Kantonen ist sechs die beste Note und eins die schlechteste, in anderen wiederum ist die eins die beste und die sechs die schlechteste Note, wie zum Beispiel in Neuenburg. Das führte übrigens vor vielen Jahren dazu, dass Albert Einstein, der berühmte Physiker, als schlechter Schüler bekannt wurde. Und dies nur, weil sein deutscher Biograf [1], das Notensystem des Kantons Aargau mit dem deutschen System verwechselt hatte. In Deutschland ist die eins die beste Note und zwar in allen Bundesländern. In der föderalistischen [2] Schweiz ist vieles anders. Während einige Kantone bereits den so genannten Blockunterricht eingeführt haben, tun sich andere Kantone noch sehr schwer damit. Kurz ein paar Erklärungen zum Blockunterricht: eine Schulstunde ist nicht auf 45 Minuten beschränkt; ein bestimmtes Thema kann intensiv besprochen werden und der Unterricht wird konzentrierter [3]. Die Schüler könnten in der Schule essen und auch die Hausaufgaben würden in der Schule erledigt.

Aber was nützt dies den Schülern, die eine weite Strecke zurücklegen müssen und auf den Bus oder den Zug angewiesen sind? Natürlich ist dies auch eine Kostenfrage. Denn die Gemeinden müssten mehr Lehrpersonal engagieren, für die Infrastruktur [4] sorgen, eine Küche einrichten, den notwendigen Platz zur Verfügung stellen und vieles mehr. Zu meiner Schulzeit in Deutschland war es einfacher, denn ich hatte am Nachmittag keinen Schulunterricht, höchstens bis um 14 Uhr. In der Schweiz ist nur der Mittwochnachmittag schulfrei. Der Nachteil des deutschen Systems war aber eindeutig die nicht vorhandene Aufsicht über die Schulaufgaben. Denn wenn ich am frühen Nachmittag nach Hause kam, hatte ich oft keine Lust mehr, die Schulaufgaben zu erledigen und das hat sich nicht immer gut auf meine Schulnoten ausgewirkt. Ehrlich gesagt, ich war wohl etwas faul und war mehr mit meiner Freizeit beschäftigt als mit den Aufgaben. Gegen Ende des Schuljahres wurde ich dann ganz plötzlich sehr fleissig und musste mich umso mehr anstrengen um es in die nächste Klasse zu schaffen.

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Wie Sie wissen, gibt es noch mehr kantonale Unterschiede oder besser: kantonale Eigenarten [5] Das geht von den Steuern über das Wasser und die Elektrizität bis hin zum Abfall - um nur einige Unterschiede zu nennen. Die Tabelle für kantonale Steuern ist sehr unterschiedlich. Desgleichen gibt es unterschiedliche Gebührenansätze für Wasser und für Strom, je nachdem wie viel andere Energien (Solar, Wind, Atom) zur Verfügung stehen. Jeder Kanton hat da sein eigenes System. Das gilt auch für den Abfall, der Entsorgung von Müll sowie der Abfalltrennung. Die Schweizer sind Meister im Trennen von Müll [6]. In jedem Quartier eines Dorfes oder einer Stadt stehen grosse Container, die für Papier, Karton, Glas und Metall bestimmt sind. Egal welches System ein Kanton bevorzugt - es hat in den vergangenen Jahren dazu beigetragen, dass unsere Seen sauber sind und dass das Wasser aus dem Wasserhahn trinkbar ist. Das ist nicht in allen Ländern selbstverständlich.

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Nun aber genug von den kantonalen Unterschieden, wenden wir uns einem anderen Thema zu. Ich bin eine Leseratte [7]. Sie auch? Lesen ist eines meiner grossen Hobbies. Kein Tag vergeht ohne Buch. Am liebsten lese ich abends im Bett oder bei schönem Wetter draussen auf dem Liegestuhl. Und jetzt möchten Sie wissen, was ich lese? Ich gebe zu, dass sich mein Lesegeschmack in den letzten Jahren stark verändert hat. Die Zeit der Klassiker und der Biografien ist vorbei. Ich bevorzuge nur noch leichte, spannende Lektüre. Wie zum Beispiel Bücher von Wilbur Smith, Dan Brown, Nelson DeMille. Vor einigen Monaten war ich wieder auf der Suche nach spannendem [8] Lesestoff in einer Buchhandlung in Bern. Als ich mit zwei neuen Büchern an der Kasse stand, fragte mich die Verkäuferin ob ich Lust hätte auf etwas ganz anderes, spezielles und ob ich die Bücher von Stephanie Meyer kennen würde? Sie erzählte mir dann von irgendwelchen Vampir-Geschichten [9] und schlug mir vor, dass ich am besten alle vier Bücher auf einmal kaufen solle. Sie können sich sicher vorstellen, dass ich extrem skeptisch [10] war. Erst als die junge Dame meinte, dass ich die Bücher wieder zurückbringen dürfe, wenn sie mich nicht überzeugen [11] könnten, habe ich zugegriffen. Und ich habe alle vier so schnell als möglich gelesen.

Natürlich ist der Inhalt erfunden und beinahe märchenhaft und leicht verrückt. Aber auch erwachsene Leute dürfen Märchen lesen und sich dabei vergnügen. Den Kauf dieser Bücher habe ich keinen Moment bereut. Es geht dabei um eine normale Menschen-Schülerin namens Isabella und deren Verliebtheit in den Vampir Edward, der ihr Mitschüler ist. Das junge Mädchen lässt sich nicht davon abschrecken, dass ihr Freund zwar nach aussen wie ein normaler Mensch handelt aber trotzdem viele Eigenarten aufweist. Mit ihm und mit seiner Familie besteht sie dann viele Abenteuer [12] mit bösen Vampiren. Ich habe es Ihnen schon in meinem letzten Podcast erzählt: die erste Verfilmung dieser Vampir-Bücher namens "Twilight" habe ich bereits im Kino gesehen und sobald die zweite Folge kommt, werde ich sie mir anschauen. Habe ich Sie neugierig gemacht? Immerhin wurden diese Bücher weltweit für Buchpreise nominiert- auch wenn alles sehr unwirklich und phantastisch klingt.

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Vor einigen Jahren legte einer meiner Chefs grossen Wert darauf, dass ich seine schriftstellerischen Artikel und auch seine Korrespondenz auf "Helvetismen" [13],also auf schweizerische Ausdrücke überprüfe und korrigiere. Das habe ich natürlich gerne getan und war damals, wie er, davon überzeugt, dass Hochdeutsch auf Papier perfekt sein muss. Nun gut, eine geschriebene Version sollte fehlerfrei sein und einen guten Eindruck hinterlassen. Das gilt heute noch genauso wie früher. Allerdings hat sich diese - und auch meine - Ansicht in den letzten Jahren stark verändert. Denn jede Nation hat in ihrer Sprache unterschiedliche Dialekte. Die Engländer genauso wie die Deutschen, die Franzosen, die Italiener, die Spanier und die Schweizer. In der gesprochenen Sprache darf heutzutage ohne Probleme der Tonfall des jeweiligen Dialektes zu hören sein, ebenso wie landestypische Wörter. Das führt dann manchmal zu kleinen Missverständnissen [14] über die man aber dann gemeinsam lachen kann.

"Du bist ja Grosi geworden!" Mit diesen Worten habe ich meine Freundin in Deutschland begrüsst als ich sie während der Sommerferien für ein paar Tage besuchte. "Aber ich habe dir ja schon per Natel gratuliert", sprach ich weiter. Meine Freundin schaute mich leicht verwirrt an und fragte mich, was ich denn sagen wollte. Da habe ich erst realisiert, dass ich schweizerische Ausdrücke in mein Hochdeutsch integriert habe. Grosi heisst natürlich Oma und das Natel ist ein Handy. Nun sind wir schon mitten in den kleinen Sprachproblemen, von denen ich Ihnen noch ein paar Beispiele geben möchte. Das Velo ist ein Fahrrad, der Coiffeur ist ein Friseur und das Lavabo ist ein Waschbecken. Aber ganz abgesehen von den sprachlichen Unterschieden zwischen Hochdeutsch und Schweizerdeutsch, die Deutschen haben ebenso ihre Dialekte und in jedem Bundesland besondere Ausdrücke. Wie zum Beispiel in Hessen, im Rheinland, in Bayern und in Sachsen. Meistens kann man sogar am Tonfall heraus hören, aus welchem Bundesland jemand kommt. Vielleicht haben Sie das auch schon bemerkt.

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So, das war's wieder für heute. Wie immer freue ich mich auf Ihre Kommentare unter www.podclub.ch. Im nächsten Podcast erzähle ich Ihnen Geschichten rund um das Telefon, über bestimmte Gedenktage, wie zum Beispiel dem Erntedankfest und dem Weltspartag und anderes mehr. Ich würde mich freuen, wenn Sie dann wieder einschalten. Bis dann grüsst Sie, wo immer Sie auch sind, Ihre Dagmar.




[1] der Biograf: der Chronist
[2] föderalistisch: autonom, selbstbestimmend
[3] konzentriert: intensiv
[4] die Infrastruktur: Begriff für Verbesserung und Erhaltung öffentlicher Anlagen
[5] die Eigenart: das Merkmal, die Besonderheit
[6] der Müll: der Abfall, der Kehricht
[7] die Leseratte: der Bücherliebhaber
[8] spannend: interessant, mitreissend
[9] der Vampir: der Blutsauger
[10] skeptisch: ungläubig, zweifelnd
[11] überzeugen: überreden, umstimmen
[12] das Abenteuer: das Erlebnis
[13] der Helvetismus: die schweizerische Eigenart
[14] das Missverständnis: der Irrtum (in der Kommunikation)

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Maria 08-12-2009 11:06
Hallo Dagmar! Ich finde deine Texte immer wunderschoen,do ch heute moechte ich gerne etwas beifuegen..Das stimmt ja, dass viele Voelker ihre Dialekte haben-jedenfall s nicht alle oder wenn schon nicht so sehr intensiv-aber sie werden nur selten gebraucht und wenn schon nur zwischen den Einheimischen. Schweizerdeutsc h ist ein der schwierigsten deutschen Dialekten mit zahlreichen Unterdialekten. ..doch niemand in der Deutschschweiz hat sich je gefragt, wie schierig ist es fuer einen Auslaender zuerst die deutsche Sprache zu lernen (Grundstufe, Mittelstufe,Kle ines-Grossesspr achdiplom)und dann mit Schweizerdeutsc h konfrontiert zu werden...am Anfang versteht man buchstaeblich nichts und erst nach vielen Jahren vielleicht nur 70%...eine grosse Entauschung nach all dieser Muehe...Die Schweizer sind so ein nettes und freundliches Volk, doch in diesem Punkt wuerde ich mehr Verstaendnis erwarten. Viel en Dank und mach weiter so!